Die Akteure im Krieg in Nordsyrien

Damaskus/Washington/Ankara/Moskau (dpa) - Das Vorgehen der türkischen Streitkräfte gegen kurdische Milizen in Nordsyrien betrifft ein kompliziertes Geflecht an Akteuren vor Ort und in der Region - mit ganz unterschiedlichen Interessen und Plänen für die Gegend. Wer sind die wichtigsten Parteien im Konflikt?

YPG/SDF: Die kurdischen Volksschutzeinheiten, kurz YPG, sind die dominierende Kraft im Norden und Osten Syriens, wo sie im Laufe des mehr als achtjährigen Bürgerkriegs ein großes Gebiet an den Grenzen zur Türkei und zum Irak unter ihre Kontrolle bringen konnte. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung mit Kantonen eingerichtet. Die Miliz - und ihr politischer Arm, die PYD - pflegen enge Kontakte zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Die YPG-Miliz führt auch die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) an, in deren Reihen auch arabische Einheiten kämpfen. Die SDF waren in Syrien der wichtigste Partner der USA im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). In diesem Frühjahr nahmen SDF-Truppen im Osten Syriens die letzte IS-Hochburg ein. Sie sind gut trainiert, unter anderem von den USA, die sie auch mit Waffen ausgerüstet haben. Letztlich haben sie aber gegen das türkische Militär auch mangels Luftabwehr und schwerer Waffen wenig Chancen.

DIE TÜRKEI: Sie sieht in der YPG-Miliz einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Die Strukturen, die die Kurden in Nordsyrien entlang der Grenze aufgebaut hatten, sind der Regierung ein Dorn im Auge. Man werde nicht zulassen, dass an der türkischen Grenze ein «Terrorstaat» entstehe, heißt es regelmäßig aus Ankara. Ziel der Offensive ist eine sogenannte Sicherheitszone, in der die Regierung auch Millionen syrische Flüchtlinge unterbringen will, die derzeit in der Türkei leben. Dort kippt die Gastfreundschaft der Türken, auch angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage. Die Türkei hat in der Nato die zweitstärkste Armee nach den USA.

SYRISCHE REBELLEN: Sie haben nach acht Jahren Bürgerkrieg den größten Teil ihrer früheren Gebiete verloren und sind stark von ihrem Verbündeten Türkei abhängig. Das letzte große Rebellengebiet ist die Region um die Stadt Idlib im Nordwesten Syriens. Daneben sind Regierungsgegner auch in einem kleineren Grenzgebiet weiter nördlich aktiv, in das die Türkei bei früheren Offensiven eingerückt war, um den IS und die YPG von dort zu vertreiben. Unter türkischer Führung gaben sich die Rebellen dort den Namen Syrische Nationale Armee.

SYRIENS REGIERUNG: Die Führung in Damaskus pflegt zur kurdischen YPG und PYD ein gespaltenes Verhältnis - teilweise kooperierten sie miteinander, teilweise bekämpften sie sich, je nach Interessenlage. In der Vergangenheit gab es Gespräche über eine engere Zusammenarbeit, die aber ergebnislos blieben. Nun ist sie auf den Hilferuf der Kurdenmilizen hin in den Konflikt eingetreten. Man werde der «türkischen Aggression auf syrischem Boden entgegentreten», hieß es. Wie energisch sie die Türken bekämpfen würde, blieb zunächst unklar. Die Armee ist nach dem langen Bürgerkrieg schwach.

RUSSLAND: Moskau ist im Bürgerkrieg ein zentraler Akteur. Russland unterstützt nicht nur die Regierung militärisch, sondern pflegt auch Kontakte zu den Kurden und verhandelt mit der Türkei und dem Iran über die politische Zukunft des Bürgerkriegslandes. Die türkische Militäroffensive bringt Moskau sogar Vorteile: Russland hat lange einen Dialog zwischen der Regierung in Damaskus und den syrischen Kurden gefordert. Beide Seiten haben nun ein militärisches Abkommen geschlossen. Russland propagiert die Einheit Syriens und hat sich deshalb über ausländische Militärpräsenz wie die der USA oder der Türkei kritisch geäußert. Zugleich unterhält aber auch Russland selbst durch langfristige Verträge gesicherte Militärbasen in Syrien.

US-PRÄSIDENT DONALD TRUMP: Er hat dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien den Weg bereitet, indem er nach einem Telefonat mit Erdogan US-Truppen aus dem Grenzgebiet zurückzog. Auf die harsche Kritik an dem Schritt auch aus den eigenen republikanischen Reihen antwortet Trump immer mit demselben Argument: Er habe stets deutlich gemacht, «dass ich diese endlosen, sinnlosen Kriege nicht kämpfen will - besonders jene, die den Vereinigten Staaten nicht nützen». Trump will den Truppenrückzug aber nicht als Freifahrtschein für Erdogan verstanden wissen und droht immer wieder mit Sanktionen gegen die Türkei. Zunächst richteten sich die Maßnahmen gegen drei türkische Minister. Gleichzeitig hat Trump nach dem ersten Truppenabzug weitere Soldaten aus der Gegend zurückgezogen und Erdogan für den 13. November ins Weiße Haus eingeladen.

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