Zehntausende Selbstständige in Sachsen von Armut bedroht

Vor allem Kleinunternehmer verdienen im Freistaat in der Stunde oft weniger als den Mindestlohn. Viele können deshalb nichts zurücklegen.

Chemnitz.

In Sachsen sind Zehntausende Selbstständige armutsgefährdet. 7400 Unternehmer hatten 2017 Anspruch auf Hartz IV. Insgesamt 18.200 Unternehmer verdienten landesweit höchstens 1488 Euro pro Monat. Das ist weniger als 60 Prozent des sächsischen Medianlohns. Der betrug 2488 Euro pro Monat und ist ein Mittelwert: die eine Hälfte der Vollzeitbeschäftigten hatte höhere und die andere geringere Einkünfte als diese. Das geht aus einer Antwort des Sozialministeriums auf eine Anfrage der Grünen hervor.

Nach Berechnungen der Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK) ist aber davon auszugehen, dass deutlich mehr Unternehmer an der Armutsgrenze leben. Demnach verdienten allein in ihrem Bezirk 35.900 Kleingewerbetreibende im Jahr 2014 höchstens 18.000 Euro. Das sind umgerechnet etwa 8,50 Euro pro Stunde oder so viel wie der Mindestlohn bei dessen Einführung. Damit müssten rund 46 Prozent aller Gewerbetreibenden im Kammerbezirk auskommen, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Joachim Wunderlich. Viele Selbstständige könnten deshalb kaum etwas fürs Alter sparen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ist deshalb besorgt. Er kenne viele Jüngere, "die jetzt schon über einen längeren Zeitraum als Aufstocker oder Selbstständige so ein bisschen jobben", sagt er. Selbst kämen die meisten damit zurecht, obwohl im Grunde jeder wisse, dass das für eine vernünftige Rente nicht ausreichen werde. "Aber wenn der 60. oder 65. Geburtstag kommt, wird das zum Problem werden", sagt Kretschmer. "Darüber müssen wir als Gesellschaft jetzt mal ernsthaft reden."

"Auch Selbstständige müssen von ihrem Verdienst leben und sich gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit und für das Alter absichern können", sagt Petra Zais von den Grünen im Landtag. Sie wirbt daher für eine "längst überfällige Einbeziehung" vor allem der Solo-Selbstständigen wie Taxiunternehmer oder Kioskbesitzer in die sozialen Sicherungssysteme mit bezahlbaren Beitragsvarianten und staatlichen Hilfen. Das Versichertenentlastungsgesetz, durch das sich in diesem Jahr der monatliche Mindestbeitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung für hauptberufliche Kleinselbstständige von rund 360 Euro auf rund 167 bis 186 Euro verringert, sei zwar ein wichtiger Schritt, sagt Zais. Das reiche aber nicht aus. Sie fordert eine von allen finanzierte Bürgerversicherung und plädiert dafür, Selbstständige bei kurzfristigen Engpässen und Einkommensschwankungen mit unbürokratischen Kreditvergaben zu helfen.

Die prekäre Lage vieler Kleinunternehmer führt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) unterdessen auf die 2004 erfolgte Abschaffung der Meisterpflicht in zahlreichen Gewerken zurück. Der Sprecher der Chemnitzer Handwerkskammer, Robert Schimke, sagt: "Aus unserer Sicht ist es ein Fehler, dass die nicht meisterpflichtigen Gewerke nicht der Rentenversicherungspflicht unterliegen." Das Handwerk fordere schon seit Langem eine Altersvorsorgepflicht für alle selbstständigen Handwerker - mit Wahlfreiheit zwischen staatlich organisiert oder privat.

Von einer Renten- oder Arbeitslosenversicherungspflicht für Selbstständige hält die Chemnitzer IHK indes nichts. "Das sollte bei der Freiwilligkeit bleiben", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Joachim Wunderlich. (mit dpa/kok)

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7Kommentare
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  • 6
    0
    Deluxe
    15.01.2019

    Komisch, daß eine solche Aussage von pillorello hier überhaupt veröffentlicht wird.

    Bei anderen Kommentatoren werden solche unbewiesenen und nicht eindeutig als Vermutungen deklarierten Pauschalitäten auch ganz schnell mal ausgesondert.

    Zweierlei Maß?

  • 3
    3
    Freigeist14
    15.01.2019

    franzudo@ Sie sollten Ihre Ergüsse nicht immer 1 : 1 aus der Boulevard-Presse übernehmen . Der "deutsche Arbeiter " hat mit ganz anderen Gegnern und untätigen Nutznießern seiner Arbeit zu kämpfen .

  • 7
    4
    franzudo2013
    15.01.2019

    Am Fiskus vorbei geht es in Griechenland und anderswo. Der deutsche Arbeiter darf dann diese Schlawiner "retten" und wird dafür mit Altersarmut belohnt.

  • 7
    0
    VaterinSorge
    14.01.2019

    "Was ich selber denk und tu, das trau ich gerne andern zu" . Ich bekomme Würgereiz, wenn ich lesen muss, dass die vielen fleißigen und ehrbaren Optimisten, die statt Arbeitslosigkeit oft einen Sprung ins kalte Wasser wagten, nun von unwissenden Dummköpfen unter Generalverdacht gestellt werden. Das geht einfach zu weit und entspricht hierzulande keinesfalls der Realität. Sicherlich gibt es schwarze Schafe, die sind aber längst keine Klein- oder Kleinstunternehmer mehr, zudem sorgen sie zumindest fürs Alter vor, wenn auch illegal.
    Den Rest kommentiere ich hier nicht, sondern gebe zu bedenken, dass über eine Billion Euro (das sind eine 1 und 9 Nullen 1.000.000.000 Euro) an Geldern in die NBL geflossen sind, was auch zum Großteil aus Steuern, Fonds und privaten Geldern stammt, die auch mal erwirtschaftet wurden. Dr. H. K. kannte die Freude der Deutschen und setzte auf erfreuliche Entwicklungen Gesamtdeutschlands. Doch wo Sonne ist, da ist auch Schatten und wer sich ein bisschen mit Ökonomie beschäftigt, dem wird schnell klar, dass weitaus mehr auf der Welt produziert, als konsumiert wird, die Schere zwischen arm und reich weiter auseinander klafft und die reiche konsumgesteuerte und gewinnorientierte Welt weder Rücksicht auf die globale Welt, noch auf Ökologie und Umwelt nimmt. In dem Haifischbecken geht es uns noch ganz gut, was auch als blühende Landschaften verstanden werden könnte.

  • 1
    12
    pillorello
    14.01.2019

    Die meisten Kleinunternehmer Schleusen ihre Einkünfte doch am Fiskus vorbei. Hier sollte man mal aufräumen. Und dann wird sich Zuschuss vom Amt geholt. Und dann wird sich darüber aufgeregt, dass Gelder an Flüchtlinge gegeben werden. Diese bigotte Gesellschaft ist schlimm.

  • 14
    6
    diklu
    14.01.2019

    Zur stetig wachsenden gesellschaftlichen Gruppe der AORA (armutsgefährdete ostdeutsche Rentenanwärter) gehören abhängig Beschäftigte mit Niedrigentlohnung und/oder langen Arbeitslosenphasen, Hochschulabsolventen (wegen Nichtanerkennung der Studienjahre in rentenrechtlicher Hinsicht) und - wie im Beitrag dargestellt - auch Klein- und Kleinstunternehmer. Aber wie sagte doch ein gewisser Dr. H.K. im Jahr 1990: "Liebe ostdeutsche Landsleute, keiner von euch braucht Angst zu haben vor der Marktwirtschaft, denn niemandem wird es schlechter gehen als zuvor, sondern vielen wird es besser gehen! Schon bald werden hier blühende Landschaften entstanden sein!" - Leider haben viele damals an dieses heuchlerische "Frühlingsversprechen" geglaubt. :-( Ich persönlich jedoch zu keinem Zeitpunkt.

  • 14
    0
    VaterinSorge
    14.01.2019

    Das war doch abzusehen, dass es so, besonders in Mitteldeutschland passieren wird. Der Kreislauf im Billiglohnsektor und Land des Niedrig- und Mindestlohn macht natürlich auch nicht bei den vielen Dienstleistern, Handwerkern, Hausmeisterdiensten, Gastronomen usw. halt. Das steckt noch tief in den Knochen, selbst und ständig ums überleben zu kämpfen. Ich möchte auch erwähnen, dass diese nicht geringe Gruppe meist weit über 40 Stunden pro Woche und oft auch ohne Urlaub und Wochenende schuftet. Es fehlt an Wertschätzung und Zahlungsbereitschaft, auch unternehmerischer Aus- und Fortbildung. Kaum bekannt ist, dass ein Unternehmer einen kalkulatorischen Mindestverrechnungslohn von 60,00 € ansetzen müsste, um etwa auf ein Einkommen eines mittleren Angestellten zu kommen. Es muss hier auf allen Seiten was passieren, denn auch die hohen Abgabelasten und komplizierten Steuer,- Beitrags- und Versicherungsberechnungen führen immer öfter dazu, dass keine Vorsorge für Alter oder Krankheiten getroffen werden können. Das kann aber weder die Aufgabe des Staates noch der Gesellschaft sein, es müssen gewisse Einstiegskriterien, Qualifikations- und Unternehmervoraussetzungen, aber auch Würde und Respekt vor Unternehmertum geschaffen werden. Gerade jetzt, wo immer mehr Fachkräfte gesucht werden, müsse man den Kleinstunternehmern, die keine Chance haben gewinnbringend zu arbeiten, Angebote zur Integration in die normale Arbeitswelt machen, Zusammenlegungen fördern und beratend Konzepte zur Verbesserung der Lage erarbeiten. Sich Gedanken machen, das wird wohl nicht reichen und kurzfristige Entlastungen nur zu noch billigerer Arbeit führen. Verdi streikt für 20 Euro Mindestlohn beim Bodenpersonal, das müsste mindestens der kalkulatorische Stundensatz nach Abzug aller Kosten für ein Klein- oder Kleinstunternehmer sein, so auch von Kunden und Auftraggebern respektiert und akzeptiert werden. Kein Wunder, dass alle nur noch studieren wollen, wissen sie nur nicht, dass auch ein Studium einmal in einen Beruf münden sollte.



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