Frauen sind anders krank als Männer

Der Unterschied ist gar nicht so klein, beweist eine Studie der DAK für Sachsen - und zeigt auch, woran das liegt.

Husten, Schnupfen, Heiserkeit: So heftig wie lange nicht erwischte die Grippe die Sachsen im vergangenen Jahr. Das spiegelte sich am Ende auch im Krankenstand wider: Mit 4,6 Prozent kletterte er bei den Versicherten der DAK-Gesundheit auf den höchsten Stand seit 16 Jahren, wie aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Kasse hervorgeht. Bundesweit betrug die Quote nur 4,1 Prozent.

Vor allem Erkrankungen des Atmungssystems und Infekte haben 2015 überdurchschnittlich zugenommen. Sie sind aber nicht die einzigen Gründe für die gestiegenen Fehlzeiten. Die repräsentative DAK-Studie geht der Frage nach, woran Berufstätige am häufigsten erkranken - und versucht erstmals zu klären, warum Frauen und Männer anders krank sind. "Der vielzitierte kleine Unterschied zwischen Frauen und Männern ist gar nicht so klein", sagte Christine Enenkel, Chefin des Kundenmanagements der DAK-Gesundheit in Sachsen, gestern in Dresden.

Die meisten Ausfalltage - insgesamt 53 Prozent - gehen auf das Konto von drei Erkrankungsgruppen: Muskel-Skelett-System (zum Beispiel Rückenschmerzen), Atmungssystem (zum Beispiel Erkältungen) und psychische Krankheiten (zum Beispiel Burnout). Interessanterweise sind ausgerechnet die Fehltage wegen psychischer Probleme im Vorjahr leicht zurückgegangen, nachdem sie zuvor scheinbar ungebremst gestiegen waren.

Der Krankenstand der Frauen lag in Sachsen 2015 um 18 Prozent über dem der Männer, auf Bundesebene nur um 14 Prozent. Frauen haben auch mehr Fehltage als Männer, und zwar in allen Altersgruppen. Eine Erklärung könnte die deutlich größere Zahl weiblicher Betroffenen bei Depressionen sein. Das Robert-Koch-Institut stuft das Risiko einer Depression bei Frauen 1,7 Mal höher ein als bei Männern. Auch Brustkrebs und Schwangerschaftskomplikationen - also typische Frauenprobleme - schlagen sich spürbar im höheren Krankenstand nieder.

Männern macht vor allem das Herz zu schaffen, und zwar schon im Erwerbsalter. Vor allem ab dem 55. Geburtstag steigt das Risiko verengter Herzkranzgefäße rapide an. Ärzte führen das in erster Linie auf einen ungesunden Lebensstil zurück. Auch die Gefahr einer Krebserkrankung - und hier vor allem Prostatakrebs - wächst bei Männern mit zunehmendem Alter. Allerdings sind die meisten Herren bei der Diagnose bereits in Rente, sodass das keine Auswirkungen auf die Krankenstatistik hat.

Auch der Wohnort hat Einfluss auf den Krankenstand. Laut Report waren die Beschäftigten in Ostdeutschland viel häufiger krankgeschrieben. Ein Grund wird in der unterschiedlichen Wirtschaftsstruktur gesehen. Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass viele junge Leute in den Westen abgewandert sind.

"Männer müssen Stärke zeigen"

Elmar Brähler, Professor für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie, gilt auch nach seiner Pensionierung als gefragter Spezialist.

Herr Professor Brähler, Frauen sind häufiger krank als Männer - weil sie einfach das schwächere Geschlecht sind?

So einfach ist das nicht. Zunächst gehen Frauen häufiger zum Arzt - das erhöht schon mal die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch häufiger krankgeschrieben werden, zumal Ärzte bei Frauen nachweislich eher den Krankenschein ausfüllen als bei Männern. Außerdem sind es eher die Frauen, die sich bei Krankheit der Kinder selbst krankschreiben lassen, weil die bezahlten Tage ausgeschöpft sind.

Angeblich sind doch die Männer viel wehleidiger.

Männer sind so geeicht, dass sie Stärke zeigen müssen. Wenn es sie aber erst mal richtig erwischt, dann wollen sie auch umsorgt werden.

Männer gelten auch als Vorsorgemuffel. Warum sind sie dann trotzdem gesünder?

Die Männer fühlen sich gesünder. Ob sie es tatsächlich sind, kann die Statistik nicht beantworten - wir reden hier ja nur über den Krankenstand. Wenn Sie sich die Sterberate anschauen, dann haben Männer in allen Altersgruppen die Nase vorn. Wesentliche Gründe sind der höhere Alkohol- und Zigarettenkonsum, die ungesunde Ernährung und mehr Unfälle.

Warum haben Frauen viel öfter psychische Probleme?

Ich denke, das ist eher eine Frage der Diagnostik. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der psychischen Erkrankungen stetig an, erst 2015 ging sie wieder leicht zurück. Der Anstieg hatte vor allem damit zu tun, dass die Ärzte bei den gleichen Symptomen früher beispielsweise ein Rückenleiden diagnostizierten, heute aber eine Depression. Menschen mit einer Depression werden nicht mehr so schief angesehen, ein Burnout ist beinahe schon gesellschaftsfähig geworden.

Das erklärt aber noch nicht die Unterschiede bei den Geschlechtern.

Männer haben wahrscheinlich die gleichen psychischen Probleme, nur können sie mit dieser Diagnose viel schlechter umgehen. Außerdem werden solche Probleme bei Männern oft übersehen, weil sie sich anders äußern - etwa in aggressivem Verhalten, Sucht oder Suizidgedanken. Das überträgt sich auch auf die Ärzte. In Fallstudien hat man nachgewiesen, dass Ärzte eher eine psychische Erkrankung diagnostizierten, wenn ein Frauenname auf dem Bericht stand.

Viele Berufstätige schleppen sich aus Verantwortungsgefühl zur Arbeit, obwohl sie eigentlich das Krankenbett hüten müssten. Wie bewerten Sie diesen sogenannten Präsentismus?

Mich hat überrascht, dass auch viele Frauen so denken. Bisher kannte ich das eher von Männern, weil sie nicht als Weicheier gelten wollen. So löblich es ist, die Kollegen nicht im Stich lassen zu wollen - wenn man am Ende noch andere Mitarbeiter ansteckt, richtet man mehr Schaden als Nutzen an. Vom eigenen Heilungsprozess mal ganz abgesehen.

Frauen sind anders, Männer auch. Welche Lehren kann man daraus ziehen?

Die betriebliche Gesundheitsförderung muss mehr auf Zielgruppen ausgerichtet sein. Also auf Männer und Frauen, aber auch auf junge und ältere Mitarbeiter. Auch flexiblere Teilzeitregelungen und Angebote für betriebsnahe Kitas können Wunder wirken. Ungeachtet dessen muss man aber auch realistisch bleiben: Den Krankenstand eines Unternehmens wird man nie auf null bringen. (sk)

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