Jugend in Blau: Über die Gründung der FDJ vor 75

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Noch vor der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) erfolgte vor 75 Jahren die Gründung der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Am 6. März 1946 gab die Sowjetische Militäradministration in ihrer Besatzungszone grünes Licht für den Zusammenschluss.

Die Gründung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) im März 1946 wurde öffentlichkeitswirksam zelebriert. Unter den Klängen von Beethovens "Egmont" kamen im Schweriner Staatstheater hunderte Jugendliche sowie Kirchenvertreter und Politiker verschiedener Parteien zusammen. Ihr Ziel: die Schaffung einer Massenorganisation für die gesamte deutsche Jugend.

Der Landesvorsitzende der Ost-CDU, Wilfried Karge, begrüßte die Idee einer offenen Jugendorganisation und betonte: "Gerade der CDU als einer Union für alle Stände und Berufsgruppen ist der Gedanke der Überparteilichkeit der neuen Freien Deutschen Jugend besonders sympathisch." Die Gründung der FDJ traf den Zeitgeist, da in den Nachkriegswirren viele junge Menschen ihre Orientierung verloren hatten. Oft besaßen sie kein Zuhause mehr, waren Familienmitglieder tot oder vermisst. Vor allem aber wurde der Nachwuchs für den Wiederaufbau des zerstörten Landes benötigt. Die hohen Erwartungen der Mitglieder der ersten Stunde wurden jedoch bald enttäuscht. Mit der zunehmenden politischen Gleichschaltung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zeigte sich auch in der FDJ die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Nach den Wünschen des ehemaligen KPD-Funktionärs Walter Ulbricht sollte die FDJ als Instrument zur Indoktrinierung genutzt werden. Diese Forderungen stellte er aber nicht öffentlich, sondern hinter verschlossenen Türen: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." Das im Juni 1946 neu gegründete oberste Verwaltungsorgan der Jugendorganisation, das "Parlament der FDJ", ernannte den späteren SED-Chef Erich Honecker zum Vorsitzenden. Bis zur Gründung der DDR 1949 schieden die konservativen Interessenvertreter aus der Organisation aus. Im aufkommenden Kalten Krieg war für eine ideologisch offene FDJ kein Platz mehr.

Das verdeutlichte auch die neue Zielsetzung. Laut dem ursprünglichen Programm sollte sich die FDJ für die Deutsche Einheit einsetzen, das Land wiederaufbauen und die Ideale der wehrhaften Demokratie sowie des Humanismus vertreten. Ihre Ausbildung sollte junge Menschen zur kritischen Reflexion von politischen Meinungen befähigen. Diese freiheitliche Ausrichtung wich aber schon bald der vorgegeben Staatsdoktrin - für gegensätzliche Meinungen blieb im Arbeiter- und-Bauern-Staat kein Raum.

Nach der Staatsgründung erzog die FDJ ihre Mitglieder streng nach der marxistisch-leninistischen Ideologie, der imperialistische Westen galt dabei als "Klassenfeind". Zur Vertiefung dieses Weltbildes erhielten die Jugendlichen neben dem Schulfach "Staatsbürgerkunde" vor allem Einblicke in Biografien von kommunistischen Philosophen, wie zum Beispiel Friedrich Engels. Dabei leitete ein parteitreuer Funktionär die Heranwachsenden an. Bis 1957 vollzog sich eine komplette Wandlung zur "Kampfreserve der Partei der Arbeiterklasse". Eine der Hauptaufgaben sah die FDJ in ihrer Unterstützung der SED sowie in der "Vertiefung der Freundschaft zur Sowjetunion".

Neben friedlichen Freizeitaktivitäten wie Reisen ins Ausland und Campingausflügen bot die FDJ in Zusammenarbeit mit der Nationalen Volksarmee auch Wettkämpfe wie Schießübungen oder "Handgranatenzielweitwurf" an. Der "Wehrkundeunterricht" ergänzte die "Felderfahrung". So blieb gewährleistet, dass die Ideale der Partei zur Geltung kamen. Daneben kümmerte sich die FDJ auch um ganz andere Bereiche, sie betrieb Jugendklubs und gab die Zeitung "Junge Welt" heraus. FDJ-Songs wie "Bau auf, bau auf" und "Weltjugendlied" sollten das Gemeinschaftsgefühl sowie auch den Nationalstolz der Heranwachsenden stärken.

Für den politischen Nachwuchs sorgten "FDJ-Kaderschmieden", die über die gesamte DDR verteilt waren. Aus der staatlichen Villa von Hitlers Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in Brandenburg am Bogensee wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ausbildungsstätte der FDJ. Schnell errichtete die SED auf dem Areal die "Jugendhochschule Wilhelm Pieck" - benannt nach dem einzigen Präsidenten der DDR. Die Einrichtung zog Studenten aus allen sozialistischen Ländern an, ein Studium hier setzte jedoch absolute Parteiloyalität voraus. Alte Verbindungen aus der Jugendhochschule bestehen zum Teil bis heute, ehemalige Absolventen kommen immer noch zu "internationalen Freundestreffen" zusammen.

Schon Ende der 1930er-Jahre waren erste Organisationen mit dem Namen FDJ entstanden. Diese Splittergruppen hatten Kommunisten gegründet, die vor dem Terrorregime der Nationalsozialisten geflohen waren. Es gab Ableger in Frankreich, Großbritannien und der Tschechoslowakei, oft mit nur wenigen Mitgliedern. Bei ihren Treffen tauchte erstmals das Symbol der aufgehenden Sonne auf, das Emblem trugen später FDJler als Erkennungszeichen auf den Ärmeln ihrer blauen Hemden.

Schon früh kamen Kinder mit dem sozialistischen Apparat in Berührung. Im Alter von sechs Jahren traten sie in die ,,Pionierorganisation Ernst Thälmann" ein. Hier sollten die Jungpioniere und späteren Thälmannpioniere auf die Aufnahme in die FDJ vorbereitet werden. Ab dem 14. Lebensjahr konnten sie in der FDJ Mitglied werden. Es gab zwar keinen Zwangsbeitritt, allerdings musste bei einer Verweigerung der Mitgliedschaft mit sozialen Nachteilen gerechnet werden.

Bis zum Jahr 1989 stieg die Mitgliedszahl der FDJ bis auf 2,3 Millionen an, das entsprach über 85 Prozent der DDR-Bevölkerung zwischen 14 und 25 Jahren. Auch Prominente wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Eisprinzessin Katarina Witt und der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hatten einen Mitgliedsausweis der sozialistischen Jugendbewegung. Wie viele Angehörige sich mit der marxistisch-leninistischen Ideologie identifizieren konnten, bleibt offen. "70 Prozent meiner Mitgliedschaft waren Opportunismus", stellt Merkel fest.

Sicher ist, dass nach der Wende die Zahl der Mitglieder rapide sank, schätzungsweise auf 150 Personen deutschlandweit. Dieser rasante Abstieg lag neben dem Verschwinden der SED vermutlich an dem 1951 erlassenen Verbot der FDJ in Westdeutschland. Bundesdeutsche Behörden stuften die Organisation damals als verfassungsfeindlich ein.

In den neuen Bundesländern darf die Bewegung bis heute öffentlich agieren. Im Juli des vergangenen Jahres zogen knapp 50 Personen unter dem Motto "30 Jahre sind genug! Revolution und Sozialismus" durch die Straßen von Jena. Mit blauem Hemd und rotem Halstuch schmetterten sie Arbeiterlieder und forderten die Wiederauferstehung des Sozialismus. Markant dabei: Viele der Teilnehmer stammten aus dem Westen oder sind erst nach dem Mauerfall geboren.

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.