Helden ohne Glamour und Pathos

Mit seinem Roman "Am Seil" entführt Erich Hackl die Leser nach Wien in die Zeit der Naziherrschaft, aber auch in die Aktualität in einem Europa voller Flüchtlinge.

Der Österreicher Erich Hackl schickt die Leser mit seiner neuen Erzählung "Am Seil" auf eine beklemmende Zeitreise in das Wien Anfang der 1940er-Jahre. Er erzählt, wie der wortkarge Kunsthandwerker Reinhold Duschka in der Zeit der Naziherrschaft zwei Menschenleben rettete. Er versteckte die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vier Jahre lang in seiner Werkstatt.

Zu dritt überlebten sie die dunklen Jahre durch Glück und dank gegenseitigem Vertrauen, wie an einem unsichtbaren Seil miteinander verbunden. Das Seil dürfte eine Anspielung auf Duschkas große Leidenschaft, das Bergsteigen, sein. Auch als erfahrener Alpinist war er es gewohnt, auf andere Kameraden angewiesen und für sie verantwortlich zu sein. Seine wahren Beweggründe, die beiden Frauen zu retten, bleiben jedoch unklar. Immerhin war er der beste Freund von Lucias Vater gewesen, bevor dieser nach Australien verschwand.

Hunger und Verzweiflung der Frauen stehen Duschkas Einfallsreichtum gegenüber, mit dem er den beiden immer wieder half. Nach dem Krieg erfuhr er von einem Bergsteigerkameraden, der Gestapo-Mitarbeiter war, dass gegen ihn eine anonyme Anzeige vorgelegen hatte, nach der er zwei Fremdarbeiterinnen versteckt haben soll. Sie blieb aus nicht näher erläuterten Gründen ohne Folgen.

Hackls Text basiert auf fragmentarischen Erinnerungen von Lucia, verheiratete Heilmann, die nach dem Krieg zunächst nach Australien zu ihrem Vater auswanderte, aber dann zurückkehrte und in Wien als Ärztin arbeitete. Der Fall selbst ist in Wien bekannt, seit Lucia ihn 2013 in einer Burgtheater-Inszenierung erzählt hatte. Da war sie schon 89 Jahre alt. Hackl respektiert die Grenzen zwischen ihrer Erinnerung und der Fiktion.

Lucia konnte sich nicht mehr an alles erinnern, Hackl strebt nach Authentizität. In seinen Episoden werden Retter und Gerettete zu einer radikal verknappten historischen Erzählung verdichtet, was dem Leser die Nähe zu den Akteuren und das Mitleiden mit dem Geschehen nicht leicht macht. Die Selbstverständlichkeit, mit der Duschka damals Zivilcourage an den Tag legte, führt aber mitten hinein in die Aktualität - in ein Europa voller Flüchtlinge, in dem mehr denn je Zivilcourage gefragt ist.

Hackl wirft auch ein Schlaglicht auf das notorisch antisemitische Österreich der Nachkriegsjahre. Aus Angst, Bergkameraden und Kunden zu verlieren, schweigt er jahrzehntelang über seine "Seilschaft". Auch seine Tochter erfährt erst im Erwachsenenalter und nur durch Zufall von der Geschichte. Später lässt er sich schließlich überreden, seine Geschichte öffentlich zu machen. Als 91-Jähriger wird er 1991 von der Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter unter Völkern" ausgezeichnet. Hackls "Am Seil" mag eine Heldengeschichte sein, aber eine mit Helden ohne jeglichen Glamour und jegliches Pathos.

Erich Hackl: "Am Seil"

Diogenes Verlag

128 Seiten

20 Euro

ISBN 978-3-257-07032-3

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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