Zum Abschied beliebt wie nie

Das Verhältnis zwischen Sigmar Gabriel und seiner Partei war stets konfliktreich. Doch jetzt, wo er als SPD-Chef freiwillig abtritt, schließen ihn die Genossen ins Herz.

Berlin.

So ganz egal kann es Sigmar Gabriel nicht sein, selbst wenn er sich nichts anmerken lässt. Wenn er an diesem Sonntag auf einem Sonderparteitag in Berlin den SPD-Vorsitz an Martin Schulz abtritt, wird ein Mann die Führung übernehmen, der den Sozialdemokraten innerhalb weniger Wochen mehr Auftrieb verpasst hat als Gabriel in seiner siebeneinhalbjährigen Amtszeit. 12.000 Parteieintritte verzeichnet die SPD seit der Ausrufung von Schulz zu ihrem Kanzlerkandidaten vor gut sieben Wochen. Die Anhänger begeistern sich für die SPD, weil Schulz der Kandidat ist. Oder - so die weniger freundliche Lesart - weil es Gabriel gerade nicht ist.

Dieser Umstand dürfte auch dem scheidenden SPD-Vorsitzenden nicht entgangen sein. Gabriel freut sich zwar, dass seine Partei neuerdings eine Art Wiederbelebung erfährt, die sich auch in den rapide gestiegenen Umfragewerten widerspiegelt. Aber dass dieses Hoch vor allem möglich wurde, weil er selbst zur Seite getreten ist und Schulz den Vortritt gelassen hat, dürfte Gabriel tief in seinem Innersten dennoch treffen. Immerhin war er es, der die Parteiführung im November 2009 in einem sehr schwierigen Moment übernahm. Damals hatten die Genossen mit 23 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl eingefahren. Die Moral war am Boden, die Basis frustriert und Gabriel der Mann, der die Partei wieder aufrichten sollte.

Umstritten war er schon damals und ist es lange geblieben. Dem einen Flügel gilt der Vorsitzende als nicht links genug, dem anderen wiederum ist er zu links. Zu alledem wechselte Gabriel selber öfter die Richtung - mitunter zur Überraschung der eigenen Partei. So war es von jeher ein schwieriges Verhältnis. Gabriel machte es seiner Partei nicht leicht, genauso wie sie ihm. Letztlich war es dieses Unstete und mitunter Erratische bei Gabriel, das viele zweifeln ließ, ob er wohl der richtige Herausforderer gegen CDU-Kanzlerin Angela Merkel sein würde, mit der er zudem seit Jahren am Kabinettstisch sitzt. Doch dann brachte Gabriel Ende Januar die Personalie Schulz ins Spiel. Ob der ehemalige Präsident des Europaparlaments und frühere Buchhändler der erhoffte Trumpf der SPD gegen Merkel ist, muss sich erst noch zeigen. Die Partie fängt gerade erst an.

Im niedersächsischen Wolfenbüttel war dieser Tage zu beobachten, wie sehr die Hochachtung für Gabriel gestiegen ist, seit klar ist, dass er als Parteichef abtritt. Redner Schulz lobte die Entscheidung als hoch respektabel, die rund 500 Anwesenden aus Gabriels Wahlkreis spendeten heftigen Beifall. Das war Gabriel suspekt. "Wenn das mal alles stimmen würde, was ihr über mich sagt ...", scherzte er. Er finde es "schon komisch, dass ich jetzt den größten Applaus bekomme, wo ich zurücktrete", witzelte Gabriel. Es sei doch logisch, dass ein Vorsitzender zum Wohle seiner Partei entscheidet. Und dem künftigen SPD-Chef Schulz gab er mit spöttischem Lächeln mit auf den Weg: "Viel Spaß noch, den Sack Flöhe zusammenzuhalten."

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