Eine Stadt im Ausnahmezustand

Erst Kappel, dann Kapellenberg und Innenstadt, Stunden später das Yorckgebiet: Mieter müssen ihre Wohnungen verlassen, Polizisten sperren ganze Viertel und sprengen Wohnungstüren. Die Lage bleibt unübersichtlich. Terroralarm in Chemnitz.

Wolfgang Leinte geht verzweifelt auf die bewaffneten Einsatzkräfte zu: Seine 94-jährige Mutter braucht dringend ihre Herztabletten, hat er den Beamten am Sonntagnachmittag Hilfe suchend erklärt. Die Medikamente liegen in der Wohnung, die sie am Samstag Hals über Kopf verlassen musste, an den Füßen nur ihre Pantoffeln. Mit ihr sind 80 weitere Mieter evakuiert worden. Gertrud Leinte kommt vorerst im nahe gelegenen Altenheim unter. Ihr eigentliches Zuhause ist der Wohnblock an der Straße Usti nad Labem 97 - das Gebäude, in dem Sondereinsatzkräfte am Samstagmittag eine Wohnung stürmen. Dort finden sie hochbrisanten Sprengstoff, der am späten Abend in einer Grube mitten in dem Wohnviertel entschärft wird. Ein mutmaßlicher Bombenbastler hat sich dort offenbar zeitweise aufgehalten. Nach ihm wird gefahndet. Aufregung genug für die betagten Bewohner - Wolfgang Leinte darf die Herztabletten holen.

Frühestens am Montag dürfen die Mieter wieder in ihre Wohnungen, hat die Polizei am Sonntag bekanntgegeben. Deshalb kommt Nadja Nussher kurz aus ihrem Notquartier zurück, will einige Sachen holen. Am Samstagmorgen hatte sie Schüsse gehört, ohne zu wissen, dass der mutmaßliche Täter ganz in der Nähe ist. Doch die Warnschüsse der Polizei haben ihn nicht aufgehalten. Im Sperrbezirk an der Straße Usti nad Labem herrscht Ausnahmezustand. "Es ist schon beängstigend", sagte Jenny Köhli, die mit Hund und Sohn eine Runde dreht - froh, wieder an der frischen Luft zu sein. Sie wohnt im Nebenhaus und durfte am Samstag ihre Wohnung nicht verlassen. Eigentlich wollte die 42-Jährige im nahen Supermarkt eine Torte kaufen, ihr Sohn Robert ist elf Jahre geworden. "Wir haben den Polizeieinsatz vom Fenster aus beobachtet", erzählt er.

Das ist Vincento Gruppuso nicht möglich gewesen. Er hat bei seiner Freundin übernachtet, die in der vierten Etage lebt - wo sich auch die Sprengstoff-Wohnung befindet. "Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich vermummte Polizisten", so der 18-Jährige. Er sei aus der Wohnung gegangen und habe in den Lauf eines Maschinengewehrs geblickt. Polizisten hätten ihn an der Hauswand zu einem Bus geführt. Vincentos Vater ist Italiener. Wegen seines südländischen Aussehens sei er am Tag gleich mehrfach angesprochen worden.

Während die Mieter in Kappel auf eine baldige Rückkehr hofften, sind Bewohner der Clausewitzstraße im Yorckgebiet am Sonntagnachmittag Zeugen des nächsten SEK-Einsatzes geworden. Sie bleiben zunächst ratlos, warum sie nicht in ihre Wohnungen dürfen. Eine Rentnerin muss ihr Auto stoppen, darf nicht weiterfahren. Kurz darauf stürmt die Polizei die Hauseingänge 1 bis 4, ein Mann wird festgenommen. Der Einsatz ist vergleichsweise schnell beendet. Die Anwohner können zurück in ihr Zuhause. Zurück bleibt ein beklemmendes Gefühl - wie am Samstag bei Bewohnern der Mozartstraße und Passanten am Hauptbahnhof, wo Beamte drei Verdächtige festnehmen. Zwei von ihnen sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Zurück nach Kappel: Ein Bewohner des Terrorhauses berichtete am Sonntag, dass er am Samstag gegen 12 Uhr von Polizeibeamten mit vorgehaltener Waffe aufgefordert worden sei, seine Wohnung zu verlassen. "Ich kam mir vor wie ein Verbrecher", sagte er der "Freien Presse". Der Mann wohnt im fünften Stock, hatte von den Flüchtlingen bisher nichts mitbekommen. Im Haus sei es immer sehr ruhig gewesen; die Mieterschaft sei gemischt: einige ältere Bewohner, einige junge Leute und Studenten, Familien. Wie viele Wohnungen mit Flüchtlingen belegt sind, könne er nicht sagen. Seine persönliche Stimmung beschrieb der Mann am Sonntag als "beschissen". Die Polizei hatte ihm kurz zuvor mitgeteilt, dass er am Sonntag definitiv nicht mehr in seine Wohnung zurückdürfe.

Ein Anwohner berichtet, er sei zu DDR-Zeiten vier Jahre im Irak gewesen und habe an der Eisenbahnstrecke nach Syrien mitgebaut. "Wir sind damals mit den Leuten gut klargekommen. Gut, sie haben eine andere Religion, aber das war uns egal." Heute hingegen machen er und seine Frau sich große Sorgen: "Ich muss sagen, dass es uns mulmig ist", gestand er. "So ist nun mal die Lage in der Welt, überall Krieg, und die Deutschen liefern die Waffen", sagt eine andere Anwohnerin. Da müsse man sich nicht wundern, wenn die Waffen wieder zurückkehrten.

Das Gebäude Usti nad Labem 97 ist als altersgerechter Wohnblock zu DDR-Zeiten gebaut worden. Der Fünfgeschosser verfügt pro Etage über zwölf Wohnungen. Das Wohngebiet selbst ist ein ruhiges Viertel. In den vergangenen zehn Jahren waren mehrere Wohnblöcke abgerissen und durch Grünflächen ersetzt worden. Die Wohnungen gehören mehreren Eigentümern, vor allem der GGG, aber auch der Wohnungsbaugenossenschaft Chemnitz-Helbersdorf und privaten Eigentümern. Derzeit leben viele ältere Familien in dem Viertel, die in den 1980er-Jahren als junge Leute eingezogen sind. Es gibt mittlerweile auch wieder Zuzug jüngerer Familien. "Wir wohnen gern hier", sagte ein Anwohner. Es sei ruhig und sehr grün. Probleme mit Asylbewerbern habe es in dem Wohngebiet keine gegeben. "Die sind alle eher unauffällig", berichtete er.

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hat am Sonntag den Betroffenen Unterstützung der Stadt und der GGG zugesagt, wenn sie in ihre Wohnungen zurückkehren. Die Kinderbetreuung in der Einrichtung Usti nad Labem 119 sei am Montag gewährleistet, ab 6 Uhr sei das Jugendamt erreichbar: 0371 4885124.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    2
    aussaugerges
    11.10.2016

    Ja,ja Deutschland schafft sich ab,entsetzlich die Zustände.



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