Panorama
Klage gegen "Daily Mail": Angespannter Harry im Kreuzverhör

Im Zeugenstand steht Harry Rede und Antwort. Er will beweisen, dass nicht sein Umfeld, sondern Privatdetektive der Klatschpresse Hinweise lieferten. Am Schluss kommen ihm beinahe die Tränen.

London.

Royal im Kreuzverhör: Prinz Harry ist am dritten Tag des Verfahrens in seiner Zivilklage gegen den Verlag der Boulevardzeitung "Daily Mail" überraschend vorzeitig in den Zeugenstand getreten. Harry und andere Prominente, wie Popstar Elton John (78), werfen den Journalisten des Verlags vor, über Jahre illegale Recherchemethoden angewandt zu haben, um Schlagzeilen zu generieren. Der Verlag Associated Newspapers Limited (ANL) weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Eigentlich sollte der jüngere Sohn von König Charles III. (77) erst am Donnerstag aussagen. Dass ein Royal überhaupt vor Gericht auftritt, ist ein außergewöhnliches Ereignis. "Never explain, never complain" ("nie erklären, nie beschweren") sei die Vorgabe des Palasts gewesen, sagte der 41-Jährige gleich zu Beginn des Kreuzverhörs, in dem er zunächst dem Anwalt der Gegenseite Rede und Antwort stehen musste. Deswegen habe er sich nicht über die teils lange zurückliegende Berichterstattung beschweren können. 

Harry wirkte angespannt

Von dem Selbstbewusstsein, mit dem Harry das Gerichtsgebäude betreten hatte - er lächelte und zeigte der wartenden Presse einen Daumen hoch -, war im Zeugenstand zunächst nichts mehr zu spüren. Harry wirkte angespannt. Der Richter musste ihn mehrfach ermahnen, nicht selbst die Argumentation zu übernehmen. "Ihre Rolle ist einfach, die Fragen so gut wie möglich zu beantworten", sagte der Richter an den Royal gerichtet.

Das Gericht müsse den Kontext verstehen und was es bedeute, 24 Stunden am Tag unter Beobachtung zu stehen, rechtfertigte sich Harry. Ganz zum Schluss brach ihm die Stimme, als er über die Presse sagte: "Sie haben das Leben meiner Frau vollkommen zur Hölle gemacht, Euer Ehren."

Die Vorwürfe wiegen schwer: Unter anderem sollen Privatdetektive damit beauftragt worden sein, Telefongespräche und Mailbox-Nachrichten abzuhören, sogar Wanzen sollen zum Einsatz gekommen sein. Beim sogenannten Blagging sollen sich Journalisten und deren Helfer unter Angabe einer falschen Identität Zugang zu persönlichen Daten wie Krankenakten und Bankauszügen verschafft haben. 

Die Gegenseite argumentiert hingegen, die Informationen seien von Harrys Umfeld an die Presse gegeben worden. "Mein soziales Umfeld war nicht undicht, ich möchte das absolut klarstellen", konterte Harry in unterkühltem Ton die Versuche von ANL-Anwalt Antony White, Zweifel an der Darstellung der Kläger zu säen.

Harry: Wurde in Verfolgungswahn getrieben

Die Beweislage ist schwierig: Im Fall von Prinz Harry hat das Anwaltsteam der Kläger 14 Zeitungsartikel vorgelegt, bei denen sie von einer illegalen Informationsbeschaffung ausgehen. Es geht darin unter anderem um die Beziehung zwischen Harry und seiner Ex-Freundin Chelsy Davy. Auf legalem Weg, so die Argumentation von Klägeranwalt David Sherborne, wäre es nicht möglich gewesen, an die teils intimen Informationen zu gelangen. Zudem will er anhand von Informationen zum Zahlungsverkehr eine enge Zusammenarbeit zwischen "Mail"-Journalisten und einschlägig bekannten Privatdetektiven aufzeigen.

Der Verdacht, dass ihn seine engsten Freunde und Mitarbeiter verraten haben könnten, hat Harry nach eigenen Angaben jahrelang schwer belastet. Das habe Misstrauen erzeugt und "mich unvorstellbar in Verfolgungswahn getrieben und isoliert", so Harry laut einer schriftlichen Eingabe vor Gericht. 

Kreuzzug gegen die Boulevardpresse

Dass Harry bereit ist, ins Kreuzverhör genommen zu werden, bewies er bereits im Prozess gegen den "Mirror-Verlag" – ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang für ein Mitglied der britischen Königsfamilie. Die Royals vermeiden solche Auftritte, um nicht ungewollt noch mehr aus ihrem Privatleben offenbaren zu müssen.

Doch der Prinz, der sich 2020 aus dem inneren Kreis der Royals löste und mit seiner Frau Herzogin Meghan (44) und den beiden gemeinsamen Kindern in den USA lebt, führt seit Jahren einen regelrechten Kreuzzug gegen die "Tabloid Press", wie die britische Boulevardpresse genannt wird. Er will eigenen Angaben zufolge zeigen, dass die illegalen Methoden System hatten. 

Harry fürchtet, Schicksal seiner Mutter könnte Meghan treffen

Immer wieder hat Harry deutlich gemacht, dass er den Unfalltod seiner Mutter Prinzessin Diana 1997 in Paris den Paparazzi anlastet, die ihr und ihren Begleitern damals auf den Fersen waren. Mehrmals deutete er an, dass er befürchtet, seine Frau Meghan könne ein ähnliches Schicksal ereilen.

Auch den Austritt aus dem engeren Kreis der Königsfamilie und das Zerwürfnis mit Angehörigen auf beiden Seiten lastet er teilweise den Boulevardmedien an. Sie waren ihm seit seiner Kindheit auf Schritt und Tritt gefolgt. (dpa)

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