Landung auf der Kolchose

Vor 60 Jahren wurde der US-Spionagepilot Francis Gary Powers über der Sowjetunion abgeschossen und gefangen genommen. Die Operation "Overflight" führte zum spektakulären Agentenaustausch in Berlin.

Die "Operation Overflight" war Auslöser für eine der schwersten Krisen zwischen den Supermächten im Kalten Krieg. Nach einem spektakulären Prozess in Moskau wurde der Überflieger zu zehn Jahren Haft verurteilt, allerdings nach zwei Jahren in Berlin gegen den russischen Meisterspion Rudolf Abel ausgetauscht.

Das Unheil kommt unerwartet. Ein heftiger Stoß erschüttert die Maschine und der Himmel scheint plötzlich in ein gelb-orangefarbenes Licht getaucht. Die Lockheed U 2, eine Art Segelflugzeug mit Düsenantrieb, ist das Geheimste, was die USA im Kalten Krieg aufzubieten haben. Und dieses Wunderwerk der Spionagetechnik fliegt mit 750 Stundenkilometern über das Ural-Gebirge, als die Sowjetrakete trifft. "Mein Gott, jetzt hat's mich erwischt", schießt es dem 30-jährigen Piloten Francis Gary Powers aus Jenkins/Kentucky durch den Kopf.

Unmittelbar zuvor hatte Major Michail Romanowitsch Woronow am Boden den Feuerbefehl erteilt. Die schwer beschädigte U 2 verliert rasant an Höhe und nur unter großen Schwierigkeiten gelingt es Powers, sich aus dem trudelnden Wrack zu befreien. Er öffnet den Fallschirm und landet unbeschadet auf dem Acker einer Kolchose, rund 30 Kilometer von Swerdlowsk - dem heutigen Jekaterinburg. Aus allen Richtungen laufen Kinder herbei, dann die Erwachsenen.

Es ist der Vormittag des 1. Mai 1960. In der Sowjetunion haben die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit gerade begonnen. Die zunächst herzliche Begrüßung schlägt jedoch schnell in Reserviertheit um, als Powers' Pistole entdeckt wird, auf der unübersehbar der Schriftzug "U.S.A." prangt. Der "imperialistische Feind" wird festgenommen und zu Verhören erst nach Swerdlowsk und schließlich nach Moskau gebracht. Inzwischen war Staats- und Parteichef Nikita Sergejewitsch Chruschtschow während der Mai-Parade auf dem Roten Platz vom sensationellen Fang unterrichtet worden. Eine eilends zusammengetrommelte Expertentruppe sammelt mittlerweile Wrackteile der U 2 ein, da der Amerikaner den Selbstzerstörungsmechanismus des Flugzeugs nicht mehr hatte auslösen können. Und er war den Russen lebend in die Hände gefallen, weil er die Selbstmordnadel mit dem tödlichen Pflanzengift Curare entgegen der Erwartung seiner Vorgesetzten bei der Gefangennahme nicht benutzt hatte.

Frühmorgens um 5.26 Uhr hob US-Pilot Francis Gary Powers mit seiner U2, einem Spionageflugzeug, vom pakistanischen Peschawar ab und drang kurz darauf in sowjetischen Luftraum ein. Die erwartet komplikationslose "Milchmannstour" (CIA-Jargon) sollte bei einem kräftigen Frühstück nach rund 6500 Flugkilometern im norwegischen Bodø enden. Doch dazu kam es nicht mehr. Das von den US-Strategen für unmöglich gehaltene war geschehen: Powers war am 1. Mai 1960 aus über 21.000 Metern Höhe abgeschossen worden.

Die ohnehin angespannte Atmosphäre zwischen den beiden Supermächten ist durch den Zwischenfall nun vollends vergiftet. Der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow verlangt eine Entschuldigung vom US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, die dieser verweigert. Die geplante Gipfelkonferenz im Mai in Paris platzt.

Am 17. August 1960 beginnt vor dem Militärsenat des Obersten Gerichtshofes der Sowjetunion der Schauprozess gegen Powers. Die Anklage lautet auf "Luftspionage". Der Generalstaatsanwalt: "In diesem Prozess steht nicht nur der Flieger vor Gericht, sondern auch die US-Regierung, die wahren Initiatoren und Organisatoren ungeheuerlicher Verbrechen, die gegen den Frieden und die Sicherheit der Völker gerichtet sind."

Nach drei Verhandlungstagen fällt das Urteil: Zehn Jahre, davon drei im Gefängnis und der Rest im Arbeitslager. Das relativ faire Verfahren mit dem relativ milden Urteil konnte als ein verstecktes Angebot zum Agentenaustausch gedeutet werden. In der Haft genießt Powers Vergünstigungen und eine Vorzugsbehandlung gegenüber Mitgefangenen.

Währenddessen sind die Verhandlungen über seine vorzeitige Freilassung in vollem Gang. Es war daran gedacht, ihn gegen den sowjetischen Meisterspion Rudolf Iwanowitsch Abel auszutauschen. Der KGB-Oberst war Chef der sowjetischen "Kundschafter" in den USA gewesen. 1957 flog er auf und wurde zu 30 Jahren Haft verurteilt. Selbst CIA-Direktor Allen Dulles würdigte Abels außerordentliche Qualitäten: "Ich wünschte, wir hätten ein paar Männer, wie er einer ist, in Moskau."

Am 10. Februar 1962, morgens um 8.45 Uhr, kommt es auf der Glienicker Brücke zwischen West-Berlin und Potsdam zum ersten und zugleich spektakulärsten Agentenaustausch in der Geschichte des Kalten Krieges. Meteorologisch herrschte Kälte, politisch leichtes Tauwetter. Die Russen mussten allerdings noch Frederic Pryor "drauflegen", einen US-Studenten, der in der DDR wegen angeblicher Spionage angeklagt werden sollte.

Die "russische" Gruppe besteht aus Francis Gary Powers, dem Sowjetdiplomaten Iwan Alexejewitsch Schischkin und zwei Männern, die nach Aussage von Abels Anwalt James B. Donovan wie Ringkämpfer aussahen. Auf der anderen Seite Donovan selbst, Rudolf Abel, ein US-Regierungsbeamter und ein Soldat.

Freunde und Kollegen von Powers und Abel hatten vor Ort zuvor die beiden zweifelsfrei identifiziert. Nachdem die Nachricht von Pryors Ankunft nach West-Berlin übermittelt worden war, setzen sich die beiden Gefangenen in Bewegung. Auf der Brückenmitte gehen sie wortlos aneinander vorbei, würdigen sich keines Blickes.

Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten wird Powers tagelang verhört. Fehler sind ihm nicht nachzuweisen, vielmehr habe er sich vorbildlich verhalten. Obwohl nach Ende des Kalten Krieges der KGB die Archive öffnete, bleibt die Kernfrage der U-2-Affäre unbeantwortet: Wurde Powers in über 21.000 Metern abgeschossen, wie die Sowjets behaupten, oder erwischte es ihn - amerikanische Version - schon in 14.000 Metern Höhe, nachdem er wegen technischer Probleme in den Sinkflug gehen musste? Auch in seinem Buch "Operation Overflight" aus dem Jahr 1970 macht Powers keine genauen Angaben über den Hergang.

Fest steht allerdings inzwischen, dass Powers nicht der Einzige war, der über Swerdlowsk abgeschossen wurde. Im Gefechtsstand am Boden herrschte ein heilloses Durcheinander und im zwanghaften Bemühen, die U 2 zu vernichten, wurde auch eine eigene MIG-19 mit Sergej Sawronow vom Heimathimmel geholt. Der Oberleutnant starb.

Mit dem 50. Flug der U 2 und dem Abschuss von Swerdlowsk fanden die Spionageflüge ein abruptes Ende. Francis Gary Powers arbeitete nach der CIA-Karriere als Testpilot und ab 1976 für einen kalifornischen Fernsehsender. Am 1. August 1977 kam er in Los Angeles bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Powers wurde auf dem Nationalfriedhof in Arlington beigesetzt.

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