Lichtlohmd in Lichtenrade

Klaus Domschke aus Olbernhau kam als Jugendlicher nach West-Berlin. Sein Herz aber schlug stets für die Heimat. Ein Besuch beim Vorsitzenden des Erzgebirgsvereins Berlin 1910.

Berlin.

Die Exklave des Erzgebirges liegt im äußersten Süden Berlins. Lichtenrade mit seiner uralten Dorfkirche aus Feldsteinen wurde 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet, zwischen 1961 und 1989 war hier die Welt zu Ende. Am Kirchhainer Damm, über den man heute aus Brandenburg bequem in die Stadt rollt, durften im Kalten Krieg nur Müllautos aus West-Berlin auf die Deponie hinüber in die DDR fahren.

Lichtenrade, einst im Schatten der Mauer, ist beschaulich geblieben. "Erzgebirgsverein Berlin 1910", steht auf einem Messingschild an einer Gartentür in der Wittelsbacher Straße. Hier wohnt Klaus Domschke mit seiner Frau Bärbel. Ein bisschen sieht es in ihrem Haus immer wie im Erzgebirge aus, mit der geschnitzten Bergmannsfigur neben dem Spiegel im Flur, mit den Stadtansichten von Freiberg und dem Gemälde mit Schloss Augustusburg und der Holzbrücke von Hennersdorf überm Sofa im Wohnzimmer. Jetzt aber, in der Adventszeit, hat sich die Wohnung der Domschkes in eine Hutzenstube verwandelt.

Ein Ensemble von 100 Wendt-und-Kühn-Engeln, Pyramiden in allen Größen, stehend und hängend, Schwibbögen, verschneite Häuser, Dutzende Nussknacker und Räuchermänner, darunter Erbstücke, Geschenke und viel selbst Beschafftes, einst sogar in Intershops, den Läden für Leute mit Westgeld in der DDR. Zu fast jedem Stück hat Domschke eine Geschichte zu erzählen. Sein erster Räuchermann aber, den er als 15-Jähriger aus Seiffen bekam, ist ihm besonders wichtig. "An dem hänge ich", sagt er.

Klaus Domschke ist heute 80 Jahre alt. Er stammt aus Olbernhau, erlebte dort nach dem Krieg den Schulunterricht in einer Notunterkunft. Drei Scheit Holz oder ein Brikett musste jeder Schüler mitbringen, damit der Ofen angeheizt werden konnte, der Vater lehrte als Dozent an der Bergakademie Freiberg. In Olbernhau wurde Klaus Domschke zum Gärtner ausgebildet, arbeitete in Altenburg, im Ruhrgebiet und in der Schweiz, bevor es ihn 1960 nach Berlin verschlug. In Dahlem war die Meisterschule. Hier, im Westteil der Stadt, blieb er, heiratete, gründete eine Familie, arbeitete bis zum Ruhestand beim Bundesamt für Ernährung und Forstwirtschaft. Bis heute pflegt er die Traditionen seiner Heimat. Seit über 40 Jahren ist Klaus Domschke 1. Vorsitzender des Erzgebirgsvereins Berlin.

Von einst 200 Mitgliedern zählt die Gruppe heute noch knapp 50, die meisten sind jenseits der 70. Einmal im Monat treffen sie sich zum Heimatabend oder zu Spaziergängen, am zweiten Advent war Lichtl-ohmd im Vereinsheim des VfL Lich-tenrade. Die Geschichte des Vereins reicht über 100 Jahre zurück: Berlin hat die älteste Sektion des Erzgebirgsvereins außerhalb Sachsens.

In einem Restaurant in der Potsdamer Straße erschienen am 21. Oktober 1910 sieben Herren zur Gründung des Zweigvereins, "von reiner Heimatliebe getragen", wie einer der Mitbegründer notierte. Anfangs konnten nur Männer Mitglied werden. Umso beliebter waren statt Mitgliederversammlungen "Zusammenkünfte mit Frauen in landschaftlich schöner Gegend", wie es in der Vereinschronik weiter heißt.

Als die Berliner Sektion aus der Taufe gehoben wurde, existierte der Mutterverein bereits Jahrzehnte. 1878 war der Erzgebirgsverein mit Sitz in Schneeberg als Heimat- und Wanderverein entstanden. Schnell gründeten sich Zweigvereine in vielen Orten in Sachsen, später auch darüber hinaus. 1932 war der Erzgebirgsverein mit 25.000 Mitgliedern der zweitgrößte Verein seiner Art in Deutschland - nach dem Alpenverein. Nach Gleichschaltung im Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg kam in der DDR das Aus: In seiner angestammten Heimat durfte der Verein nicht wieder aktiv werden. Westdeutsche Zweigvereine organisierten die Wiedergründung, der Vereinssitz entstand im Exil in Frankfurt am Main.

Als Klaus Domschke 1960 in Berlin ankam, feierte der dortige Erzgebirgszweigverein gerade sein 50-jähriges Bestehen. Im Rathaus Tempelhof war eine Ausstellung aufgebaut und Domschke, der sich als Erzgebirger zu erkennen gab, wurde sofort als Mitglied aufgenommen. Der Verein half ihm, in der Großstadt Anschluss zu finden. In der Sing- und Theatergruppe lernte er seine Ehefrau kennen, die als Kind mit ihrer Familie aus dem Vogtland nach Berlin gekommen war. "Wir mussten ein Liebespaar spielen", erzählt er. Später wurden sie selbst eins.

Der Erzgebirgsverein wurde für beide zur Brücke in die Heimat, gerade auch nach dem Mauerbau. Noch am 12. August 1961 hatten Mitglieder aus Ost- und West-Berlin gemeinsam ein Sommerfest in Lich-tenrade gefeiert, am nächsten Morgen trennte sie eine unüberwindbare Grenze. Die West-Berliner aber hielten die Fahne des Erzgebirges weiter hoch, mit der Klöppelstube auf dem Weihnachtsmarkt am Funkturm, mit Auftritten der Singgruppe in der rot-weißen Bühnentracht oder der Fahnenabordnung im Berghabit. Sie schickten Pakete in die Heimat, zahlten heimlich mit Naturalien für Texte, die ihnen Leute von dort für ihre Vereinszeitschrift schickten. Zur 75-Jahr-Feier des Vereins pflanzten sie mitten in Neukölln einen Vogelbeerbaum - in Erde aus dem Erzgebirge.

In den Siebzigerjahren durften sie auch wieder hinreisen. Der Verein organisierte Fahrten mit VW-Bussen in die DDR. In Olbernhau, wo der Vater als Mitglied des Kulturbundes Dia-Vorträge übers Erzgebirge hielt, erkannten sie den Sohn sofort wieder. "Es waren Jahrzehnte vergangen, aber die Leute auf der Straße blieben stehen und sagten: ,Das ist doch der Domschke-Klaus'", erinnert er sich. Für ihn war es eine Zeit, in der dort alles grau war und der Wald starb. Seine Frau sagt: "Das Liedgut wurde gepflegt, aber das Christliche war nicht mehr so da. Der Staat versuchte, es auszumerzen." Und Volkskunst wurde fast nur noch für den Export produziert. Als Klaus Domschkes Vater in den Achtzigerjahren erstmals nach West-Berlin reisen durfte, war er von den Regalen voller Nussknacker und Pyramiden im Europacenter und im KaDeWe wie erschlagen.

Nach der Wende wurden in Sachsen die Erzgebirgszweigvereine wiederbelebt, der gesamtdeutsche Vereinssitz kam wieder nach Schneeberg. Die Freiberger Sektion wurde Partnerverein der Berliner. Heute hat der Dachverband noch etwa 3200 Mitglieder in 51 Zweigvereinen in Sachsen, Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. "Die Jugendgruppen haben keine Probleme, weil die Jungen schnitzen lernen wollen und die Mädchen klöppeln", sagt Klaus Domschke. "Aber die Mitglieder verabschieden sich meist, wenn sie volljährig sind." Auch die Pendler in Berlin seien nur schwer für den Verein zu begeistern. "Die fahren übers Wochenende nach Hause." Heute ist es ja nur ein Katzensprung - auf neuen Autobahnen und ohne Grenzkontrolle.

Auch die Domschkes zieht es wieder ins Erzgebirge. Im Februar wollen sie am Schwartenberg die Langlauf-Ski anschnallen. Und ihr Sohn mit Frau und drei Kindern, alle im Erzgebirgsverein Berlin, hat den Winterurlaub in Oberwiesenthal gebucht. Heimat bleibt Heimat.

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