Christian Hirte: "Auf den Osten wird anders geschaut"

Der Bundesbeauftragte über Quoten für Ostdeutsche, politische Korrektheit und die Völkerfreundschaft zu DDR-Zeiten

Berlin.

Die neuen Bundesländer sollen nach dem Willen der Großen Koalition weiterhin besondere Zuwendung erhalten. Seit kurzem ist Christian Hirte als Ostbeauftragter im Amt. Alessandro Peduto hat mit dem Thüringer CDU-Politiker gesprochen.

Freie Presse: Herr Hirte, viele Ostdeutsche sehen sich als Bürger zweiter Klasse. Verstehen Sie das?

Christian Hirte: Ich kann das nicht bestätigen. Viele Regionen haben eine hervorragende und stabile wirtschaftliche Entwicklung. Das hat den Ostdeutschen durchaus Selbstbewusstsein gegeben, denn sie haben den brutalen Strukturwandel vielerorts erfolgreich bewältigt. Es gibt längst mehr Erfolgsgeschichten als Grund zum Klagen.

Dennoch sitzen in Führungspositionen häufig Westdeutsche, ob in Wirtschaft, an Hochschulen, in Justiz oder Medien.

Ja, allerdings ist dieses Phänomen in der Politik weit weniger verbreitet. Es stammen insgesamt mehr Bundestagsabgeordnete aus Ostdeutschland als zum Beispiel aus Nordrhein-Westfalen. Auch das politische Spitzenpersonal im Osten stammt inzwischen mit großer Mehrheit aus der jeweiligen Region. Da hat sich etwas verändert.

Allerdings sind mit der Kanzlerin und Familienministerin Franziska Giffey nur zwei Ostdeutsche im Bundeskabinett vertreten.

Ich halte wenig davon, darüber zu jammern, wie viele Ostdeutsche im Kabinett sind. Entscheidend ist doch, welche Politik gemacht wird und nicht, wo jemand geboren ist.

Wäre eine Ostdeutschen-Quote für eine gewisse Zeit dennoch hilfreich?

Nein, das ist der völlig falsche Weg. Die Gesellschaft wird doch nicht dadurch besser, wenn wir für alles Vorgaben von oben machen. Dann gäbe es womöglich auch Forderungen nach einer Bayern-Quote. Wenn man die besondere Situation des Ostens im Blick behält, bekommt man es auch ohne Quote in den Griff.

Wie würden Sie den Osten heute definieren? Als ehemalige DDR, als geografischen Landstrich, als Kulturraum?

Es ist ein Teil von Deutschland, der über 40 Jahre eine andere Geschichte hatte und dieser Unterschied wirkt nach. Auch viele gesellschaftliche Entwicklungen des Westens hat der Osten dadurch nicht mitgemacht. Denken Sie allein an die Achtundsechziger-Bewegung und die daraus resultierende kulturelle Prägung. Beim Thema 1968 haben die Menschen im Osten die Panzer in Prag in Erinnerung und nicht Rudi Dutschke.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im westlichen Diskurs hat sich mitunter eine übertriebene Sprachpolizei durchgesetzt. Mit welcher Leidenschaft in akademischen Sphären über das Binnen-I oder Wörter in Kinderbüchern diskutiert wird, versteht im Osten kaum jemand. Die Wahrnehmung ist stattdessen: Den meisten Müttern hilft eine ordentliche Kinderbetreuung zur Emanzipation viel mehr als eine geschlechtsneutrale Anrede im Beruf. Diese Form der politischen Korrektheit gab es dort nicht und sie gibt es auch heute kaum. Oder ein weiterer Unterschied: die Nähe und Verbundenheit zu den Ländern Osteuropas und zu Russland. Das ist prägend. Da ticken die Ostdeutschen nach wie vor anders als die Menschen im Westen, zumindest die Älteren, die den Großteil ihres Lebens in der DDR verbracht haben.

Spielt für Ihre Kinder west- und ostdeutsch noch eine Rolle?

Nein, sie unterscheiden nicht danach. Ich verstehe meine Aufgabe als Ostbeauftragter auch nicht darin, bestehende Unterschiede zu zementieren. Im Gegenteil, ich will daran mitwirken, sie zu überwinden. Aber wir müssen bereit sein, offen darüber zu reden, woher unterschiedliche Entwicklungen und Einstellungen kommen. Perspektivisch muss das Ziel sein, dass es diesen besonderen Blick durch einen Ostbeauftragten nicht mehr geben muss.

Sind Sie dann eher ein Beauftragter für Ex-DDR-Bürger?

So sehe ich mich nicht. Ich halte es aber für meine Verpflichtung, stärker auf die gewachsenen Unterschiede hinzuweisen, die sich etwa auf Kultur und Wirtschaftsstruktur auswirken. Sie dürfen sich nicht zu Nachteilen entwickeln. Wir haben Regionen in den neuen Bundesländern, die haben alle Chancen dieser Welt. Das gilt für meine Heimat Thüringen genauso wie für Chemnitz und Südwest-Sachsen. Wir werden aber nie das Niveau von Stuttgart, Hamburg oder München erreichen. Das ist aber auch nicht schlimm, deshalb ist ja die Lebensqualität insgesamt kein bisschen schlechter als dort.

Zeigen sich die Unterschiede zwischen Ost und West auch bei den Einstellungen zu Migration?

Ja, das ist sicher so. Auch das ist unter anderem ein Erbe der DDR. Es hat im Osten keine Aufarbeitung der eigenen Verantwortung im Nationalsozialismus gegeben. Es gab einen bruchlosen Übergang von einer Diktatur zur nächsten. Zudem hat die Rhetorik der internationalen Völkerfreundschaft nie mit der Wirklichkeit mitgehalten.

Inwiefern?

Im Alltag hatten die Menschen in der DDR kaum Berührung mit Ausländern. Allerdings tut man den Ostdeutschen heute häufig Unrecht. Beispielsweise würde niemand sagen, alle Baden-Württemberger seien rechtsradikal, selbst wenn es dort Übergriffe und Ausschreitungen gab. Auf den Osten wird anders geschaut. Natürlich haben wir ein massives Problem mit Rechtsextremismus, auch ein größeres als im Westen. Aber es lebt sich für manchen im Westen eben auch bequemer, wenn er Ausländerfeindlichkeit geografisch weit von sich weg verorten kann.

Christian Hirte

Der 41-jährige Thüringer sitzt seit zehn Jahren für die CDU im Bundestag. Der Katholik und dreifache Vater aus Bad Salzungen wurde im März zum Ostbeauftragten der Bundesregierung ernannt. Als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium ist der Jurist zugleich für Mittelstandspolitik zuständig. Hirte trat 1993 in die Junge Union ein. Seit 2014 ist er stellvertretender CDU-Chef in Thüringen. (ape)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
1Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 12
    0
    Nixnuzz
    21.05.2018

    Vielleicht gibt es im "Osten" noch eine andere "Do-it-Yourself-"-Struktur. "Geht nicht - gibts nicht!". Was nützten Partei-Beschlüsse, wenn weder Geld noch Material da waren? Oder offiziell reguliert war? Wie lang war auch die Beschlussstrecke von Partei, Verwaltung oder sonstigen Großkopfeten bis runter zu den Problemstellungen? Es wurde vor Ort miteinander ein Problem angesprochen, Materialstatus geklärt und Gehirnschmalz in Lösungen direkt durch "Man-/Woman-Power" umgesetzt. Das "Wir machen" zählte und nicht irgendwelche bürokratischen unmachbare Lösungen. Dieses Selbstregeln ist durch Regularien mit fernen Verwaltungsstrukturen ein West-Import, die dem normalen Menschenverstand entgegenstehen. Dies ist auch ein Verlust, dem viele Ältere nachtrauern. Sicherlich ein verschwindendes Generationenproblem. Der "West-Individualismus" tritt wohl an dessen Stelle...



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...