Woher wir kommen, wo wir sind

Mauerfall 89: Wer heute um die 30 Jahre alt ist, kennt die deutsche Teilung nur vom Hörensagen. Mitunter aber scheint es, der Schatten der Mauer habe ihren Fall überdauert. Wie war es, in diesem Schatten groß zu werden? Sechs Lebenswege der Generation Mauerfall.

Chemnitz.

Als sie das Licht der Welt erblickten, war die Mauer bereits Geschichte. Oder kurz davor, es zu werden. Ostdeutsche, die heute um die 30 Jahre alt sind, wuchsen auf in einer Zeit, die ihnen viele neue Möglichkeiten eröffnete. Einer Zeit, die ebenso voller Unsicherheiten steckte. Die in Lebensläufen vieler Eltern einen Knick hinterließ. Wie ging die Generation Mauerfall damit um? Konnte sie die Freiheit nutzen, die ihre Elterngeneration erkämpfte? Sechs ganz unterschiedliche Lebenswege, die auch zu unterschiedlichen Einsichten führten.

Dave Weber

Mit "Herr Weber" möchte er nicht angesprochen werden. Da fühlt er sich alt. "Nennen Sie mich Dave", sagt er. Dave war einen Tag auf der Welt, als die Mauer fiel. Feiert er Geburtstag, kommen die Gäste immer darauf zu sprechen: auf Unterschiede zwischen Ost und West. Auf das verzerrte Bild, das Medien ihrer Meinung nach vom Osten zeichnen. Auf die rechte Ecke, in die sie ihre Heimat gestellt sehen. Auf das Lohngefälle, Gipfel der Ungerechtigkeit. "Wer", fragt Dave, "ist so doof und bleibt im Osten?" Eine rhetorische Frage. Er kommt gerade zurück in seine Heimat, Steinbach im Erzgebirge, wo er die Raststätte "Am Wildbach" übernimmt. Dort lernte er. Dann ging er. Nicht des Geldes wegen oder des Fernwehs, sondern weil für einen Koch Auslandserfahrung ein ungeschriebenes Gesetz ist. "Hätten meine Freunde und meine Familie mich nicht unterstützt, hätte ich es nicht gemacht", sagt er. "Sie sind mir heilig." Seine Kindheit war glücklich, auch wenn die Eltern, beide aus der Nähindustrie, bald ihre Jobs verloren, jeden Cent dreimal umdrehten. "Wir hatten kleine Träume, die uns unsere Eltern nur schwer erfüllen konnten", sagt der Sohn. Er lernte, was es heißt, bodenständig zu bleiben. Als Jungkoch in Spanien putzte er Pilze, schälte Kartoffeln, arbeitete sich hoch. Lernte seine Lebensgefährtin kennen. Sie ist aus Magdeburg, aber ohne geeintes Europa hätten sie sich nie getroffen. Dann ging es weiter in die Schweiz. Nach all der Zeit freut er sich, nach Hause zu kommen. In 30 Jahren will er immer noch Pächter am Wildbach sein. Und hofft, dass Deutschland endlich so zusammengewachsen ist, "wie sich das gehört". Aber seine Skepsis ist groß. "Ich bin Optimist. Aber man hatte ja 30 Jahre Zeit. Eine lange Zeit. Irgendwann ist der Optimismus mal vorbei."

Evelyn Tautenhahn

Es war einmal, da stand eine junge Frau vor der Frage, wie ihr Leben weitergehen sollte. Evelyn Tautenhahn hatte eine Ausbildung zur Industriekauffrau absolviert, doch wegen der Wirtschaftskrise wurde sie nicht übernommen. Sollte sie ihr Hobby zum Beruf machen? Das Tanzen, zu dem sie eher zufällig gefunden hatte und das ihre Leidenschaft geworden war? Evelyn Tautenhahn dachte an ihre Eltern. Im November 1989 in Schlema geboren, wuchs sie auf im Bewusstsein unsteter Zeiten. Einerseits: so viel Auswahl, so viele Möglichkeiten. "In der DDR", hörte sie von ihrer Mutter, "hatte jeder eine Ausbildungsstelle, aber ob es das war, was man wollte, stand auf einem anderen Blatt." Auch die Familiengründung wurde durch sanften Druck forciert: "Viele haben ja an einem Kind gebastelt, nur um eine Wohnung zu bekommen." Andererseits traf die Nachwendezeit ihre Familie hart. Die Eltern verloren die Arbeit, der Vater ging in den Westen, nahm viele Jobs an, um über die Runden zu kommen. Also entschied sie sich für Sicherheit. "Das war der richtige Weg." Sie studierte an der Berufsakademie Breitenbrunn, arbeitet nun im Landratsamt des Erzgebirgskreises. Und tanzt immer noch. 2018 wurde sie Weltmeisterin im Modern Line Dance. Wettkämpfe führten sie nach Österreich, in die Schweiz, die Niederlande. "Im Alltag vergisst man, dass Dinge, die selbstverständlich scheinen, es nicht sind." Dankbarkeit ist deshalb wichtig, aber auch: kritisch zu bleiben. Miete, Lebensstil, Entlohnung, der Unterschied zwischen Ost und West ist oft groß, beobachtet sie. "Das geht nicht raus aus den Menschenköpfen. Und in 30 Jahren sind die Vorurteile vermutlich auch nicht weg."

Ralph Junghans

Wie viele Altersgenossen bekam Ralph Junghans als Kind nichts davon mit, in welch bewegtem Monat (November 89) er zur Welt gekommen war. Einkaufen in Hof, das war das normalste der Welt. Erst später begann er, bei seinen Eltern nachzufragen. "Das Leben war in der DDR häufig system- und fremdbestimmt", sagt er. "Es ist bis heute für mich seltsam, dass man gute Leistungen hatte - und etwa aus politischen Gründen doch nicht Abitur machen durfte." Seine Eltern sind Ärzte in Bad Elster. "Sie haben mir eine Botschaft vermittelt: Sei fleißig, lebe deine Träume, dann kannst du alles machen. Wir hatten so viele Möglichkeiten, wir waren privilegiert." Denken in Ost- und Westkategorien war bei ihm daheim fremd, sagt er. "Das hilft mir bis heute." Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Dresden, Gesundheitsökonomie in Bayreuth. "Das Organisatorische hat mich interessiert, gerade aus der Ärztesicht, die ich ja kannte." Ohne Mauerfall sei das nicht möglich gewesen. "Und auch nicht, in Dresden Leute aus dem Westen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen." Nun ist er 29 Jahre alt - und Geschäftsführer des Helios-Vogtland-Klinikums Plauen. "Größter Arbeitgeber im Vogtland", sagt er stolz. Was ihn dorthin gebracht hat? Zielstrebigkeit, Leistung, Glück - aber auch seine Herkunft, glaubt er. Nun, da er beruflich den Weg gefunden hat, ist er bereit, eine Familie zu gründen. Noch immer fährt er oft am alten Wachturm an der Autobahn vorbei. Manchmal fällt ihm dann ein, dass hier einst Schluss war. "Ein unwirkliches Gefühl", sagt er. "Ich bin unendlich dankbar. Der Fall der Mauer ist für mich das allerbeste Ereignis der deutschen Geschichte. Es hat uns ermöglicht, uns zu entfalten."

Pauline Stopp

1991 kam der Befund: Mukoviszidose. Geschätzte Lebenserwartung: zwölf Jahre. Die Mutter: mit ihr daheim im erzgebirgischen Städtchen Thum. Der Vater: auswärts, Geld verdienen. "Das Gefühl, dass wir nicht so richtig wissen, wie es weitergeht, hat uns immer begleitet", sagt Pauline Stopp. Heute ist sie 30. Und immer noch da. Was sie wohl auch dem medizinischen Fortschritt verdankt, der nach dem Mauerfall Einzug hielt. "Schon deshalb bin ich froh, dass es so gekommen ist." In Greifswald studierte sie Bildende Kunst, sie lebt heute als freischaffende Künstlerin. Auch von Stipendien, Preisen, Förderung. Reichwerden ist schwierig. "Wir wurden so erzogen, dass wir machen sollten, was uns Spaß macht. Allein komme ich über die Runden." Dass sie in Greifswald landete, ist Zufall. "Früher hätte ich klar gesagt: Das Erzgebirge ist meine Heimat, hier sind meine Wurzeln. Ich war ein großer Heimatverfechter. Heute weiß ich: Wo man Freunde kennenlernt, kann man Wurzeln schlagen. Das hat nicht nur mit dem Ursprung zu tun." Trotzdem zieht sie eines Tages weiter. Wenn auch nicht ins Erzgebirge, obwohl sie es so gern mag. Die Stimmung in ihrer alten Heimat macht ihr zu schaffen. "Die Sachsen sind im Vergleich zu den Menschen hier noch einen Tick direkter, was ja auch seine positiven Seiten hat. Sie sagen, was ihnen nicht passt. Aber vieles ist zurzeit so aufgeladen, aggressiv." Sie hofft auf Besserung. Ihre Krankheit verbietet ihr Prognosen über viele Jahre. "Ich wünsche, dass ich noch ein paar vor mir habe - und noch etwas hinterlassen kann."

Lars Legath

Als Lars Legath die Kita und Kindheit längst hinter sich gelassen hatte, kam er einmal mit seiner ehemaligen Erzieherin ins Gespräch. "Sie erzählte mir, dass sie und ihre Kolleginnen damals nicht so richtig wussten, wie sie uns denn erziehen sollten", berichtet er. "Alte Regeln galten nicht mehr, neue gab es noch nicht." Also habe das Team so gearbeitet, wie es das für richtig hielt. Lars Legath: "Dies brachte Freiheiten, die andere Generationen vor und nach uns sicherlich gern gehabt hätten." Er wurde im Herbst 1989 in Plauen geboren. Er liebt seine Heimatstadt. "Ich konnte nie verstehen, wie man aus Plauen wegziehen kann. Viele haben versucht, ihr Glück in den alten Bundesländern oder im Ausland zu finden. Die Ersten sind nun wieder hier." Legath lernte Bürokaufmann, engagiert sich bei den Linken, für die er in diesem Jahr zur Landtagswahl antrat. Im Wahlkampf schrieb er sich eine soziale und gerechtere Politik auf die Fahnen, dazu Abbau von Barrieren für Menschen mit Behinderungen sowie eine Stärkung kleiner mittelständischer Unternehmen. Im Wahlkreis 4 im Vogtland holte er 11,6 Prozent der Stimmen. Die Vergangenheit sieht er zwiespältig. "Geschichten, in denen für Menschen Welten zusammengebrochen sind, weil mit der DDR auch ihr Lebensweg und teilweise ihr Lebenswerk gescheitert war oder weil mit der Wende ihre Erwerbsbiografien für lange Jahre unterbrochen wurden, bleiben allzu oft auf der Strecke", findet er. "Dadurch verzerrt sich leider das Bild, welches wir als Wende- und Nachwendekinder von der DDR und den Wendejahren haben." In der Wendezeit, so sein Urteil, wurde nicht nur die Ost-West-Angleichung verpasst. "Man hat den Osten für Gewinninteressen Einzelner geopfert." Deshalb blute die Region noch heute. Andererseits, sagt auch Lars Legath, habe jede neue Generation neue Chancen, sich zu verwirklichen. "Dies ist nicht überall auf der Welt selbstverständlich. Darüber sollten wir glücklich und dankbar sein." Bis zu einer wahren Einheit werde es noch ein oder zwei Generationen dauern. "Dass ist ernüchternd, weil meine Generation die Ungleichheit spürt, obwohl sie nie etwas anderes kannte."

Paul Emde

Einer seiner Freunde ist gerade in Südamerika. "Wir telefonieren alle paar Tage", berichtet Paul Emde. Gar kein Problem. Umso absurder scheint ihm die Vorstellung, dass da mal mitten in Deutschland eine Grenze war, an der niemand vorbeikam. Als Kind, Paul Emde wurde 1990 in Chemnitz geboren, spielte das Thema keine Rolle. "Das kam erst in den letzten Jahren, dass man sich darüber unterhält." Ein Onkel war Grenzsoldat nahe Point Alpha in Thüringen, einem Beobachtungsstützpunkt der Amerikaner. Gar nicht so weit entfernt davon passiert Paul Emde heute regelmäßig die Grenze nach Hessen, wenn er in seine neue Heimat Frankfurt fährt. Dort arbeitet er. Er wollte nach der Lehre "mal was anderes sehen". Paul Emde ist Koch, weil es ihm Spaß macht, Gäste zu verwöhnen. Dass er gut darin ist, zeigt die Tatsache, dass er in der Jugendnationalmannschaft der Köche dabei war, drei Jahre davon als Kapitän. Heute ist er dort Trainer. Die Mitglieder seines Teams stammen aus aller Herren Länder. Und in aller Herren Länder fechten sie ihre Wettkämpfe aus. Manchmal wird einer gefoppt, wegen des Dialekts. Ihm hört man kein Sächsisch mehr an. Einen Unterschied zwischen alter und neuer Heimat sieht er: "In der Bankenstadt Frankfurt habe ich schon das Gefühl, es geht um Geld, Geld und Geld. Da ist die Automarke sehr wichtig. Da bin ich froh, dass ich es anders vermittelt bekommen habe." Ansonsten ist er mit seinem Leben im Reinen. "Das kann ich getrost so sagen." Spielten die Verwerfungen, der industrielle Niedergang des Ostens, in seiner Familie keine Rolle? "Ich bin nach dem Motto erzogen worden: Wenn eine Tür zugeht, geht irgendwo auch eine neue Tür auf."

Zum Special: 30 Jahre nach dem Mauerfall

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