Mördertrio fühlte sich in Chemnitz wohl

Viele Hinweise darauf, dass Chemnitz der erste Rückzugsort der Zwickauer Terrorzelle war

Chemnitz. Langsam wird es zur traurigen Gewissheit. Chemnitz könnte das erste Asyl für die als Zwickauer Mördertrio bekannt gewordene rechtsterroristische Gruppierung gewesen sein. Von 1999 bis 2001, so heißt es derzeit in Ermittlerkreisen, hätten sich Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Stadt aufgehalten. Eine Zweiraum-Plattenbauwohnung im Haus Wolgograder Allee 76 war ihr zeitweiliges Versteck. Nachdem sie im Januar 1998 wegen Bombenbaus in den Untergrund gehen mussten, sollen sie von hier aus ihre hochkriminelle Karriere begonnen haben.

Das Trio baute vor allem auf den Schutz seiner engen Verbindungen in die radikale rechte Musikszene, in der es sich seit Langem geistig heimisch fühlte. Beherrscht wurde sie von der rassistischen "Blood-and-Honour"-Bewegung (Blut und Ehre) sowie von den neonazistischen "Hammerskins".

Goldenes Nest für die Gesuchten

Kameraden aus Johanngeorgenstadt bereiteten bereits damals dem mit Haftbefehl gesuchten Trio ein goldenes Nest. Ein "Bruder im Glauben" aus jener Verbindung mietete die Wohnung auf seinen Namen. Er ist beileibe kein Unbekannter: André E. gehört zu den derzeit in Untersuchungshaft einsitzenden Unterstützern. Bisher wird ihm vor allem die Autorenschaft des Bekenner-Videos der Gang namens "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zugeordnet, die mordend und raubend durch Deutschland zog. Zehn Menschenleben haben sie auf dem Gewissen und 14 Banküberfälle.

Langsam beginnt auch zeitlich vieles zueinanderzupassen, anderes bleibt ungeklärt. Kaum war das Trio in Chemnitz aufgetaucht, beging es am 6. und 27. Oktober 1999 seine ersten beiden Banküberfälle, zwei von später insgesamt sieben Raubzügen in der Stadt.

Doppelt überwacht

Im Jahr 2000 waren ihnen Zielfahnder aus Thüringen, der Heimat der drei, einmal so nah wie nie wieder. Aus einer Telefonüberwachung der Thüringer ging hervor, dass Uwe Böhnhardt mit Beate Zschäpe um den 1.Oktober bei Mandy S. in der Bernhardstraße 11 feiern würde. Also wurde Sachsens Verfassungsschutz gebeten, den Hauseingang für etwa vier Tage per Kamera zu überwachen. Etwa zur gleichen Zeit - womöglich eine von mehreren Ermittlungspannen - soll bereits das sächsische Landeskriminalamt an dieser Adresse auf der Lauer gelegen haben, hieß es gestern im Innenausschuss des Landtages. Das Trio wurde dennoch nicht geschnappt.

Auch nach der Sitzung der Parlamentarischen Kontrollkommission für den Verfassungsschutz vom Mittwochabend ist die Frage offen: Wussten die beiden Seiten wirklich nichts voneinander? Unklar ist, warum sich offenkundig niemand für den damals 21-jährigen Wohnungsmieter André E. interessierte.

In jener Zeit setzte das Bundesinnenministerium die "Blood-and-Honour"-Szene unter Druck. Hausdurchsuchungen und Observationen waren an der Tagesordnung. Ein bundesweites Verbot der Organisation drohte. Es erfolgte am 12. September 2000. Drei Tage davor, am 9. September, mordete das Trio in Nürnberg das erste Mal. Ein Zufall? Als die Vereinigung gegen das Verbot klagte und am 13.Juni 2001 vor dem Bundesverwaltungsgericht endgültig scheiterte, starb am selben Tag in Nürnberg der zweite Mensch durch die Terrorzelle. Immer noch ein Zufall? "Blood an Honour" hatte doch die Taktik terroristischer Kleinstgruppen propagiert, die der Verfassungsschutz in seinen Jahresberichten stets für Sachsen ausschloss. Im Übrigen: 2001 starben in München und Hamburg noch zwei Menschen durch das Trio. Eine grausame Wutreaktion? Es war das blutigste Jahr der NSU-Killer.

Wechsel nach Zwickau

Erst 2001 wandte sich das Trio Zwickau zu. Das Chemnitzer Pflaster war zu heiß geworden, noch Jahre ging die Polizei gegen "Blood-and-Honour"-Strukturen vor, die in Sachsen in Chemnitz und Aue ihre Schwerpunkte hatten. In Zwickau mietete wieder ein Johanngeorgenstädter einen Unterschlupf an, und die Banküberfälle begannen hier. Ab 2004 mordete das Trio bis 2007 wieder regelmäßig, bis ihm am 4. November 2011 ein Banküberfall in Eisenach endgültig zum Verhängnis wurde. Mundlos und Böhnhardt erschossen sich.

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