Über Judenhass und Stereotype

Der Berliner Historiker Wolfgang Benz sieht nicht mehr Judenfeindschaft in Deutschland als in früheren Jahren

Chemnitz.

Der Antisemitismusforscher macht sich keine Illusionen darüber, dass es Judenfeindschaft irgendwann mal nicht mehr geben könnte. In Deutschland sei der Hass aber quantitativ seit Jahren konstant. Am Donnerstagabend kommt Benz zu einem Vortrag nach Chemnitz. Stephan Lorenz sprach mit ihm über die verschiedenen Formen von Judenhass und über israelfeindliche Muslime.

Freie Presse: Wo liegen die Wurzeln des Antisemitismus?

Wolfgang Benz: Antisemitismus ist, wenn man Juden hasst, weil sie Juden sind. So einfach ist das. Die Wurzeln gehen zurück bis in die Antike. Die erste Erscheinungsform von Judenfeindschaft ist der religiös motivierte Anti-Judaismus. Das geht gegen Juden, weil sie die christliche Heilslehre nicht annehmen, weil sie nicht an Jesus Christus glauben wollten, sondern ihren alten angestammten Glauben ausüben. Damit wurden Juden zu Außenseitern.

Im 19. Jahrhundert kam in Deutschland eine andere Judenfeindlichkeit auf. Der Journalist Wilhelm Marr prägte 1879 den Begriff Antisemitismus und gründete die Antisemitenliga. Was war anders?

Der Unterschied war fundamental. Der Anti-Judaimus endet in dem Moment, in dem der Jude sich taufen lässt und Christ wird. Wilhelm Marr hat uns den neuen Begriff beschert. Er argumentierte pseudowissenschaftlich: Er sagte, es liegt nicht an der Religion, sondern an den Genen. Man hielt die Juden für eine Rasse. Der Frontalangriff war rassistisch und angeblich wissenschaftlich begründet. Daher der komplizierte und falsche Ausdruck Antisemitismus.

Warum falsch?

Weil er unterstellt, es gebe eine Rasse oder eine ethnische Gemeinschaft der Juden. Semiten sind lediglich eine Sprachfamilie. Der fundamentale Unterschied zum Anti-Judaismus: Wenn es genetisch bedingt ist, dass der Jude schlecht ist, dann nutzt die Taufe nichts. Dann kann man ihn nur vertreiben oder vernichten. Das ist die Lehre des modernen Antisemitismus, die dann Hitler im Holocaust zur letzten Konsequenz geführt hat.

Gibt es unterschiedliche Formen?

Antisemitismus hat sich als Oberbegriff für jede Form von Judenfeindschaft eingebürgert. Es gibt aber vier Arten: den Anti-Judaismus, den rassistischen, den sekundären und den anti-zionistischen Antisemitismus.

Was ist denn der sekundäre Antisemitismus?

Es ist eine Erscheinung der alten Bundesländer, weil sich diese Judenfeindschaft an Wiedergutmachungsleistungen festmacht. Es ist der Judenhass aus Schuld- und Schamgefühlen wegen Auschwitz. Das Argument lautet: Die Juden würden aus dem Holocaust noch ein Geschäft machen. Man müsse ewig büßen und zahlen.

Und die vierte Variante, die anti-zionistische?

Es ist die heute in den Blickpunkt gerückte Spielart der Judenfeindschaft: Der Anti-Zionismus war übrigens eher eine Spezialität der DDR als der Bundesrepublik. Er dient dazu, den Staat Israel als Schurkenstaat zu denunzieren. Aktuell gibt es Aktivisten in Deutschland, die den Antisemitismus nur auf den Hass gegen Israel reduzieren wollen.

Hass auf Israel gibt es auch in der muslimischen Welt, oder?

Muslime sind ursprünglich keine Antisemiten. Der islamische Kulturkreis kennt keinen Rassismus wie der europäische. Es ist politischer Hass gegen Israel, der viele Muslime antreibt. Aber es wäre falsch zu sagen, dass die Muslime aufgrund ihrer Religion und Kultur einen genuinen Hass auf Juden hätten. Das ist die christliche Spezialität.

Aber es wird politisch instrumentalisiert, oder?

Für Islamkritiker und Muslimfeinde ist es einfach, Flüchtlinge pauschal als Antisemiten zu bezeichnen. Es ist eben ein zusätzliches Argument gegen Zuwanderung. Der vermeintliche muslimische Antisemitismus ist aber Importware aus Europa, denn die Argumente stammen von hier, zum Beispiel aus den "Protokollen der Weisen aus Zion". In Europa war das auf Fälschungen beruhende antisemitische Pamphlet nach 1900 weit verbreitet, jetzt ist es im arabischen Kulturraum als ideologische Waffe gegen Israel beliebt. Das ist aber alles nicht dort entstanden, sondern in Europa.

Wie ist der aktuelle Stand der Forschung zum Judenhass?

Es gibt keinen neuen Antisemitismus. Das wird etwa alle zehn Jahre behauptet, aber es stimmt nicht. Die Argumente gegen die Juden sind immer die gleichen. Auch die Behauptung, der Hass werde immer mehr, stimmt so nicht. Zumindest ist es nicht zu belegen. Der Verweis auf obszöne Äußerungen im Internet ist kein Beleg für die Quantität der Judenfeindschaft. Es mag eine gefühlte Sorge bei manchen Menschen sein, aber in Zahlenwerten oder Kriminalstatistiken ist das nicht zu belegen. Die Situation hierzulande ist seit langer Zeit konstant.

Aber die öffentliche Aufmerksamkeit ist geschärfter?

Ja. Wenn wie jüngst in Chemnitz eine böse Tat gegen ein jüdisches Restaurant geschieht, dann findet das eine breite Berichterstattung in der ganzen Republik. Es ist aber nichts Neues im Gange. Wenn ein Rabbiner in Berlin in der Nacht von einem unbekannten Muslim niedergeschlagen wird, dann ist das ein beklagenswerter Einzelfall, aber nicht die Regel. Wenn sich wie im Frühsommer Tausende Menschen zu einer Demonstration unter dem Titel "Wir tragen Kippa" treffen, ist das eine schöne Geste der Solidarität mit den Juden. Aber der Anlass - ein junger Muslim hatte einen nichtjüdischen Kippa-Träger in Berlin mit einem Gürtel geschlagen - war ein Einzelfall.

Viele haben aber heute Angst, eine Kippa zu tragen?

Jeder Jude hat in Deutschland das Recht, Angst zu haben oder sich besorgt zu zeigen. Das ist gar keine Frage. Ich bin aber als Wissenschaftler nach Tatsachen gefragt, nicht nach Emotionen.

Ist jede Kritik an der Politik Israel antisemitisch?

Wenn ich sage, die derzeitige Politik Israels ist kein Weg zum Frieden mit den Palästinensern, so ist das Kritik an der Regierung in Tel Aviv - mehr nicht. Es wäre aber Hetze, wenn ich sagen würde, die Israelis müsste man ins Meer treiben, weil sie ja gar kein Recht auf diesen Staat haben, oder dass sie alles kaputt machen würden, wenn man ihnen einen Staat gibt - das ist dumpfer Antisemitismus.

Gibt es im Osten mehr Antisemitismus als im Westen?

Nein. Umfragen nach der Wende 1989/90 hatten sogar ergeben, dass es viel weniger davon gibt als im Westen. Vermutlich wussten damals viele gar nicht, um was es ging. Die Einstellungsebenen dürften aber ziemlich gleich sein, denn judenfeindliche Stereotype werden über Generationen und Systeme hinweg weitergegeben. Einen Unterschied gab es jedoch: Das Israelbild ist im Osten negativer als im Westen - als Folge der antizionistischen Propaganda der DDR.

Haben Sie als Antisemitismusforscher die Hoffnung, dass der Judenhass mal ausstirbt?

Es wäre eine fromme Illusion. Alle anständig denkenden Menschen nach 1945 dachten, es könne nach dem Holocaust nie mehr Judenfeindlichkeit geben. Das war ein großer Irrtum. Wir werden dieses Vorurteil niemals ausrotten können. Dafür sitzt es zu fest und besteht zu lange in den Köpfen. Alles, was wir tun können, ist die Sache einzudämmen und kleinzuhalten. Noch ist es Konsens in Deutschland, dass man mit antisemitischen Sprüchen keine Karriere machen kann. Indem wir das Übel ächten, halten wir es klein. Das ist schwer genug. Der Damm muss immer wieder neu gefestigt werden, damit Antisemitismus nicht wieder hoffähig wird.

Wolfgang Benz

Der 77-Jährige ist ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Am Donnerstagabend wird er im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz (smac) auf Einladung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung einen Vortrag zum Antisemitismus halten. Beginn: 19 Uhr. Eintritt frei. fp

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11Kommentare
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  • 2
    0
    Freigeist14
    03.11.2018

    Blacksheep@ ,was Antifa-Grünschnäbel so ablassen prallt doch sonst auch von Ihnen ab. Eine deutsche Erfindung ist allerdings der Rassen-Antisemitismus des ausgehenden 19.Jahrhunderts. Gerade in Deutsch-Österreich ,mit der Gleichberechtigung aller Volksgruppen in der Donau-Monarchie nach 1867 ,nahm der Hass die sich emanzipierenden Juden immer mehr zu. Selbst eine "Taufe" sollte den "Makel" nicht mehr abschütteln dürfen. Aus dieser Melange der "Rasse-Experten" und dem Germanenkult um Georg Schoenerer ,Lanz von Liebenfels nahm sich der in Wien gestrandete junge Adolf.H seine grude ,vom Hass getriebene Weltanschauung an.Siehe dazu auch Brigitte Hamann : "Hitlers Wien ".

  • 1
    1
    BlackSheep
    03.11.2018

    Ansichtssache Distelblüte, für eine korrekte Beurteilung des Themas fand ich diesen Hinweis angebracht, aber wie gesagt Ansichtssache. Wenn der Antisemitismus weltweit zunimmt, siehe Amerika, sollte man vielleicht auch mal darauf hinweisen das Judenhass eine weltweite Tradition hat.
    Diesen Whataboutismquatsch sollten Sie lassen. Bei jeder Straftat eines Ausländers kommt von irgendeinem Fan dieser Politik "Deutsche machen das auch", das ist pures Whataboutism, und interessanterweise kein Ton von Ihnen, ziemlich scheinheillig.
    @Freigeist14, der Satz das Judenhass eine deutsche Erfindung ist wurde mit von einem "bekennenden Antifajünger" an den Kopf geworfen.

  • 2
    1
    Freigeist14
    03.11.2018

    Nein ,Blacksheep@ . Ihr "Hinweis" hat mit dem besprochenen Thema nicht viel zu tun,denn niemand stellte den Hass auf Juden als "deutschen Alleinstellungsmerkmal" in den Raum .Die Pogrome in Russland führten zu einem weiteren großen Exodus nach Amerika ,Österreich (Wien) und Deutschland (Berlin) .Das in Russland so viele Juden lebten lag einfach daran,daß in der toleranten Adelsrepublik Polen-Litauen Juden aus ganz Europa eine sichere Heimat fanden. Nach den Teilungen Polens kamen die großen Siedlungsgebiete,die "Stedl" zu Russland .

  • 1
    1
    Distelblüte
    03.11.2018

    @Blacksheep: Es behauptet auch keiner, dass allein in Deutschland Antisemitismus existent ist. So steht es auch im obigen Artikel. Trotzdem betreiben Sie schon wieder Whataboutism. Die Bedeutung dieses Begriffs ist noch präsent?

  • 1
    2
    BlackSheep
    03.11.2018

    Rote Daumen wenn man auf eine belegbare Tatsache hinweist, mögen hier einige die Wahrheit nicht?

  • 0
    4
    BlackSheep
    01.11.2018

    @Hankman, richtig, ich habe nur eine Ergänzung, Juden zu massakrieren wenn es nicht so lief war nicht nur in Deutschland üblich.
    https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag2190.html
    https://www.deutschlandfunk.de/das-leiden-der-juden-im-zaristischen-russland.700.de.html?dram:article_id=242530

  • 4
    0
    saxon1965
    01.11.2018

    "Antisemitismus hat sich als Oberbegriff für jede Form von Judenfeindschaft eingebürgert." Obwohl "Semiten sind lediglich eine Sprachfamilie."
    Sollte man dann nicht mal mit dieser Falschbezeichnung aufhören? Zu den Semiten gehören letztlich auch Moslems u. a. Glaubensrichtungen und auch nicht nur Israelis.
    Nur weil es sich eingebürgert hat, muss man doch nicht an einem solchen Sprachfehler festhalten. Letztlich werden dadurch vier Arten vermischt ("Anti-Judaismus, den rassistischen, den sekundären und den anti-zionistischen").
    Meiner Meinung nach sollte aufklärerisch zwischen diesen Arten unterschieden werden. Dann wäre Kritik an der israelischen Politik auch nicht antisemitisch.

  • 1
    0
    acals
    01.11.2018

    Ein toller Beitrag zur Bildung bzw. Weiterbildung von uns allen. Was ich anregen wuerde waere das die FP in evtl. auch loser Form weiter gewissermassen aufklaert. Aktuell kommt mir die Zionismus-Idee zu kurz - auch Einstein tat sich schwer mit ihr.


    Herr freigeist: Sorry, ich muss aber schon schreiben dass Ihre letzten beiden Saetze in 1990 Gueltigkeit hatten. Heute in 2018 bin auch ich ein -ehemaliger- DDR-Buerger und bin als solcher in Deutschland angekommen. Mindestens der erste Teil trifft doch wohl auch auf Sie zu.

  • 6
    1
    Hankman
    31.10.2018

    Sehr interessantes Interview, das eine differenzierte Sicht auf den Problemkreis zeigt. In den 80er-Jahren erschien in der DDR das Buch "Der gelbe Fleck" von Schuder/Hirsch, das die Geschichte des Judenhasses seit der Zeit um das Jahr 1000 beleuchtete. Es war eine bedrückende Lektüre. Vor allem, weil mir bis dahin nicht klar war, welche lange Tradition der Judenhass im Christentum hatte - und wie üblich es über Jahrhunderte in Deutschland war, im Falle wirtschaftlicher oder sozialer Probleme einfach mal die örtliche jüdische Gemeinde zu massakrieren und zu verbrennen und dies dann auch noch mit der Religion zu rechtfertigen. Das ist beschämend.

    Eine Stärke des Interviews sind die klaren Definitionen der Begriffe. Ich finde auch die Aussage wichtig, dass man Antisemitismus und berechtigte Kritik an der Politik Israels nicht vermengen sollte. Kurz: Ich habe den Text mit Gewinn gelesen.

  • 9
    3
    Freigeist14
    31.10.2018

    Ein sehr differenzierender und aufschlussreicher Beitrag . Herzlichen Dank . Die Instrumentalisierung des Antisemitismus um Kritik an israelischer Politik zu diffamieren, wird sonst kaum diskutiert . Anderseits benötigten DDR-Bürger keine anti-zionistische Propaganda um eine Israel-kritischere Position in die Einheit mitzubringen . Denn eine pro-palästinensische Haltung schliesst nicht ein,das Lebensrecht des Staates Israel in Frage zu stellen .

  • 3
    3
    mathausmike
    31.10.2018

    Benz spricht von einer Regierung in Tel Aviv.Hier irrt er sich.
    Die Regierung ist in Jerusalem
    beheimatet.



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