Blaue Murmel, ferne Welten

Einmalige Fotos und Dokumente aus den Archiven der US-Weltraumbehörde Nasa präsentiert ein neuer Bildband des Taschen- Verlages. Der kommt gerade rechtzeitig zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung im Juli. Die Fotos bieten einen faszinierenden Einblick in die Geschichte der US-Weltraumfahrt. Der Leser kann teilhaben an der größten aller Entdeckungsreisen.

Der polnische Essayist und Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem schrieb in seinem berühmten, 1961 veröffentlichten Roman "Solaris": "Wir haben nicht vor, den Kosmos zu erobern, wir wollen einfach die Grenzen der Erde bis an die Grenze des Alls ausdehnen." Es war das Jahr, in dem der Russe Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum flog. Es herrschte Kalter Krieg: Der Wettlauf ins All zwischen der Sowjetunion und den USA war in vollem Gange.

Angefangen hatte alles mit einem Piepsen. Das kam aus dem Weltraum und versetzte die USA in einen Schock: Am 4. Oktober 1957 eröffnete mit Sputnik 1 der erste Erdsatellit das Zeitalter der Raumfahrt. Die Russen waren schneller. Amerikaner hatten das sowjetische Vorhaben nicht ernst genommen und mussten erkennen, dass die Sowjetunion in der Lage war, den Weltraum zu erreichen - und folglich jeden Ort der Erde.

1958 wurde daher unter enormem Zeitdruck die US-Weltraumbehörde National Aeronautics and Space Administration, kurz Nasa, gegründet. Anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens und des 50. Jahrestages der Mondlandung am 21. Juli 1969 bietet ein neuer Bildband mit rund 400 Fotos und selten gezeigten Dokumenten Einblicke in die Archive der Nasa. Der Taschen-Verlag präsentiert mit "Das Nasa-Archiv" eine Rückschau der Superlative auf sechs Dekaden US-Weltraumforschung. Auch die aktuellen Herausforderungen, wie etwa die Reise zum Mars oder die Suche nach erdähnlichen Planeten, werden thematisiert. Beeindruckend ist schon der Einband, der den berühmten Fußabdruck von Neil Armstrong auf dem Mond im aufwendigen Reliefdruck zeigt.

Die Geschichte der US-Raumfahrt ist voll von Mythen, Helden und Katastrophen. Neun Jahre nach der Gründung war aus der Nasa eines der größten Projekte der Menschheitsgeschichte geworden - eine halbe Million Mitarbeiter entwickelten eine Technologie, die es Menschen möglich machte, den Mond zu betreten. Als Mitte der 1960er-Jahre die ersten Prototypen der gewaltigen Trägerraketen Saturn V aus ihren noch viel größeren Montagehallen im Weltraumzentrum der Nasa in Florida rollten, staunte der berühmte US-Schriftsteller Norman Mailer nicht schlecht: Er habe "einen berauschenden Augenblick erlebt bei dem Gedanken, dass der Mensch nun in der Lage war, mit Gott zu sprechen".

Doch schon bald musste die Nasa erkennen, wie fehlbar der Mensch doch ist. 17 US-Astronauten haben die Erforschung des Alls mit ihrem Leben bezahlt. Drei starben am 27. Januar 1967, als das erste Apollo-Raumschiff bei einem Routinetest am Boden Feuer fing. Dabei starb auch Ed White, der zweite "Weltraumspaziergänger" nach Alexei Leonow. Weitere Unglücke: Bei der Explosion des Shuttles Challenger am 28. Januar 1986 starben sieben Astronauten. Weitere sieben mussten ihr Leben lassen, als die Columbia am 1. Februar 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zerbrach. Gewagte Unternehmungen sind eben nicht ohne Risiko. Auch die glückliche Rettung von Apollo 13 ("Houston. Wir haben ein Problem!") ist in die Annalen der Raumfahrt eingegangen und mit Tom Hanks in der Hauptrolle als Kommandant Jim Lovell längst in Hollywood verfilmt worden. Insgesamt zeichnet der Band "Das Nasa-Archiv" aber ein überwiegend positives Bild der US-Raumfahrt. Weggefährten, Astronauten und Forscher lassen große Erfolge Revue passieren. Kritische Perspektiven fehlen.

Welche Ziele verfolgt die Weltraumforschung heute? Der Radius hat sich deutlich erweitert: Während in den ersten Dekaden die Erforschung des Sonnensystems im Zentrum stand, verlagert sich das Interesse zunehmend auf ferne Exoplaneten. Doch auch unsere unmittelbaren kosmischen Nachbarn Mond und Mars motivieren die Forscher zu weiteren Missionen. Dabei werden auch irdische Begehrlichkeiten ins All exportiert: Könnten Menschen den Mars kolonisieren? Gibt es wertvolle Rohstoffe auf dem Mond? Zudem hat der Blick zurück auf die Erde an Bedeutung gewonnen: Satelliten übermitteln wichtige Daten, um zum Beispiel Fakten in der Klimadebatte zu schaffen. Die dunkle, die militärische Seite der Forschung machte jüngst US-Präsident Donald Trump mit seinem Dekret zur Schaffung von Weltraumstreitkräften deutlich. Die Space Force soll neuer Teil der Streitkräfte werden. So ist es geplant.

Der opulente Bildband des Taschen-Verlages zeigt auch, wie es die Nasa immer wieder verstand, Raumfahrt und Forschung als spektakuläres Medienevent zu inszenieren. Astronauten wurden zu neuen Nationalhelden, und Programme wie Mercury, Gemini und schließlich Apollo fesselten Millionen, lenkten vom atomaren Wettrüsten und kriegerischen Konflikten wie in Vietnam ab und machten die "Weltraumbahnhöfe" in Cape Canaveral zu nationalen Pilgerstätten.

Heute verfolgen Millionen von Menschen weltweit die Arbeit der Nasa über die sozialen Medien: Allein das erste Foto von Pluto in hoher Auflösung aus dem Jahr 2015 brachte der Nasa auf ihrem Facebook-Profil Rekordzugriffe. Der Zwergplanet unseres Sonnensystems ist übrigens in faszinierender Qualität in dem Band zu bestaunen. Sogar einzelne Krater sind auf dem großformatigen Bild erkennbar. Auch der neue Sehnsuchtsort der Nasa, der Mars, wird in grandioser Auflösung gezeigt. 1986 näherte sich die Sonde Voyager 2 dem Planeten Uranus bis auf 81.500 Kilometer und 1989 Neptun bis auf 4800 Kilometer. Die geheimnisvoll und entrückt wirkenden Bilder der Raumsonde sind ebenfalls verewigt.

Geschichte geschrieben aber hat die Nasa mit anderen Fotos: Etwa mit dem von der "Blauen Murmel". Das Bild, das die Besatzung der Raumkapsel "Apollo 17" 1972 von der Erde geschossen hatte, wurde zu einer Ikone der Umweltschutzbewegung. Es zeigt den Planeten voll erleuchtet - die Astronauten hatten während der Aufnahme die Sonne im Rücken. Die "Blaue Murmel" ("Blue Marble") wurde in den 1970er-Jahren auf Postern, Fahnen und T-Shirts von Umweltaktivisten populär. Noch heute gilt das Foto aus dem All als Versinnbildlichung der Verletzbarkeit und Einzigartigkeit der Erde.

Das Symbol aller Astronautenbilder wurde aber das von einer Figur im Raumanzug mit goldenem Visier auf hell strahlendem grauen Boden. Der berühmte Neil Armstrong mag der erste Mensch auf dem Mond gewesen sein, doch sein Bild von Buzz Aldrin, der nach ihm den Erdtrabanten betrat, wurde zum Inbegriff des "Mannes auf dem Mond".

Betörend schön ist auch die Aufnahme einer im Inneren der ISS-Station schwebenden orangefarbenen Zinnie. Natur trifft auf Hightech. Die Zierpflanze wurde von der ISS-Besatzung gezogen. Hintergrund: Bei Missionen etwa zum Mars oder bei längeren Aufenthalten auf dem Mond werden die Astronauten ihre Tiefkühlkost mit frischen, selbstgezüchteten Beilagen ergänzen müssen. Die Zinnie ist zwar nicht zum Essen gedacht, aber Teil eines Experiments, Pflanzen mit Speziallampen zu beleuchten und mit flüssigen Nährstoffen zu versorgen.

Informative Begleittexte des Wissenschaftsjournalisten Piers Bizony, des ehemaligen Nasa-Chefhistorikers Roger Launius und nicht zuletzt des Apollo-Experten und Bestsellerautors Andrew Chaikin auf Englisch und Deutsch runden die bunte Reise in den Weltraum ab.

Welche Antworten hoffen die Menschen dort draußen bei den Sternen zu finden? Dazu noch einmal der polnische Autor Stanislaw Lem: "Es gibt keinen Ort, den wir nicht erreichen können und in diesem Glauben machen wir uns auf zu anderen Welten, strotzend vor Selbstvertrauen. Beherrschen wir sie, oder lassen wir uns von ihnen beherrschen?" Lem hatte erkannt, dass der Weltraum eine riesige Projektionsfläche für die Ängste und Wünsche der Menschen bietet. "Wenn sie fremdartige Landschaften auf dem Mond, Mars oder Titan sehen, suchen sie immer etwas Vertrautes darin." Laut Lem fliegt der Mensch ins All und trifft am Ende doch nur sich selbst: "Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel." Auch die Nasa hat uns bisher nur ein Zipfelchen vom Universum mit Bildern und Daten nähergebracht. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

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