Das Allerletzte

Warum der erste Eindruck oft nicht zählt

Die Letzten werden die Ersten sein. Und die Ersten die Letzten. So steht es in der Bibel. Schlag nach bei Matthäus, dem Evangelisten, der zwar noch nicht wusste, was der Rezenz-effekt ist, von dem Verhaltens- und Bewusstseinsforscher sprechen - ihn aber damit genau umschrieb.

Müsli oder Marmeladenbrot, Kakao oder Orangensaft? Wir müssen keine Wissenschaftler sein und können den Effekt mit dem komischen Namen am Frühstückstisch testen. Man frage also sein Kind, was es gerne möchte - und der Sprössling wird sich nicht für das Erst-, sondern für das Letztgenannte entscheiden. Und zwar in rund 85 Prozent aller Fälle. Das haben sogenannte Kognitionsforscher der University of California bei Eineinhalb- bis Zweijährigen beobachtet. Und folgern daraus: Es liegt am Rezenzeffekt - an einer Eigenart des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses. Das, was zuallerletzt zu hören, zu sehen, zu riechen, zu schmecken ist - das wirkt besonders stark, bleibt am besten im Kopf kleben. Und beeinflusst Entscheidungen und Emotionen.

Der Effekt, dass man sich auf das Letzte fokussiert, weil man das Erste schon wieder fast aus dem Gedächtnis verdrängt hat, ist zwar bei Kleinkindern besonders stark ausgeprägt, wirkt aber praktisch lebenslang. Soll's dieser sein? Oder lieber jener mit der Supersonderlackierung? Fragt der Autoverkäufer, der damit insgeheim auf den Rezenzeffekt baut - und uns ein paar Kröten mehr aus der Tasche lockt.

Der letzte in einer Reihe von Werbespots kommt besonders gut an - ebenso wie der letzte Bewerber bei Vorstellungsgesprächen oder der letzte Song eines Abends. All das kann die Wissenschaft mit dem Rezenzeffekt begründen - mit der Überlastung des Arbeitsspeichers im Gehirn. So entscheidet oft die Zugabe darüber, ob wir ein Konzert gut finden oder nicht. Das Finale, der letzte Eindruck zählt. Also nicht, wie man oft sagt, der erste ...

Deshalb ist beim Essen das Dessert so wichtig. Die Suppe. Mag köstlich gewesen sein. Der Braten. Ein Gedicht. Kommen wir zur Nachspeise: Da hatte der Koch in der Erdbeersahnecreme Salz mit Zucker verwechselt. Und wie hat das Menü gemundet? Also, das war wirklich das Allerletzte.

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