Oben ohne

Warum es nicht an der Hitze liegt, wenn Männer keine Krawatte mehr tragen

Weshalb viele Männer sich Tag für Tag strangulieren, bleibt manchem ein Rätsel. Zumal der Knoten, den diese Sadomasochisten am Hals tragen, kein gordischer ist. Einfach ein paar Finger zwischen den Binder und Hemdkragen schieben. Etwas ruckeln. Schon ist Mann frei. Frei, frei, endlich frei! Und trotzdem bleibt sie oft dran: die Krawatte - selbst bei einer Hitze wie gestern.

Nackt. Ja, vielleicht ist es ein Gefühl, als überschreite man die Grenze zur Nacktheit, lockert ein Krawattenträger das enge Band. Öffnet den ersten Hemdknopf. Oder versenkt den Schlips gar in der Aktentasche. Wie gewagt. Dies ist zwar noch kein Striptease im Büro. Aber nah dran. Und zwar in bestimmten Kreisen unserer Arbeitswelt, in denen Mann sich keinerlei Blöße leisten darf.

Zum Beispiel Banker und Manager: Von ihnen wird nicht selten erwartet, dass sie ihre Freizeitidentität auf Arbeit nicht nach außen, sondern stattdessen eine Krawatte tragen - zum dunklen Anzug und dem obligatorisch weißen Hemd. Darauf eine gediegene vertikale Linie aus Stoff. Wenn gemustert, dann aber bitte dezent. So ist es korrekt.

Ach, du liebe Etikette: Was ist da denn passiert? Und das lange vor den Sommerinterviews, die legere Gelöstheit signalisieren. Deutsche Parlamentarier - Politiker wie Söder, Seehofer, selbst der etwas steife Olaf Scholz - zeigen sich dem deutschen Volke immer öfter ungewohnt krawattenlos. Nahezu ungezwungen. Frivol. Merke: Die Krawatte spricht eine Sprache. Und keine Krawatte auch. Botschaft: Wir sind Macher. Und nicht in Starrheit festgezurrt. Wir sind offen. Ungebunden. Lassen Luft ran. Zugeknöpft war gestern. Und wer besonders freiheitlich-liberal rüberkommen möchte, fährt die Stacheln aus und trägt Dreitagebart zum offenen weißen Hemd.

355 Jahre hat "à la cravate" überdauert. Das heißt: die französische Sitte, sich "nach kroatischer Art" zu kleiden, seit sich Ludwig XIV. in ein Reiterregiment vom Balkan verguckte - und deren Halsbinden zur Mode erklärte. Nun deutet sich ein Ende an - der politisch korrekten Uniformität. Und wer trägt Schuld an den Auflösungserscheinungen? Angela I. natürlich. Schließlich sieht Mann die Chefin schon seit Jahren oben ohne.

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