Die rosarote Brille

Weshalb wir manchmal nur das sehen, was wir sehen wollen

Halbe Sachen mögen wir eigentlich nicht. Menschen, die mit Halbwissen glänzen und als Schaumschläger die ganze Welt belehren, sind uns ein Graus. Unser Credo dagegen: Halbgares gehört in den Ofen - bis es schön durch ist. Und zwar ganz.

Liebe zum Beispiel. Die macht blind. Da drücken wir schon mal ein Auge zu. Abstehende Ohren? Eine spitze Nase? Fettes Haar? Glänzende Stirn? Doppelkinn? Darüber sehen wir hinweg. Oder schauen erst gar nicht hin - mit Schmetterlingen im Bauch, welche die kleinen Fehler, die marginalen Makel des anderen überfliegen. Sodass wir mit Blindheit Geschlagenen uns nur fragen: Na und? Niemand ist perfekt.

Wie ich dir, so du mir. Das ist die unbewusste Hoffnung, die uns blind werden lässt, wenn wir anderen ihre Schwächen verzeihen. Da geben wir uns schon mal mit Halbwahrheiten zufrieden, weil wir die ganze Wahrheit nicht hören wollen. Und uns insgeheim wünschen, dass man auch uns die alltäglichen Lügen ab- und nicht krumm nimmt. Ach was, Lügen. Ein viel zu hartes Wort. Nennen wir's mogeln. Schummeln. Klingt viel weicher. Mit O und U.

Ah! Staunen wir, finden wir etwas schön. Ansprechend. Attraktiv. Und dieses Ah wird umso größer, je weniger wir vom Gesicht eines Menschen sehen. Das haben nun Diana Orghian und Cesar Hidalogo, zwei Psychologen von den Universitäten in Lissabon und Toulouse, festgestellt. Etlichen hundert Probanden legten sie Porträtfotos vor. In mehreren Varianten: verschwommen, winzig - deshalb kaum zu erkennen, oder das Gesicht halb bis zu zwei Dritteln verdeckt. Und schließlich: gestochen scharf - das Antlitz in Gänze. Unverdeckt. In der Totale.

Je mehr Fantasie ins Spiel kommen musste, um sich ein vollständiges Bild zu machen, desto attraktiver wirkte ein Gesicht auf den Betrachter. Das heißt: Wir malen uns das, was fehlt, gerne aus. In den allerschönsten Farben. Im Kopfkino sehen wir das, was uns gefällt: volles Haar, leuchtende Augen, einen sinnlichen Mund - unser Idealbild. Übrigens: Sie funktioniert auch, wenn wir selbst vorm Spiegel stehen - die rosarote Brille. Kleiner Tipp: dabei die ganze Hand vors halbe Gesicht. Ist gut fürs Selbstbild - der Mut zur Lücke. Ulrich Hammerschmidt


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