Experten hoffen auf Eindämmung von Covid-19

Mehr als 60.000 Fälle sind in China erfasst worden. Die Aussagekraft dieser Zahlen ist deutschen Experten zufolge aber sehr beschränkt

Berlin.

Nach dem schweren Ausbruch der Lungenkrankheit Covid-19 in China hoffen deutsche Experten auf eine erfolgreiche Eindämmung in den anderen Ländern. Man verwende darauf sehr viel Kraft und habe die Hoffnung, dass langanhaltende Infektionsketten verhindert werden könnten, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Donnerstagabend in Berlin. Er verwies bei einer Veranstaltung von Science Media Center und Nationaler Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit mehreren Experten aber auch darauf, dass man derzeit die Dynamik des Ausbruchs nicht vorhersagen könne. Ein Überblick:

Ausbreitung: Christian Drosten, der Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, hält die Zahlen für vergleichbar mit denen einer normalen Grippewelle. Außerhalb Chinas liege die Sterberate bei 0,2 Prozent, erklärte der Experte. Von den rund 500 Infizierten starb eine Person. Die Zahlen aus der Volksrepublik selbst sind dagegen mit rund zwei Prozent Toten deutlich höher. Drosten führt dies auf die Überlastung des Meldesystems dort zurück. "Ich glaube, das ist eine vollkommen falsche Einschätzung", erklärte er. Menschen, die nur einen leichten Verlauf der Krankheit haben, landeten vermutlich weniger schnell in dem System. Dadurch komme es zu einer Verzerrung.

Virus: Skeptisch sind die Fachleute gegenüber vorschnellen Vergleichen des neuen Virus mit dem 2002 aufgetretenen Sars-Virus. In den vergangenen Wochen wurden immer wieder solche Parallelen gezogen. Doch während die Viren bei Sars in der Lunge angesiedelt sind, breite sich das Coronavirus schon im Rachenraum aus. Damit sind die Ansteckungswege des neuen Virus deutlich kürzer. Der Ursprung des Virus werde vielleicht nie gefunden, sagte Drosten. Berichte, Schuppentiere seien die Quelle, halte er für wenig sinnvoll, da diese keine Fledermäuse fräßen. Fledermäuse gelten als Virus-Reservoir. Es scheine so, als sei das Virus gut an den Menschen angepasst.

Wie ist der Verlauf? Der Infektionsexperte Clemens Wendtner, der in München-Schwabing acht der deutschen Corona-Patienten behandelt, berichtet - mit einer Ausnahme - von "milden" Verläufen der Krankheit bei seinen Patienten. Sie hatten sich bei einer Geschäftsreise in China angesteckt. Die Symptome seien "grippeähnlich", die Betroffenen hätten Husten und leichtes Fieber. Ein Patient habe eine Lungenentzündung, sei aber bereits auf dem Wege der Besserung. Bei einer Grippe werden die Viren über Tröpfchen übertragen. Drosten vermutet, dass dies auch beim Coronavirus der Fall sei. Wissenschaftlich bewiesen sei das aber noch nicht.

Strategie: Die bisherigen Bemühungen um Eindämmung der Krankheit in Ländern außerhalb Chinas wertete Wieler als "sehr, sehr erfolgreich". Ziel in Deutschland ist es nach RKI-Angaben, eine mögliche Erkrankungswelle hinauszuzögern. Möglichst vermieden werden soll demnach, dass eine Covid-19- und die derzeit auch in Deutschland laufende Grippewelle zusammenfallen.

Ab wann ist es eine Pandemie? Von einer Pandemie, also einer über Länder und Kontinente massiv ausgebreiteten Infektionskrankheit, könne noch nicht die Rede sein, erklärte Wieler Es gebe die Chance, dass daraus auch keine werde. Er machte aber deutlich: "Wir sind momentan nicht in der Lage, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren." Was aus Sicht Wielers allerdings eindeutig ist: Außerhalb Chinas befinde man sich in der sogenannten Eindämmungsphase. Es gehe darum, langanhaltende Infektionsketten in der Bevölkerung zu verhindern. "Wir haben die Hoffnung, dass uns das gelingt, können es aber natürlich nicht versprechen", erklärte der Institutschef.

Was wäre, wenn? Im Fall einer Infektionswelle hierzulande würde das unter anderem volle Wartebereiche und Arztpraxen, belegte Intensivbetten und vollkommen überlastete Gesundheitsämter bedeuteten, sagte Drosten. Es sei aber unklar, wann die Welle komme und wie groß sie werde. Der Vorstandschef der Charité, Heyo Kroemer, betonte, man bereite sich intensiv vor. Das Krankenhaussystem fahre im Winter generell unter Volllast - im Fall von Infektionen hierzulande hätten die Einrichtungen aber Spielräume, zum Beispiel durch das Verschieben nicht dringender Operationen.

Wer ist schuld? Drosten betonte, es handle sich um ein Naturphänomen - mit dem Finger auf andere zu zeigen, sei unangebracht. Wichtig sei vielmehr, dass sich jetzt jeder in Deutschland Wissen über die Erkrankung aneigne und sich frage, wie man Menschen mit Grunderkrankungen schützen könne. Generell sei zum Beispiel gründliches Händewaschen zur Vorsorge für die Bevölkerung geeignet, das Tragen von Mundschutz hingegen nicht, sagten die Experten. (mit dpa)

0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...