Panorama
Karneval als Krisenschild - Narren feiern im Regen

Schlechtes Wetter? Pah! Als "Urlaub von der Wirklichkeit" ist Karneval nach Experten-Meinung so gefragt, dass ihm auch Regen wenig anhaben kann. Nun ist die "Ablenkung vom Alltag" zurück.

Köln/Düsseldorf.

Königskrönchen und Regencape ja, Sonnenschein nein: Der Karnevalsauftakt an Weiberfastnacht hat den Narren aufgrund der Wetterlage einiges abverlangt. Doch trotz immer wieder einsetzendem Regen tanzten und schunkelten unzählige Menschen entlang des Rheins in Richtung Höhepunkt des närrischen Treibens. 

Auf die Frage nach einem Durchhalte-Rezept antwortete der Kölner Karnevalsprinz Niklas I. der Deutschen Presse-Agentur: "Einfach Sonne im Herzen, dann klappt das auch bei Regen." Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) stritt im WDR jede politische Verantwortung für das Wetter ab - er habe das so nicht bestellt. "Aber ich glaube, das tut der Stimmung keinen Abbruch."

Schlips-Abschneiden ist aus der Mode gekommen 

In Düsseldorf stürmten die "Möhnen" - ein Dialektwort für ältere Frauen - das Rathaus. In Bonn griffen die Waschweiber an. In Mainz feierten die Narren mit viel Musik auf dem Schillerplatz - Mönche, Prinzessinnen, Fußballer und Bienen schunkelten dabei teils unter Schirmen. Die eine oder andere Närrin war auch auf Krawattenjagd, wobei die Sitte des Schlips-Abschneidens zunehmend an Boden verliert - so wie ja auch das Schlips-Tragen selbst.

Vor allem Köln war am Vormittag wieder das Ziel Tausender Karnevalstouristen - auch wenn nicht ganz so viele auf den Beinen waren wie in sonnigen Jahren. Ein Polizeisprecher sagte: "Mutmaßlich ist weniger Andrang als in den letzten Jahren aufgrund der Wetterlage." Die Kölner Polizei setzte bis zu 1.500 zusätzliche Beamte ein. Das Ordnungsamt schickte bis zu 400 Mitarbeiter und rund 2.600 Sicherheitskräfte von externen Dienstleistern in den Einsatz.

Ein gefragtes Verkleidungsaccessoire war der Regenschirm.
Ein gefragtes Verkleidungsaccessoire war der Regenschirm. Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Karneval sei ein Menschen-Magnet, sagte der Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD). "Es ist ein großes Fest, das hier organisiert wird, und das müssen wir auch sicher über die Bühne kriegen." Ganz viele Menschen kämen in der Stadt zusammen und wollten friedlich feiern. "Das ist schon mal toll. Aber zum Feiern gehören auch Regeln", mahnte Burmester. Er hatte kürzlich in der Stadt eine Debatte um das Wort "Ballermannisierung" losgetreten - in diese dürften Feierlichkeiten nämlich nicht hineinlaufen. Höhepunkt des Straßenkarnevals ist dann der Rosenmontag.

Am Abend bilanzierte die Kölner Polizei: Mit zunehmender Alkoholisierung seien die Einsatzkräfte vor allem in den Feier-Hotspots gefordert gewesen, um Streitigkeiten zu unterbinden. Bis 19.00 Uhr seien zwölf Menschen unter anderem zum Durchsetzen von Platzverweisen in Gewahrsam genommen worden. Nach angezeigten sexuellen Belästigungen, Körperverletzungen und Diebstählen wurden Ermittlungen eingeleitet.

Ein Mann soll einer Frau das Handy geraubt haben, das sie ihm geliehen hatte - der Täter habe die Frau mit einer Machete bedroht und die Flucht angetreten, teilte die Polizei mit. Zudem habe ein Randalierer einem Zivilpolizisten, der Pöbeleien des Mannes beenden wollte, einen Kopfstoß versetzt - und ihn so schwer im Gesicht verletzt, dass er nicht mehr dienstfähig war.

Soziologin sieht Vorteile für die "Psycho-Hygiene"

Was ist nun der Sinn des Ganzen? Die Kultur-Soziologin Yvonne Niekrenz, die ihre Doktorarbeit über "Rauschhafte Vergemeinschaftung" geschrieben hat, sieht den Karneval als willkommene Abwechslung im stressigen Arbeitsalltag. "Das ist eine Flucht aus den Regeln ins Nonkonforme, die Regeln des Alltags sind außer Kraft gesetzt", sagte die Wissenschaftlerin im WDR. 

Die diesjährige Weiberfastnacht war ein nasser Start in den Straßenkarneval.
Die diesjährige Weiberfastnacht war ein nasser Start in den Straßenkarneval. Bild: Federico Gambarini/dpa

Eine entscheidende Rolle dabei spiele das Kostüm, das es ermögliche, mal eine ganz andere Person zu sein. "Das ist ganz, ganz wichtig." Manchmal seien ganze Gruppen aufeinander abgestimmt verkleidet, "und das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl für diese Gruppe". 

Karneval kann die derzeitige Wagenburgmentalität aufbrechen

Der Psychotherapeut Wolfgang Oelsner, Autor des Buchs "Fest der Sehnsüchte - Warum Menschen Karneval brauchen", bezeichnet Karneval als "Urlaub von der Wirklichkeit". "Man darf anders angesprochen werden, man darf mal entspannt sein. Das Leben wird ein wenig leichter", so Oelsner. 

Nach Überzeugung des Psychologen Stephan Grünewald hat der Karneval das Potenzial, die derzeitige "Wagenburgmentalität" in Teilen der Gesellschaft aufzubrechen und Menschen aus verschiedenen Lagern zumindest kurzzeitig zusammenzuführen: "Diese ungeheure verbindende Kraft in Zeiten, wo alles auseinanderfliegt, ist wohltuend", so Grünewald. 

Gestützt wird diese These, wenn man Entertainer Guido Cantz zuhört, der einer der gefragtesten Redner im Kölner Karneval ist. Er hat die Erfahrung gemacht, dass das Publikum aktuell vor allem Ablenkung vom Alltag will - und im Zuge dessen weniger Witze über die harte Politik. "Man hat auf jeden Fall ganz viel Lust zu feiern, aber in erster Linie als Flucht aus dem täglichen Wahnsinn", sagte Cantz der dpa. 

Gut laufen demnach Themen, die nicht direkt mit Politik zu tun haben, etwa der Gelsenkirchener Sparkassen-Einbruch oder Künstliche Intelligenz. In Köln kämen auch Witze gut an, die sich über die Kölner Olympia-Bewerbung lustig machten: "Nach dem Motto, wir reden seit 20 Jahren über einen Wasserbus über den Rhein, und nun trauen wir uns plötzlich Olympische Sommerspiele zu." 

In den Nonnenklöstern wurde "getanzt und gesprungen" 

Die Weiberfastnacht wurzelt im Mittelalter. Besonders in Nonnenklöstern ging es damals hoch her. Bei Tage wurde "getanzt und gesprungen", und des Nachts, wenn die Äbtissin schlafen gegangen war, Karten gespielt, wie es ein damaliger Chronist vermerkte.

Auch die fest zementierten Geschlechterrollen früherer Tage gerieten ins Wanken: Ehefrauen verweigerten ihren Männern in der "verkehrten Welt" des Karnevals für kurze Zeit den Gehorsam. Der Brauch, Männern die Krawatten abzuschneiden, ist dagegen noch nicht so alt: Er kam erst nach 1945 auf. (dpa)

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