«Könnte ein langer Kampf werden» - Chinas Städte leergefegt

Die Virus-Infektionen und Todesfälle steigen in China mit jedem Tag schneller. Es sind mehr Erkrankte als bei der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Das Riesenreich kommt zum Stillstand. Hat China seine Lektion von Sars wirklich gelernt? Ein Richter übt Kritik.

Peking (dpa) - «Ich habe keine Angst. Wir desinfizieren viel und tragen Mundschutz», sagt tapfer der Chef des Nudelsuppenladens «Lao Zhang», übersetzt «Zum alten Zhang» - eines der wenigen Restaurants, die in Peking noch geöffnet haben.

Trotzdem schlürft am Mittag nur ein einsamer Gast seine Nudelsuppe in dem Laden, der Platz für 30 bis 40 Leute bietet. «Lässt sich nicht ändern», sagt der Chef, reicht Desinfektionstücher. Drei Vertreter der Verwaltung des Einkaufsplazas kommen rein, blicken ernst über ihre Atemmaske hinweg. Sie halten ihm das Fiebermessgerät an die Stirn. «Zweimal am Tag geht das so», erzählt er. Seine Temperatur ist normal.

Die meisten anderen Restaurants sowie die Boutiquen, Friseurläden und Nagelstudios in dem trendigen Einkaufszentrum haben geschlossen - so wie viele andere Läden in der Hauptstadt. Kaum jemand traut sich vor die Tür. Pekings Straßen sind wie leer gefegt. Dabei ist die Stadt tausend Kilometer vom Ursprungsort der Epidemie in der Metropole Wuhan in Zentralchina weg. Auch zählt Peking nur rund 120 Patienten, aber das Coronavirus hat sich inzwischen in alle Metropolen, Provinzen und Regionen Chinas verbreitet - und mit ihm die Furcht vor Ansteckung.

«Jeder kriegt doch Panik, wenn er sich den gegenwärtigen Trend der Infektionen ansieht», sagt der Manager einer Spirituosenkette. «Ich habe auch Angst, mich anzustecken», räumt der 50-Jährige ein. Er kämpft ohnehin mit einer «gewöhnlichen Erkältung», wie er versichert. «Ich bin krank, nehme Vitamin C zu mir, trinke Anti-Virus-Saft.» Es ist ja auch Erkältungszeit. Vor die Tür geht er kaum noch. «Ich folge dem Aufruf der Regierung, schütze und isoliere mich selbst. Aber ich muss ja mal zum Supermarkt, um ein paar Sachen einzukaufen.»

Jeden Tag wird ein neuer Rekordanstieg der Patienten und Todesfälle verkündet. Von Donnerstag auf Freitag kamen fast 2000 Infektionen hinzu. Mehr als 200 Tote sind schon zu beklagen. Mit rund 10.000 Infektionen sind es mehr als bei der schweren Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Damals starben 774 Menschen. Die Parallelen sind auffallend: Wie damals stammt das Virus von Wildtieren: Es ist eine Variante des Sars-Virus. Und wie damals wird das Land mit radikalen Mitteln praktisch zum Stillstand gebracht, um eine Ausbreitung zu verhindern.

In der hart betroffenen Provinz Hubei wurden 45 Millionen Menschen abgeschottet - das entspricht mehr als der Hälfte der Bevölkerung der Bundesrepublik. Alle Verkehrsverbindungen sind dort gekappt. Landesweit werden Überlandbusse gestoppt, Züge und Flüge reduziert. Auf dem Lande errichten lokale Stellen Straßensperren, um Besucher von auswärts abzuhalten. Die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest wurden einfach verlängert: Schulen, Universitäten und Kindergärten bleiben geschlossen, Fabriken stehen still und Büros sind verriegelt.

So ähnlich wurde das Riesenreich auch in der Sars-Krise 2003 lahmgelegt, was maßgeblich dazu beigetragen hat, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen. Darauf hoffen jetzt alle wieder. «Der Unterschied zu damals ist, dass das Virus ansteckender ist, auch wenn die Sterblichkeit geringer scheint», sagt ein 42-jähriger Ingenieur.

Ein Finanzexperte, der ebenfalls nicht genannt werden will, hofft auch auf wärmere Temperaturen. «Wenn das Wetter besser wird und alle Maßnahmen ergriffen worden sind, wird diese Krise gelöst», gibt sich der 39-Jährige zuversichtlich, räumt aber ein: «Ich war anfangs ziemlich geschockt.» Er nimmt jetzt immer eine Plastiktüte, um den Knopf im Aufzug zu drücken. Auch wäscht er seine Hände häufig oder nimmt sogar ein Bad, wenn er länger vor der Tür war. U-Bahn und Busse meidet er, fährt lieber mit dem Auto. Sars 2003 hat er anders erlebt: «Ich war damals Single. Aber jetzt habe ich eine Familie mit Jungen und Alten. Da ist der persönliche psychologische Stress anders.»

«Ich habe Angst», sagt auch die 24-jährige Zhang Bonan, Absolventin der Kunstakademie in Xi'an. «Wenn ich nur eine gewöhnliche Erkältung oder Fieber habe und zum Arzt in eine Klinik gehe, könnte ich mich infizieren.»

Zunehmend wird in China auch diskutiert, ob es vielleicht zu der derzeitigen Eskalation gar nicht erst hätte kommen müssen. Chinas höchstes Gericht kritisiert die Polizei von Wuhan, die Ende Dezember ausgerechnet gegen einen Arzt und Mitglieder einer medizinischen Diskussionsgruppe vorgegangen war. Sie sollen angeblich «Gerüchte» im Internet über einen neuen Ausbruch von Sars von dem Markt mit wilden Tieren in Wuhan verbreitet haben, der später als Ursprungsort bestätigt wurde.

«Wenn die Öffentlichkeit den "Gerüchten" damals geglaubt und aus Angst vor Sars angefangen hätte, Masken zu tragen, streng zu desinfizieren und den Wildtiermarkt zu vermeiden», lässt ein hoher Richter wissen. Dann wäre die Epidemie heute leichter in den Griff zu bekommen. Doch die acht Teilnehmer der Gruppe wurden vielmehr von der Polizei vorgeladen, verwarnt und mussten unterschreiben, dass sie nichts mehr über den Ausbruch enthüllen. Einer der Ärzte infizierte sich nach Presseberichten selbst bei einem Patienten, erkrankte und steckte auch noch seine Eltern an.

Das Vorgehen erinnerte an die anfängliche Vertuschung von Sars. Aber es gibt auch noch eine Lehre, die nicht aus der Krise damals gezogen wurde: Trotz der Pandemie florierte in China auch 17 Jahre später weiter der Handel mit Wildtieren zum Verzehr - selbst mit Fledermäusen, die als Wirt von Coronaviren bekannt sind. Auch die Schleichkatzen, die das Sars-Virus damals in exotische Restaurants getragen haben sollen, gab es noch zu kaufen. Erst vergangene Woche wurde der Handel mit Wildtieren verboten.


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