Der Ehrlichkeitstest

Wie verlorene Brieftaschen uns zu aufrichtigen Menschen machen

Mitleid kann man haben. Oder auch nicht. Mitgefühl mit einem Kind zum Beispiel, dem eine Kugel Eis aus der Waffel plumpst. Mit der Kanzlerin, die das große Zittern kriegt. Oder mit einem armen Tropf, der sein Portemonnaie verliert. Bargeld, Kreditkarte, Pass - alles weg! Doch was machen die Finder? Beim Geld hört ja bekanntlich die Freundschaft auf. Die Empathie auch? Also die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden.

17.000 Geldbörsen: Das war eine ziemlich große Versuchung, die Forscher aus der Schweiz und den USA da in Umlauf brachten. In 355 Städten in 40 Ländern gaben sie die Brieftaschen ab, um die Ehrlichkeit derjenigen zu testen, die sie entgegennahmen. An Hotelrezeptionen, Bankschaltern, bei Polizeiwachen oder Ämtern zum Beispiel - mit der Behauptung, der Geldbeutel sei gefunden worden. Eine Visitenkarte des vermeintlichen Verlierers wurde zwischen die Geldscheine gesteckt.

8000 der 17.000 Brieftaschen sind zurückgegeben worden. Na, ja. Das ist nicht schlecht. So gut, dass man an das Gute im Menschen glauben könnte, aber nun auch wieder nicht. Erstaunlich ist ein anderes Ergebnis der Studie, das die Verhaltensforscher und Ökonomen der Universitäten von Zürich und Michigan so zusammenfassen: Je mehr Geld im Portemonnaie gewesen ist, desto ehrlicher waren die Menschen.

Bei zwölf Euro betrug die Rücklaufquote 51 Prozent, bei den Börsen ohne Bargeld lediglich 40. Waren 80 Euro enthalten, stieg die Quote gar auf 71 Prozent. Wobei die Schweizer selbst bei bargeldlosen Börsen als die Ehrlichsten abschnitten. Sind die geldaffinen Eidgenossen also besonders empathiefähig?

Nein, schreiben die Autoren der Studie im Fachblatt "Science": Mitgefühl war hier kaum im Spiel. Sondern: "Die psychologischen Kosten, gefundene Geldbörsen einzubehalten, sind gewichtiger als der materielle Gewinn." Das heißt: Das Gefühl, ein Dieb zu sein, verträgt sich nicht mit dem Wunsch, als ehrlicher Mensch dastehen zu wollen. Und je größer der Geldbetrag, desto tiefer wird die Kluft. Außer man hat Erfahrung mit einem ruinierten Ruf: Zwei der 8000 nicht wieder aufgetauchten Börsen verschwanden in den Amtsstuben einer Antikorruptionsbehörde.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...