Einer kargen Landschaft entspringt viel Poesie

In "Land sehen" von Husch Josten geht es um einen unverhofften Besuch und einen vergnüglichen Disput über Glaube und Wissen.

Professor Horand Roth staunt nicht schlecht, als er eines Abends einen Anruf von seinem Patenonkel Georg erhält, der vor über drei Jahrzehnten aus seinem Leben verschwand. Noch mehr überrascht es ihn, dass er Mönch geworden war, der sich nun Bruder Athanasius nennt. Hora, diesen Spitznamen verpasste ihm der Onkel, liebte und bewunderte Georg als Kind wegen seiner unkomplizierten, fröhlichen Art, denn es war immer etwas los im Hause Roth, wenn er zu Gast war, bis die Familie im Streit auseinanderbrach. Dem Jungen Hora wurden dessen Ursachen nicht erklärt. Georg stand im Ruf eines Lebemannes, der nichts ausließ und in die Welt hinauszog. Beleg dafür waren die Postkarten, die der Junge aus aller Herren Länder erhielt und zum Leidwesen seiner Eltern getreulich aufbewahrte.

Inzwischen ist aus dem Jungen ein 49jähriger Mann geworden, ein engagierter Literaturwissenschaftler an der Universität Bonn, der jedoch die Leidenschaft seiner Jugend, das Schreiben, zugunsten der Lehrtätigkeit eingestellt hat. Selbstzufrieden und genügsam ist er geworden, wie er ironisch feststellt. Er erwartet nichts mehr von sich, hat sich eingerichtet, was ihm seine Frau Patricia, von der er getrennt lebt, vorwirft.

Nun geht ihm dieser ominöse Anruf nach. Er gerät ins Grübeln. Was war geschehen, dass sein lebensbejahender, unorthodoxer Onkel diesem erzkatholischen, selbst in Kirchenkreisen umstrittenen Orden beitrat? Um dies zu ergründen, verbringt Horand ein paar Tage im Kloster Reichenstein, in dem der Onkel lebt. Doch diese Erfahrungen führen ihn in Bezug auf die Motive Georgs für ein solches Leben nicht weiter. Nur zögerlich gibt Georg seinem Neffen Auskunft. Fest steht zunächst, dass er an der Universität Bonn über das Kloster Reichenstein promoviert und der Orden der Piusbrüder dieses Vorhaben finanziert hat. Erst am Schluss erfährt man, warum sich Georg seinem Neffen zuwendet und das Armutsgelübde des Ordens bricht.

Nach und nach entspinnt sich ein philosophischer Disput zwischen Georg und Hora über Glaube und Wissen, Religion und Agnostizismus, Wahrheit und Freiheit, den Husch Josten die Kontrahenten mit der ihnen eigenen humorvollen und dennoch tiefgründigen Gestaltungsweise führen lässt, der die Leser nicht überfordert und nie langweilt. Denn der Wechsel von tiefem Ernst und heiterer Gelassenheit in den Dialogen übt eine faszinierende Wirkung aus. Feinfühlig ermuntert die Autorin ihre Leser, über Religiosität, über den Sinn und Inhalt des Lebens nachzudenken. Man hinterfragt eigene Ansichten und gerät ins Staunen. Nicht umsonst heißt der metaphorische Titel des Romans "Land sehen".

Gleichzeitig verwebt Josten die Biografie dieser beiden Männer mit einem der traurigsten Kapitel in der deutschen Geschichte. Es handelt sich um die Aktion T4 (Euthanasie) während der Nazizeit, der ein weiteres Familienmitglied, Georgs Bruder Wolfgang, beinahe zum Opfer fiel. Nur durch das mutige Eingreifen einer Krankenschwester wurde er gerettet. Über sein Schicksal breiteten Horas Eltern den Mantel des Schweigens und verdrängten so diese Geschehnisse und ihre Tatenlosigkeit.

Aber auch eine Liebesgeschichte, deren Ende offenbleibt, fehlt in diesem Roman nicht. Obwohl die Fülle von Ereignissen eigentlich ausreicht, ergänzt sie das Geschehen um einen weiteren Handlungsstrang, und man möchte sie nicht missen, da sie so anrührend erzählt wird. Überhaupt glänzt Husch Josten in ihrem fünften Roman nicht nur durch ihre lakonische, humorvolle Schreibweise, sondern auch durch ihre stilsichere bildhafte Gestaltung, die selbst die karge Landschaft der Eifel und deren oft mieses Wetter in Poesie verwandelt. Der Roman ist ein Gewinn für alle, die nicht nur Action, sondern Reflexion in einem Kunstwerk suchen.

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