Leopoldina zu Corona-Maßnahmen: "Derzeit dringlich erforderlich"

Die Wissenschaftakademie hat sich am Wochenende zu Handlungsmöglichkeiten in der Coronakrise geäußert und der Regierung den Rücken gestärkt. Anstatt einer langen Stilllegung des öffentlichen Lebens halten die Forscher einen temporären "Shutdown" für sinnvoll.

Wie schätzen die Gelehrten die politischen Vorgaben in der Coronakrise ein?

Die von der Bundesregierung und den Bundesländern ergriffenen Maßnahmen werden von den Professoren als "derzeit dringend erforderlich" erachtet, um die Corona-Pandemie einzudämmen. In ihrer Stellungnahme heißt es, sie entsprächen der durch die Pandemie ausgelösten Bedrohung. Versucht werde, die Epidemie einzudämmen, die verletzliche Bevölkerung zu schützen und die Kapazitäten im öffentlichen Gesundheitswesen und im Versorgungssystem gezielt zu erhöhen. Besonders wichtig sei nun die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen.

Was ist im Augenblick das Wichtigste?

Das Hauptaugenmerk gilt Menschen mit einem höheren Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Da diese auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind, muss eine massive Überlastung der akut- und intensivmedizinischen Versorgung bestmöglich verhindert oder wenigstens abgemildert werden. Dabei darf die Betreuung aller übrigen Patientinnen und Patienten nicht zu sehr vernachlässigt werden.

Sind die Testmöglichkeiten in Deutschland ausreichend?

Momentan sind die Test- und Laborkapazitäten begrenzt. Sie müssten kurzfristig hochgefahren werden, fordern die Wissenschaftler. In Deutschland mit seinen technischen Kapazitäten sei das möglich, setze aber klare politische Vorgaben voraus. Testkapazitäten könnten optimal durch eine zentrale Datenplattform gesteuert werden.

Wann rechnen die Experten mit Medikamenten und Impfstoffen?

Derzeit ist von einer Entwicklungszeit von mindestens vier bis sechs Monaten für Medikamente und neun bis zwölf Monaten für Impfstoffe auszugehen.

Ist die Stillegung des öffentlichen Lebens über einen so langen Zeitraum möglich?

Nein. Die sozialen und ökonomischen Konsequenzen sowie die möglichen negativen physischen und psychischen Auswirkungen auf die Gesundheit seien nicht über einen so langen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Momentan sei ein deutschlandweiter temporärer "Shutdown" (etwa drei Wochen, mit der Möglichkeit für notwendige und gesundheitserhaltende Aktivitäten) aus wissenschaftlicher Sicht geboten. In dieser Zeit sollten Vorbereitungen für das kontrollierte und selektive Hochfahren des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft getroffen werden.

Worum geht es in den kommenden Wochen und Monaten?

Pharmazeutische Mittel und Schutzmaßnahmen im öffentlichen Raum sollen verfügbar gemacht und Kapazitäten für den Test aller Verdachtsfälle und Einreisenden geschaffen werden. Da die Wissensgrundlage sich ständig ändert, müssen die Handlungsempfehlungen laufend an neue Erkenntnisse angepasst werden.

Welche konkreten Hinweise gibt die Leopoldina zum Schutz besonders gefährdeter sowie systemrelevanter Personengruppen?

Die Versorgung von Menschen, die auf Behandlung angewiesen sind, und die Arbeitsfähigkeit der ambulanten und stationären Einrichtungen (Pflegedienste, Dialyse, Krankentransport) muss gesichert werden. Es darf keine Engpässe bei systemritischen Materialien geben, notfalls sind massive Produktionsanreize nötig. Auch isolierte Patienten müssen Zugang zu Medikamenten haben. Digitale Informationsangebote und Telefonhotlines könnten das Wissen und damit den Selbstschutz vieler Menschen erhöhen.

Wie lassen sich diagnostische Möglichkeiten verbessern?

Für gezielte und koordinierte Tests empfehlen die Wissenschaftler eine zentrale Datenplattform. Neue Testmethoden sollen entwickelt und umfangreiche epidemiologische Datenerhebungen organisiert werden. Unnötige, wiederholte Quarantänemaßnahmen bei nichtinfektiösen oder immunen Personen seien zu vermeiden, besonders bei systemrelevanten Personen. Repräsentative Stichproben könnten das Wissen über die Krankheit und die Schätzgenauigkeit der Prognosemodelle verbessern.

Was empfehlen die Wissenschaftler zur Aufklärung der Bevölkerung?

Die Leopoldina spricht sich für weitgestreute Informationskampagnen über die Medien zur Corona-Erkrankung und Abwehrmaßnahmen aus. Um die Akzeptanz für die Maßnahmen zu erhöhen und negative psychische oder physische Folgen abzufedern, sollen verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden. Es gehe auch darum, den offenen Umgang mit der eigenen Infektion zu fördern und die Stigmatisierung erkrankter Menschen zu vermeiden.

Was ist die Leopoldina?

Die Leopoldina mit Sitz in Halle (Saale) ist die älteste naturforschende Gelehrtengesellschaft der Welt. Sie wurde 1652 gegründet und ist seit 2008 die Nationale Akademie der Wissenschaften. Mit 1600 Mitgliedern aus fast allen Fachbereichen berät sie die deutsche Politik und die Öffentlichkeit und vertritt die deutsche Wissenschaft im Ausland.

Wer hat die Stellungnahme erarbeitet?

Der Arbeitsgruppe der Leopoldina gehören Professoren mehrerer deutscher Universitäten und Institute an. Sie sind Experten für Virologie, Biochemie, Molekularbiologie, Intensiv- und Tropenmedizin, Infektiologie, Lungenheilkunde, Bildungsforschung und Neuropsycholgie. Prominente Mitglieder sind Christian Drosten von der Berliner Charité und Gerald Haug, Präsident der Leopoldina.


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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    MisterS
    23.03.2020

    Leopoldina, was ist denn das für ein mystischer Verein. Als ich las, daß sie deutsche Politiker beraten, war klar, daß gesamte Interview ist Makulatur. Waren sie ja sehr erfolgreich die letzte Zeit mit ihrer Beratung. Das gesamte Wirtschafts-und Finanzsystem wird vor die Wand gefahren aber schlau daher reden. Das Leben und die Wirtschaft aufbauen und finanzieren wird wieder der kleine Mann und die kleine Frau an ihren Arbeitsplätzen. Die älteren Bürger werden durch die Banken- und Wirtschaftskrise um die Früchte ihrer lebenslangen Arbeit gebracht. Danke!