Auf der Suche nach Freiheit

Nach 66 Tagen auf hoher See erreichte die "Mayflower" im November 1620 Cape Cod an der Küste des späteren US-Staates Massachusetts. Im britischen Plymouth waren radikale Puritaner an Bord gegangen, die sich von der anglikanischen Kirche losgesagt hatten.

Die Reise der Pilgerväter vor 400 Jahren gilt als Beginn der ausgedehnten Besiedlung Amerikas durch die Europäer. An Bord befand sich neben den Anhängern einer radikal-calvinistischen Reformbewegung, den "Saints" ("Heilige"), auch eine fast ebenso starke Gruppe von Nichtseparatisten, die als "Strangers" ("Fremde") bezeichnet wurden. Diese weltlichen Auswanderer waren überwiegend kleine Gewerbetreibende, Ex-Soldaten und Abenteurer. Noch auf hoher See unterzeichneten die beiden Gruppen einen Pakt für ihr künftiges Gemeinwesen.

Das System beruhte auf der Gleichheit aller vor dem Gesetz. 41 der Kolonisten, ausschließlich Männer in der Funktion als Familienoberhäupter, hatten ein für die damalige Zeit erstaunlich pragmatisches und zukunftsorientiertes Dokument erarbeitet. Dieser Vertrag gilt noch heute als eine der Grundlagen der amerikanischen Demokratie: "Wir vereinen uns alle zu einer zivilen, politischen Körperschaft, um uns besser zu organisieren und weiterem Bevorstehenden zu trotzen."

An Land tauften sie ihre neue Kolonie nach ihrer Heimatstadt "Plymouth Plantation". Doch es war keineswegs der erste Ort in Nordamerika, an dem sich Neuankömmlinge aus der Alten Welt auf Dauer niederließen. Die Briten hatten schon 1497 durch die Entdeckungen des Seefahrers John Cabot erste Besitzansprüche angemeldet. Ab 1540 erkundeten Spanier von Mexiko aus den Südwesten und begannen mit dem Aufbau einer Kolonialprovinz um Santa Fe. Im Jahr 1565 entstand die erste dauerhafte, europäische Siedlung an der Atlantikküste nach der Landung von Spaniern in St. Augustine in Florida. Die erste englische Kolonie datiert von 1583 mit der Inbesitznahme der Stadt St. John's auf Neufundland durch die britische Krone. Franzosen gründeten 1608 Quebec in Kanada, die Niederländer beanspruchten 1609 durch den Forschungsreisenden Henry Hudson die heutige New York Bay. In der Anfangszeit gingen die Initiativen für die Errichtung von Kolonien nicht nur von Ländern aus. Auch Handelsgesellschaften und Spekulanten, die sich größtmögliche Gewinne versprachen, erkundeten neue Gebiete. Daneben gab es religiöse Fundamentalisten mit dem Wunsch nach Freiheit oder Privatpersonen auf der Suche nach dem großen Glück.

Die "Mayflower" (deutsch "Maiblume") war ein Dreimaster. "Mit meinem Schiff und 30 Mann Besatzung brachte ich 102 Passagiere über den Atlantik", berichtete Kapitän Christopher Jones. Da es damals jedoch vier verschiedene "Mayflowers" gegeben haben soll, kann nicht mehr einwandfrei nachvollzogen werden, mit welchem dieser Schiffe die Menschen nach Amerika reisten. Fest steht aber, dass die Fahrt für die 50 Männer, 19 Frauen, 14 Jugendlichen und 19 Kinder zur wochenlangen Tortur wurde.

Eingepfercht in das enge, nur knapp 150 Zentimeter hohe und dunkle Zwischendeck ohne Belüftung mussten sie selbst für ihre Ernährung mit Trockenbrot und Pökelfleisch sorgen. Die engsten Unterkünfte im Unterdeck waren eigentlich als Laderaum gedacht und maßen nur 80 mal 50 Zentimeter, Toiletten gab es nicht. Es stank nach Exkrementen und dem Erbrochenem seekranker Menschen.

Die sogenannten Pilgrim Fathers ("Pilgerväter") wurden erst im Nachhinein so bezeichnet. Mit ihrer Auswanderung wollten sie sich dem Einfluss der "Church of England" entziehen, die sich 1531 unter König Heinrich VIII. von der Katholischen Kirche losgesagt hatte. Die "Heiligen" (nach dem Sprachgebrauch des Apostels Paulus) lehnten jede Form klerikaler Hierarchie ab, ebenso alle vom Katholizismus herrührenden Zeremonien und Bräuche.

Sie ignorierten Gebetsbücher, das Bischofsamt war für sie eine "Erfindung Satans", christliche Kreuze ruchlos und das Weihnachtsfest ein heidnischer Aberglaube. Auch den Genuss von Alkohol und Tabak sowie das Glücksspiel verteufelten sie. Vor ihrer Reise nach Amerika waren sie vom englischen Nottinghamshire aus als religiöse Dissidenten ins holländische Exil nach Amsterdam und 1609 nach Leiden geflüchtet.

Eigentlich wollten die Wallfahrer nach Virginia südlich des Hudson-Rivers, hier hatten sie ein Patent auf ein Stück Land erworben. Doch Herbststürme und Navigationsfehler ließen die "Mayflower" etwa 200 Meilen nach Norden abtreiben. Nach zwei gescheiterten Versuchen landete sie am 21. November 1620 in Provincetown Harbor auf der Halbinsel Cape Cod, genauer an der Küste des späteren US-Staates Massachusetts.

Den Winter mussten die Passagiere schließlich auf der ankernden "Mayflower" verbringen, für einen Siedlungsbau war das Wetter bereits zu schlecht. Viele der geschwächten Menschen wurden krank, ein Aufeinandertreffen von Skorbut, Lungenentzündung und Tuberkulose dezimierte die Zahl der Neuankömmlinge. Dennoch segelten sie noch einige Seemeilen weiter zu ihrem ursprünglichen Ziel auf die andere Seite der Bucht. Im folgenden Frühjahr waren nur noch 50 von ihnen am Leben.

In "Plymouth Plantation" bauten sie zwölf Hütten und gaben ihrer Siedlung zusätzlich den Namen "Gods Own Country". Obwohl sie neben den einfachen Hütten in kurzer Zeit auch ein Lagerhaus und ein Versammlungszentrum erstellten, waren sie auf ihre Versorgung kaum vorbereitet. Sie konnten weder fischen noch jagen oder Ackerbau betreiben. Sie überlebten nur durch die Unterstützung der Eingeborenen. Massasoit, Oberhäuptling vom Indianerstamm der Wampanoag, half ihnen mit Lebensmitteln aus und brachte ihnen landwirtschaftliche Techniken und das Jagen bei. Diese Kooperation wird bis heute in Nordamerika jeden vierten Donnerstag im November als Thanksgiving-Fest gefeiert.

Nach anfänglicher, friedlicher Koexistenz waren die Ureinwohner jedoch schon bald davon überzeugt, dass die Kolonisten ihnen nach und nach alles nehmen würden. Zudem befleißigten sich die Pilger aus Europa eines gewissen Missionseifers. Deshalb gilt Thanksgiving für viele Ureinwohner nicht als Feiertag. Sie erinnern an den Diebstahl ihrer Vorräte, den Verkauf als Sklaven und die Internierung in Reservate.

Die Reise der Pilgerväter bildete den Auftakt der Auswanderungswelle nach Amerika, in den folgenden 250 Jahren waren die Schiffe aus Europa die "Planwagen des Atlantiks", auf denen sich die größte Völkerwanderung der Geschichte abspielte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts folgten rund elf Millionen Menschen den Pilgervätern über den Atlantik.

Der Mythos der Gründer dient inzwischen der Idealisierung der US-Folklore. In Plymouth befindet sich ein Freilichtmuseum, hier wurde das ursprüngliche Dorf der Siedler rekonstruiert. Schauspieler in originaler Pilgerväter-Kleidung geben Auskunft über das damalige Leben. Rund zehn Millionen Amerikaner sind bis heute stolz darauf, ihre Vorfahren auf einen der Passagiere der "Mayflower" zurückzuführen. Das Schiff aus dem 17. Jahrhundert existiert nicht mehr. Die Nachbildung "Mayflower II" überquerte 1957 auf den Spuren der Pilger den Atlantik, sie liegt heute in Plymouth als Museumsschiff.

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