Justiz, Politik, Gesellschaft - der Mordfall in Kandel

Landau (dpa) - Der Mord an der 15-jährigen Mia in Kandel war zugleich Teil des Streits über die deutsche Flüchtlingspolitik. Ein Rückblick:

DER PROZESS

27. Dezember 2017: Mia wird in einem Drogeriemarkt erstochen. Abdul D., ihr wohl aus Afghanistan stammender Ex-Freund, ist tatverdächtig. Es gibt Zweifel, dass der abgelehnte Asylbewerber erst 15 Jahre alt ist.

20. Februar 2018: Ein Gutachten der Staatsanwaltschaft geht bei Abdul D. von einem Alter zwischen siebzehneinhalb und 20 Jahren aus.

18. Juni: Der Mordprozess beginnt vor dem Landgericht Landau. Weil eine Volljährigkeit des Angeklagten zur Tatzeit nicht zweifelsfrei sicher ist, wird hinter verschlossenen Türen verhandelt.

20. Juli: Der Rechtsanwalt des Angeklagten gibt bekannt, dass seine Kanzlei Morddrohungen per Telefon erhalten habe. Grund sei offenbar gewesen, dass er einen Flüchtling unter Mordverdacht verteidige. Der ermittelte Anrufer habe sich mittlerweile entschuldigt.

17. August: Zwei Beamte werden im Gerichtssaal verletzt. Die Justiz nimmt wegen des Verdachts auf Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung Ermittlungen gegen Abdul D. auf.

3. September: Abdul D. wird wegen Mordes und Körperverletzung nach Jugendstrafrecht zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

DIE POLITIK

30. Dezember 2017: Da es bereits kurz nach der Tat erste Zweifel am Alter des Verdächtigen gibt, fordern Politiker verschiedener Parteien eine konsequentere Altersprüfung junger Flüchtlinge - auch durch medizinische Test wie das Röntgen von Handknochen. Kritik kommt unter anderem von Kinderärzten und Strahlenschützern.

12. März 2018: Union und SPD planen im Koalitionsvertrag eine einheitliche Altersfeststellung. Falls Zweifel an den Angaben eines Asylsuchenden bestehen, soll diese in den Händen des zuständigen Jugendamts unter Beteiligung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in den seinerzeit geplanten Flüchtlingszentren (AnKER-Zentren) liegen. Medizinische Tests sind nicht ausdrücklich vorgesehen, werden aber auch nicht ausgeschlossen.

DIE ÖFFENTLICHKEIT

11. Januar 2018: Bei einem Trauergottesdienst nehmen mehrere hundert Menschen in dem rheinland-pfälzischen Ort Abschied von Mia. Der Pfarrer warnt unter anderem vor Vorverurteilungen von Migranten.

3. März: In dem 9000-Einwohner-Ort folgen 1500 Demonstranten der rechtspopulistischen Initiative «Kandel ist überall», die sich gegen Migranten wendet. Etwa 3000 Menschen treten unter dem Motto «Wir sind Kandel» gegen Hass und Hetze ein.

24. März: Etwa 1000 Menschen demonstrieren mit «Kandel ist überall». Rund 2000 «Wir sind Kandel»-Teilnehmer stellen sich dagegen.

25. Mai: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft den anonym angefeindeten Bürgermeister von Kandel, Volker Poß (SPD). Dieser hatte vor pauschalen Urteilen gegenüber Asylbewerbern gewarnt - und daraufhin Morddrohungen erhalten.

1. September: Kurz vor dem Urteil protestieren erneut Hunderte gegen die Migrationspolitik. Dagegen stellen sich Menschen unter dem Motto «Wer schweigt, stimmt zu - dem Rechtsruck entgegentreten».

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