Das Quassellimit

Warum Schnellsprecher nicht unbedingt viel zu sagen haben

Es gibt den Typ Wasserfall. Den Bach. Und die Schnecke. Unterscheiden kann man die drei an einem Satz wie diesem: Am zehnten Zehnten zehn Uhr zehn zogen zehn zahme Ziegen zehn Zentner Zucker zum Zoo. Wer dies fehlerfrei 17-mal in 55 Sekunden aufsagen kann, ist eine Quasselstrippe. Hat das Talent zum Auktionator. Wer sich dagegen daran die Zunge zerbricht, der sollte in die Schweiz auswandern. Am besten nach Bern, dessen Bürger langsamer sprechen als alle anderen Eidgenossen. Beat Siebenhaar, ein Linguist der Universität Leipzig, hat das mal nachgemessen: Während ein Züricher im Durchschnitt 61 Millisekunden für einen Vokal braucht, benötigt der Berner geschlagene zweiii-uuund-siiiebziiichch.

An manchen Vorurteilen ist also durchaus etwas dran. An anderen nicht. Zum Beispiel: Wer lange braucht, um auf den Punkt zu kommen, wer eine Kriechspur aus Worten auf seinen Lippen hinterlässt, ist ganz bestimmt doof. Hat wenig zu sagen. Wer ohne Komma und Gedankenstrich redet, als hätte er zum Frühstück den Geist von Dieter Thomas Heck inhaliert, wirkt klug, kompetent, auch wenn er nervt - sagen Psychologen der Universität von Utah. Schnellsprecher sind wie eine Dampfwalze: Ihr Tempo macht alle Zweifel am Gesagten platt.

Höhere Geschwindigkeit = mehr Inhalt. Diese Gleichung hat nun ein Informatiker der Universität Lyon widerlegt. Japanisch ist die schnellste Sprache der Welt: Acht Silben pro Sekunde sind möglich. Deutsche und Briten sind da weitaus langsamer, aber sie sagen in einer Minute trotzdem oft mehr. Denn während es im Englischen rund 7000 verschiedene Silben gibt, stehen den Japanern nur knapp 650 zur Verfügung. Das heißt: Es kostet mehr Zeit, die Silben so zu kombinieren, dass ein Satz mit Information entsteht.

In Bit messen Linguisten die Menge an Infos. Für 39 Bit pro Sekunde müssen Japaner schnell, weil silbenreich, sein. Das bedächtige Deutsch kann sich Zeit lassen. Zumal gilt: Rascher denken können wir eh nicht. Bei mehr Inhalt streikt das Gehirn, kann das Gehörte nicht in Gedanken umwandeln. Den Vielschwätzern, Sprachrasern sei somit gesagt: Es herrscht ein Quassellimit im Kopf.

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