Wer nicht widerspricht, soll Organspender werden

Wer keine Entnahme will, soll zu Lebzeiten ausdrücklich widersprechen. Das sieht eine Novelle vor. Kritiker arbeiten bereits an einem Gegenplan.

Berlin.

Angesichts einer zu geringen Zahl von Organspenden in Deutschland ringt die Politik um eine neue gesetzliche Lösung. Eine fraktionsübergreifende Gruppe von Abgeordneten rund um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellte am Montag einen Entwurf vor, der grundsätzlich alle Bürger über 18 Jahren zu Organspendern erklärt. Wer dies nicht wünscht, soll in Zukunft seinen Widerspruch dokumentieren müssen. Ausgenommen sind Personen, die ihren Willen nicht rechtsverbindlich formulieren können, etwa Demenzkranke. Nach bisheriger Regelung kommt nur derjenige als Organspender in Betracht, der sich im Vorfeld dazu bereit erklärt hat.

Der Entwurf, der neben Spahn unter anderem von dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und der Linken-Bundestagsabgeordneten Petra Sitte unterstützt wird, sieht eine doppelte Widerspruchslösung vor. Falls kein Widerruf von dem Verstorbenen vorliegt, haben die Angehörigen noch die Möglichkeit, seine Ablehnung einer Organspende glaubhaft zu machen. Ein eigenes Entscheidungsrecht haben die Hinterbliebenen nicht. Dies ist ein zentraler Kritikpunkt.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, gab zu bedenken, ohne Kenntnis des Willens des Verstorbenen werde die Organspende im Zweifel trotzdem vollzogen. Der Körper eines Hirntoten werde somit "zu einem Objekt der Sozialpflichtigkeit. Das kann nicht richtig sein", betonte der Theologe. Auch im Bundestag formiert sich Widerstand. Eine Gruppe um die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock und den CSU-Abgeordneten Stephan Pilsinger hat einen Konkurrenzentwurf angekündigt, demzufolge künftig alle Bürger bei der Ausstellung ihres Personalausweises zu ihrer Spendebereitschaft befragt werden sollen. Diese Gruppe kritisiert in einer gemeinsamen Erklärung, der Vorschlag einer Widerspruchslösung wecke "Ängste und senkt das Vertrauen in die Organspende". Die Freiheit zu einer Entscheidung "über diese zutiefst persönliche Frage muss ohne Zwang erhalten bleiben." Es sei zielführender, "eine stets widerrufbare Entscheidung klar zu registrieren".

Spahn indes verteidigte den Vorstoß einer Widerspruchslösung. Sämtliche staatlichen Informationskampagnen in der Vergangenheit hätten nicht die nötige Zunahme an Spenderorganen bewirkt. Jeder könne zu einem Patienten werden, der auf ein Organ warte, mahnte Spahn. Zudem gelte bereits in 20 von 28EU-Staaten eine Widerspruchslösung. Lauterbach betonte: die Vorschläge seien unbürokratisch, ethisch unbedenklich, effizient und sicher. Es sei eine kleine Pflicht für jeden Bürger, sich zu Lebzeiten zur Organspende zu erklären, aber "ein großer Nutzen für die Gesellschaft". Auch Sitte erklärte, in Anbetracht der Lage vieler Patienten, die Jahre auf ein Spenderorgan warteten, stelle das Gesetz zumutbare Anforderungen an eine Mehrheit der Bürger.

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11Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    Eislauf37
    03.04.2019

    Ich bin für die Regelung. Wo ist das Problem Widerspruch einzulegen? Wird doch bei anderen Sachen auch gemacht. So werden die Menschen wenigstens angehalten, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
    Vielleicht kann der Widerspruch bei der KK hinterlegt werden und man bekommt einen Ausdruck?
    Ich denke immer daran, was wenn meine Kinder oder ich mal ein Organ brauchen? Kann jeden jederzeit treffen. Geht manchmal schnell.
    Ich habe meinen Spenderausweis für Organe und Knochenmarkspende seit über 20 Jahren.

  • 6
    2
    saxon1965
    03.04.2019

    @Blackadder: Nennen sie es wie sie wollen. Ob religiös oder nur davon überzeugt, da könnte mehr sein, als man sich landläufig so vorstellen kann.
    Ich persönlich bin mir jedenfalls nicht so sicher, dass ein menschlicher Körper nur aus Fleisch und Blut besteht.
    Egal wie man dazu stehen mag. Einfach mal die Meinung bzw. den (letzten) Willen eines Menschen akzeptieren, ohne zu meinen, dass man alles weiß, was zwischen Himmel und Erde abläuft.
    Herr Spahn sollte sich lieber für eine bessere Gesundheitsführ- und vorsorge, eine gesündere Umwelt, bessere und gesündere Lebensmittel und einen ehrlichen Kampf gegen Drogen einsetzen. Bei Drogen meine ich ins besondere auch Alkohol und Nikotin, aber da reitet man lieber auf Cannabis herum.

  • 7
    1
    Hinterfragt
    03.04.2019

    Mal ganz ehrlich, der Vorschlag Spahn's mit dem Register der "Nichtspender" ist doch schon vorher zum Scheitern verurteilt.
    - Wer soll das Register führen, wo soll es angebunden sein?
    - Wie lange wird es im Durchschnitt dauern, bis ein rechtlich verwertbares Anfragergebnis aus diesem Register vorliegt (bei der Organentnahme ist Zeit keine Option!)?
    - Wie erfährt der Bürger, ob sein Wille registriert ist, gibt es Auskunftsersuchen?
    - Wie lange dauert es, bist die Registrierung des Bürgerwillen erfolgt ist?
    - Hat man genügend Leute, welche das Register pflegen? ...

    Meiner Meinung nach bekommt man so nicht mehr Spender, da dann halt jeder der nicht spenden will, eine Registrierung vornimmt.
    Die jetzige Lösung des Spenderausweises ist voll und ganz rechtssicher und ausreichend. Man muss halt nur dafür sorgen, dass eben keine finanziellen Anreize für eine Bevorzugung geschaffen werden können.

  • 2
    11
    Blackadder
    02.04.2019

    @saxon: Ich verstehe immer noch nicht, wozu ein Toter seine Organe braucht, warum soll er unversehrt bleiben? Verwest er so besser oder schlechter oder fehlt mir hier schlicht der religiöse Hintergrund?

  • 9
    3
    saxon1965
    02.04.2019

    @Blackadder: Sie haben natürlich Recht, was den Überlebenskampf eines Kranken betrifft.
    Jedoch darf niemand diesen Wusch zu leben, über den eines anderen Menschen erheben. Überlegen sie mal, wohin so etwas in der Zukunft führen könnte?
    In meinen Augen verwirkt ein Mensch, durch seinen Tot nicht das Recht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit.
    Wollen wir, dass man leichter an Organe kommt um ggf. Leben zu retten oder wollen wir die Würde des Menschen, auch über dessen Tot hinaus, prinzipiell als Normalität sehen? Normal ist für mich letzteres und davon abweichend sollte wer möchte etwas anderes regeln können.

  • 4
    7
    Blackadder
    02.04.2019

    @saxon1965: Über das Problem von moralisch verwerflich oder nicht macht sich jemand, dessen Leben am seidenen Faden hängt und von einem Spenderorgan abhängt keinen Kopf. Er will schlicht leben.

  • 12
    6
    saxon1965
    02.04.2019

    Wer seine Organe spenden möchte, kann sich aktiv dafür aussprechen. Man sollte jedoch nicht meinen, dass ein Nichtspender moralisch verwerflich handelt. Aber genau dies würde eine Umkehr darstellen:
    Spenden = normal, nicht Spenden = verwerflich
    Es ist nun mal nicht Normalität, dass Menschen nach ihrem Tot als Ersatzteillager dienen. Die Regelung sollte so bleiben wie sie ist.

  • 3
    6
    Interessierte
    02.04.2019

    Was soll denn eigentlich diese Äußerung dieser Frau Baerbock , dass man das Problem mit mit der Ausweisverlängerung klären soll ..... ?
    Meine Neubeantragung ist noch eine ganze Weile hin , bis dahin kann schon Jahre tot sein .

  • 8
    8
    Freigeist14
    02.04.2019

    Antje Kloppenburg : "Tote werden zu Selbstbedienungsläden " . Was für ein polemischer Unfug . Geht es doch um Schwerstverletzte , bei dem der Hirntod festgestellt wurde. Irreparabel . Und da wieder die große Keule des Selbstbestimmungsrechtes zu schwingen ist egomanisch . Diffamierend wird es gar,wenn das Bemühen für ein lebensrettendes Spenderorgan für Menschen als fahrlässiger Umgang mit Hirntoten bezeichnet wird . Wenn das eigene Weiterleben von einem Spenderorgan abhingen würde ,würde wohl bei den Gegnern zu spät ein Umdenken einsetzen .

  • 5
    13
    Blackadder
    02.04.2019

    Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass man gerade in Deutschland, welches ja immer als überreguliert galt, besonders darauf zu achten scheint, ja nicht zu viele Freiheiten zu beschneiden, auch wenn das den Leuten oder der Umwelt gar nicht mal gut tut. Hauptsache FREIHEIT! Ich denke da z.B. daran, dass in fast allen Ländern der Erde ein Tempolimit herrscht-außer hier. Die Feinstaubbelastung in den Städten weltweit steigt - in vielen europäisachen Großstädten, wie Madrid oder Oslo werden die Autos komplett aus der Innenstadt verbannt oder müssen - wie in London - eine hohe Maut zahlen. Bei uns: na ja, vielleicht könnte man bestimmte Diesel in bestimmten Straßen sperren, aber das schränkt zu sehr ein! Einige dritte-Welt Länder verbieten komplett Plastiktüten. Aber das können wir doch niemandem zumuten.

    Auch hier in diesem Fall: die Länder, in denen eine Widerspruchsregelung gilt, habe weitaus mehr Organe zur Verfügung und können mehr Leben retten als wir - aber nein! Das schränkt doch zu sehr ein! Wozu braucht ein Toter seine Organe?

    Was nützt uns diese ganze Freiheit, wenn die Gesundheit oder die Umwelt oder wir selbst darunter leiden?

  • 10
    2
    Tokru
    02.04.2019

    Seit einigen Jahren trage ich meinen Organspenderausweis immer bei mir. Organspender bin ich aus freiem Willen. Mein Körper gehört mir und nicht dem Staat, deshalb finde ich die bestehende Regelung gut.



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