Die neue Welle

Warum uns heute manche Köpfe an früher erinnern

Er nannte sich Charles. Denn wer wollte sich im vornehmen Paris des 19. Jahrhunderts von einem Mann frisieren lassen, der Karl Ludwig hieß - und aus dem Schwarzwald kam. Um seine Herkunft zu ondulieren, wurde aus dem Herrn Nessler zudem ein Monsieur Nestle. Beruf: Haarspezialist. So stand es auf dem Papier, das seine 1906 erfundenen "Nestle-Wellen" patentierte - "die dauerhafte Haarwelle am lebenden Kopf". Als Monsieur Charles später Coiffeur in New York war, wollte den mit Chemie gefestigten Spirellilook jeder haben. Der Mann aus dem Schwarzwald eröffnete viele Salons. 500 Mitarbeiter hatte er. Die Dauerwelle wurde zum Dauerbrenner.

Das Leben im Allgemeinen, im Besonderen die Mode: Alles ist eine einzige Welle. Mal geht es aufwärts. Mal nach unten. Mal ist sie weg. Dann wieder da: die Dauerwelle - dieses Perpetuum mobile des guten und schlechten Geschmacks. Spätestens als in den 1980er-Jahren auch Männerhaare in Wallung gerieten, begann sich in die Dauerwelle die Geschmacksverirrung einzunisten. Und da gab es nicht nur einen Rudi Völler. Auch bei David Hasselhoff zum Beispiel und Tony Marshall sangen die Frisuren trallala und tanzten hopsasa. Hojahoja, oje.

Der alte Look ist zurück. Und hat nun ein paar neue Namen: Beach Waves, also Strandwellen, schwappen über die Köpfe - "think curl", so nennt sich der Style des gekringelten Denkens. Charlotte Gainsbourg wurde damit auf dem Roten Teppich gesehen. Schauspielkollegin Emma Stone postete ein Foto, das sie mit Lockenwicklern zeigt. Wie verdreht ist das denn? Der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks findet das überaus modisch, rät nur davon ab, die Dauerwelle mit einer Blondierung zu kombinieren - "sieht sonst aus wie Sauerkraut", sagt ein Sprecher der Hairstylisten.

Als Zielgruppe für die neue Welle haben sie die Jüngeren im Blick. Jene Generation, die bereits die Schlaghosen ihrer Eltern cool fanden und demnächst vielleicht Schulterpolster als Retrotrend entdecken. Die Älteren dagegen sind oft froh, nicht an ihre Jugendweihe-Pflichtfrisur denken zu müssen, die heute in so manchem Fotoalbum für eine kahle Stelle sorgt. 

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...