Irrer Guru

Vor 25 Jahren, am 20. März 1995, setzten mehrere Mitglieder der Sekte "Omu Shinrikyo" in drei Zügen der Tokioter U-Bahn das Nervengas Sarin frei. 13 Menschen starben, tausende erlitten Verletzungen. Im Juli 2018 wurden die Hauptangeklagten gehängt.

Es ist Montagmorgen. In den überfüllten U-Bahn-Wagen in Tokio befinden sich meist Pendler auf dem Weg zur Arbeit. Im Chaos des Berufsverkehrs platzieren hier fünf Attentäter jeweils zwei in Zeitungspapier eingewickelte Plastiktüten mit dem todbringenden Gift, dem Nervengas Sarin. Mit Regenschirmen stechen sie Löcher hinein und verlassen zügig die Wagen. Innerhalb weniger Sekunden verbreitet sich das toxische Gas in den Bahnen und Schächten von fünf U-Bahnlinien unterhalb des Tokioter Regierungsviertels. Passagiere ringen um Luft und erbrechen sich, einige der Opfer erblinden oder sind seitdem gelähmt.

Den Angriff befohlen hatte Shoko Asahara, Gründer und Anführer von "Omu Shinrikyo" ("Höchste Wahrheit"), als Aum-Sekte bekannt. Er wollte eine bevorstehende Razzia gegen das Hauptquartier seiner Organisation am Fuße des Berges Fuji verhindern. Bei der Durchsuchung fand die Polizei neben Sprengstoff und Gefangenen in Zellen mehrere Millionen in US-Dollar und Gold sowie ein Meth- und LSD-Labor. Hinter einem Altar versteckt lag der Eingang einer riesigen Sarin-Produktionshalle. Mit dem vorgefundenen Nervengift hätten vier Millionen Menschen getötet werden können.

Laut Asaharas kruder Ideologie werde die Welt nach einem Dritten Weltkrieg 1997 untergehen, nur wer sich seiner elitären Gruppe anschließe, würde die nukleare Katastrophe überleben. Der selbst ernannte Guru vermischte hinduistische und buddhistische Glaubenssätze mit christlichen Weltuntergangsprophezeiungen und Ideen des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov. "Wir benötigen hartes körperliches Training, Enthaltsamkeit und Meditation, um eine übermenschliche Rasse zu schaffen", sagte Asahara. Geboren wurde der Sektenführer 1955 als Chizuo Matsumoto. Er wuchs in armen Verhältnissen auf, nachdem seine Bewerbung an der Universität in Tokio gescheitert war, widmete er sich dem Studium der Akupunktur und der traditionellen chinesischen Medizin. 1984 gründete er unter dem Namen "Omu Shinsen no Kai" ("Versammlung der Om-Einsiedler") mit zunächst 15 Mitgliedern einen Verein für Yoga- und Meditationsübungen und änderte seinen Namen in Shoko Asahara. Er hielt Vorträge und schrieb Bücher, seine Anhänger waren häufig gut gebildet, wie auch die fünf U-Bahn-Attentäter: zwei Physiker, ein KI-Forscher, ein Ingenieur und ein Kardiologe.

Nach einer Reise zum Dalai-Lama Mitte der 1980er-Jahre beanspruchte Asahara "die höchste Wahrheit" erlangt zu haben und ließ sich wahlweise als Wiedergeburt des hinduistischen Gottes Shiva oder als Reinkarnation von Jesus Christus anbeten. Er forderte absoluten Gehorsam seiner Schüler, nur er verfüge über völlige Reinheit und Macht. Seine devoten Jünger durften lediglich sein schmutziges Badewasser und Tropfen seines Bluts trinken. Asahara nutzte das spirituelle Vakuum, das nach den wirtschaftlichen Boom-Jahren in Japan entstanden war und sprach vor allem junge Menschen auf der Flucht vor gesellschaftlichen Zwängen an.

Bereits 1987 war die Weltuntergangssekte ins Ausland expandiert, zunächst in die USA und schließlich verstärkt auch nach Russland. Dort versammelten sich dreiviertel der weltweit rund 40.000 Anhänger. Auch in Bonn entstand damals eine Niederlassung des "Buddhismus- und Yoga-Centers". Um seine utopische Gemeinschaft aufzubauen und die Regierung zu übernehmen, kandidierte Asahara 1990 für das japanische Parlament, erhielt aber lediglich wenige hundert Stimmen. Für die Aufnahme in Asaharas Gemeinschaft übertrugen Anhänger ihr Vermögen an die Gruppe, die Sekte besaß 1992 eine Milliarde Dollar.

Erste Morde hatten Asaharas Jünger schon im November 1989 begangen. Sie töteten den Anwalt Sakamoto Tsutsumi, dessen Frau und seinen einjährigen Sohn. Der Jurist hatte Angehörige von abtrünnigen Anhängern vertreten. Im April 1994 scheiterte ein Aum-Anschlag auf das Regierungsviertel der japanischen Hauptstadt, im Juni starben bei einem Sarin-Angriff auf lokale Richter in Matsumoto sieben Menschen, es gab 58 Verletzte.

Die von Asahara angeordneten Morde rechtfertigte der Guru stets damit, die Seelen der Toten würden ins Himmelreich aufgenommen. Um die Apokalypse abzuwenden, stellten junge Wissenschaftler für Asahara ein ganzes Arsenal biochemischer Waffen her. Die absurde Wahnvorstellung, die Welt mit Gewalt "erlösen" zu können, führte schließlich zum Anschlag in der Tokioter U-Bahn.

Trotz einiger Ermittlungsfehler der Polizei konnte der halb blinde Asahara schließlich am 16. Mai 1995 in einer drei Meter langen und 50 Zentimeter hohen Geheimkammer zwischen zwei Stockwerken seines Hauptquartiers festgenommen werden. 191 Mitglieder seiner Sekte wurden wegen Mordes, versuchten Mordes, Entführung, Herstellung von Nervengas und Besitz illegaler automatischer Waffen angeklagt. Am Ende eines in der japanischen Rechtsgeschichte beispiellosen Prozessmarathons verurteilte 2006 ein Gericht in Tokio Asahara und zwölf seiner Anhänger wegen des Giftgas-Anschlags und weiterer Morde in insgesamt 27 Fällen zum Tode. Fünf weitere Anhänger erhielten lebenslange Haftstrafen, 80 weitere wurden zu unterschiedlich langen Gefängnisstrafen verurteilt.

Die Rechtsanwälte legten gegen Asaharas Verurteilung Berufung ein, da sie nach eigener Aussage erhebliche Zweifel am Geisteszustand ihres Mandanten hatten und sie sich bei über 140 Gesprächen kein einziges Mal vernünftig mit ihm unterhalten konnten. Während des gesamten Prozesses hatte der Sektenführer entweder geschwiegen oder Unverständliches vor sich hingemurmelt.

Am 6. Juli 2018 wurden sieben hochrangige Mitglieder von "Omu Shinrikyo" hingerichtet. Unter ihnen befanden sich neben Asahara auch Yoshihiro Inoue, der die U-Bahn-Attacke geplant hatte, Seiichi Endo, der leitende Wissenschaftler der Sekte, und der Chemiker Masami Tsuchiya, der das Giftgas produziert hatte. Am 25. Juli 2018 starben weitere sechs zum Tode Verurteilte durch den Strang.

Japan als drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt gehört zu den wenigen Industrieländern, die an der Todesstrafe festhalten. In den vergangenen zehn Jahren sind nach inoffiziellen Schätzungen rund 40 Menschen hingerichtet worden. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International verurteilen die Exekutionen, die in Japan ohne Vorankündigung durchgeführt werden.

"Ich habe die Hinrichtungen nach sehr genauer Überlegung angeordnet", sagte Japans Justizministerin Yoko Kamikawa damals, "die Angst, das Leid und die Trauer der Überlebenden, der Opfer und ihrer trauernden Angehörigen war jenseits jeder Vorstellungskraft." Nach Asaharas Hinrichtung erhoben zahlreiche Personen Anspruch auf die Überreste des Toten. Japans Regierung fürchtet in den falschen Händen eine Verehrung der Asche als heiliges Objekt - und gab sie bisher nicht frei.


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