Aleppo wird fallen - und dann?

Der Einfluss der Islamistenmiliz "Eroberungsfront Syriens" wird wachsen - Kämpfe könnten noch Jahre andauern

Chemnitz.

Die zweitgrößte syrische Stadt steht vor der Eroberung. Für das Assad-Regime ist das ein wichtiger militärischer Sieg. Aber was bedeutet das für den Syrien-Krieg? "Freie Presse" beantwortet die drängendsten Fragen.

Wie ist die Lage in Aleppo?

Die Regierungstruppen sind am Montag weiter in den Ostteil der Stadt vorgerückt. Laut Syrischer Beobachtungsstelle für Menschenrechte kontrollieren sie jetzt mehr als zwei Drittel des Gebietes, das bis vor kurzem in den Händen der Islamisten oder gemäßigter Milizen war. Nach UN-Angaben ist nicht nur die Versorgung der Menschen in Ost-Aleppo zusammengebrochen. Auch mehr als 400.000 Flüchtlinge im Westen der Stadt brauchten dringend Hilfe.

Wird die Schlacht um Aleppo bald beendet sein?

Bis zum Jahresende sollen die Truppen Assads und seiner Verbündeten die Stadt vollständig eingenommen haben. Das erklärte der russische Vizeaußenminister Michail Bogdanow. "Ich vermute, dass das Assad-Regime mit Unterstützung Russlands, des Irans und der Hisbollah die Stadtteile, die noch unter Kontrolle der Rebellen sind, weiter einkesseln, bombardieren und aushungern wird", sagt André Bank, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Giga-Institut für Nahost-Studien in Hamburg. "Die humanitäre Lage dort wird sich nochmals zuspitzen."

Wohin können die Zivilisten überhaupt fliehen?

Zehntausende Menschen haben laut Syrischer Beobachtungsstelle für Menschenrechte Zuflucht in umliegenden Vierteln gesucht. Da die Zahl der Flüchtlinge aus Ost-Aleppo aber weiter steigen wird, werden sie dort nicht alle bleiben können. Kurzfristig werden deshalb vermehrt Syrer in der Türkei Schutz suchen wollen. Der Weg dorthin ist derzeit aber versperrt. Ankara hat eine Hunderte Kilometer lange Mauer an der Grenze errichtet. Präsident Erdogan stellt zwar eine Sicherheitszone in Nordsyrien in Aussicht. Bislang ist davon aber nichts zu sehen.

Werden die Milizen aufgeben?

Nein. Ohne internationale Garantien, über die Russland und die USA diese Woche wieder verhandeln wollen, werden sie sich auch nicht aus Ost-Aleppo zurückziehen. So müsse vor allem für die Sicherheit der Zivilbevölkerung gesorgt werden, heißt es vonseiten der Kämpfer. Bewohner dürften nicht vertrieben werden, Hilfskorridore sollten unter internationaler Kontrolle stehen.

Wie wird das Assad-Regime mit den Besiegten verfahren?

"Wie ich das Assad-Regime kenne, wird es sehr brutal mit ihnen umgehen", sagt André Bank. "In Homs wurden die Mitglieder der Milizen umgebracht. Auch die Zivilbevölkerung wird nicht besonders gut versorgt werden."

Welche Auswirkungen wird die Eroberung Aleppos auf den Fortgang des Krieges haben?

Das Assad-Regime kontrolliert dann wieder die fünf größten Städte des Landes. Den Milizen bleiben vor allem ländliche Gebiete wie die Provinz Idlib oder Landstriche im Süden wie rund um Daraa. "Auch nach der Einnahme Aleppos wird weiter- gekämpft werden", sagt André Bank. "Der Krieg tritt nur in eine neue Phase. Wir kennen auch aus anderen internationalisierten Kriegen wie im Libanon oder in Afrika, dass es in bestimmten Phasen Gewinner gibt, dass aber die Warlords ihre Kämpfe vor Ort fortsetzen, Straßen kontrollieren oder ganze Stadtviertel. Das gibt es jetzt auch schon in Syrien."

Was bedeutet Aleppos Fall für die gemäßigten Rebellen?

Die Freie Syrische Armee und andere gemäßigte Milizen erwarten sich von US-Präsident Donald Trump keine Unterstützung. Je wichtiger die Region Idlib für die Rebellen wird, desto mehr Einfluss wird deshalb die islamistische Terrororganisation Dschabhat al-Sham unter den Aufständischen gewinnen. Bis zum Juli trat diese Miliz, die von Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten gestützt wird, noch unter dem Namen Al-Nusra-Front auf. Mit der Umbenennung sagte sie sich formal vom Terrornetzwerk al-Kaida los.

Kommt es nun zu neuen Bündnissen?

Die Al-Nusra-Front hat auch in der Vergangenheit taktische Bündnisse mit gemäßigteren oder säkularen Rebellen geschlossen. "Wenn sie ein Gebiet kontrollieren, kämpft wieder jeder gegen jeden um die Vorherrschaft", sagt André Bank. "Diese lokalen Auseinandersetzungen der Warlords, Milizen und Banden um Macht und Geld werden erst aufhören, wenn sie eine andere wirtschaftliche Perspektive haben. Ich gehe davon aus, dass dieser Krieg eher noch Jahre denn Monate andauern wird."

Wie wird das Assad-Regime weiter vorgehen?

Es könnte sich auf die Rückeroberung der Provinz Idlib konzentrieren. Vielleicht lässt Assad die Islamisten dort aber auch weiter gewähren, weil er sich dann international besser als alternativlos zu den Terrorgruppen "Eroberungsfront Syriens" und Islamischer Staat (IS) präsentieren kann. Nahost-Experte André Bank rechnet indes damit, dass sich nach der Einnahme Aleppos im Pro-Assad-Lager Risse auftun werden, "weil Russland schnell auf Verhandlungen drängen wird, um seine Truppen abziehen zu können. Der Iran wird hingegen weiter enger an der Seite Assads stehen."

Wie wird sich die kurdische PYD verhalten?

PYD-Chef Salih Muslim hat Assad gewarnt, die Kurdengebiete im Norden zurückerobern zu wollen. Er betonte aber, die Kurden wollten keinen eigenen Staat, sondern eine "autonome Selbstverwaltung" mit einem Rätesystem und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und Ethnien. Assad bietet sich ihnen an, um ihr Territorium vor türkischen Interessen zu sichern.

Ist doch noch eine politische Lösung in Sicht?

Westliche Beobachter glauben eher nicht daran. "Assads Regime gründet auf brutalster Gewalt und einem starken Geheimapparat", sagt André Bank. "Der nächste Konflikt ist da schon vorprogrammiert."

Welches Signal geht von diesem Kriegsverlauf aus?

Russland hat sich als verlässlich erwiesen, während die EU und die USA nur lavierten. Andere autoritäre Regime könnten nun ebenfalls eine russische Marinebasis ins Land lassen. Im Konfliktfall könnte das ihr Überleben retten. (juerg/dpa/rtr)

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