"Parasit" mit gutem Auge

Er ging den Promis gehörig auf die Nerven, deren Privatsphäre er für nicht existent hielt: Der Fotograf Ron Galella gilt als einer der Ur-Paparazzi. Vor allem Jacqueline Kennedy Onassis lauerte er mit Vorliebe auf. Am Sonntag wird der US-Amerikaner 90 Jahre alt.

Widerling", "Parasit" oder "perverser Anschleicher" sind noch einige der netteren Ausdrücke aus der Litanei von Flüchen, mit denen Ron Galella in seiner Karriere bedacht wurde. Galella ist Fotograf - und als solcher nicht nur berühmt, sondern berüchtigt. Denn Galella ist eine Art Ur-Paparazzo, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, Fotos von berühmten Persönlichkeiten zu machen - meist, wenn diese es am wenigsten erwarten. Am morgigen Sonntag, dem 10. Januar, feiert er seinen 90. Geburtstag.

Zu seinen liebsten Fotoobjekten zählten einst die Präsidentenwitwe Jacqueline Kennedy Onassis und Schauspieler Marlon Brando. Außerdem Robert Redford, Muhammad Ali, Woody Allen, Al Pacino, Sean Penn und Madonna, Leonardo DiCaprio, Johnny Depp und viele mehr. Heute im Zeitalter der Handy-Fotografie gibt es Schnappschüsse von Prominenten wie Sand am Meer. Zu Galellas Zeiten aber musste man dafür auf die "Jagd" gehen, wie er das immer noch nennt.

Ganz besonders gern "gejagt" hat Galella Jackie O., wie die ehemalige First Lady der USA nach ihrer Heirat mit Reeder-Milliardär Aristoteles Onassis in der Regenbogenpresse genannt wurde. Galella lauerte ihr Tag und Nacht auf, versteckte sich hinter Büschen und kauerte in Hauseingängen. Jackie O. wollte, dass das aufhört - hat es mit gut zureden versucht, mit Tarnungen durch Schals und Sonnenbrillen oder mit Gerichten, vor denen sie Galella mehrmals verklagte. Zuletzt war sie so verzweifelt gewesen, dass sie ihre Secret-Service-Agenten - die für die First Lady lebenslang zu ihrem Schutz bereitgestellt wurden - anwies, Galellas Kamera zu zertrümmern. Doch auch das hielt ihn nicht lange ab. In einem Interview mit der New York Times hatte Galella für sein voyeuristisches Verhalten diese bizarre Erklärung: "Ich hab' das mal analysiert. Ich hatte damals keine Freundin. Also war sie irgendwie meine Freundin."

Sein wahrscheinlich berühmtestes Foto trägt den Titel "Windblown Jackie". Galella schoss es am 7. Oktober 1971 auf der New Yorker Madison Avenue aus einem fahrenden Taxi heraus: Auf dem schwarz-weißen Foto ist im - von den Haaren umwehten - Gesicht Jackie Kennedys der Hauch eines Lächelns zu erkennen. Für Galella der magischste menschliche Moment überhaupt, daher nennt er das Foto auch "meine Mona Lisa". Sein karriereförderndes "Arbeitsverhältnis" mit der Onassis endete - wie kaum anders zu erwarten - durch ein Gerichtsurteil: Galella wurde untersagt, sich Jackie O. und ihren Kindern mehr als 50 Yards (zirka 46 Meter) zu nähern. Noch heute droht Galella Gefängnis, sollte er Jackie-Tochter Caroline Kennedy zu nahe kommen.

Ein anderes obsessives Objekt der fotografischen Begierde Galellas war Marlon Brando. Der bat weder die Gerichte noch Bodyguards um Hilfe, sondern ging das Problem mit Galellas Kamera ganz direkt an - er brach dem Fotografen den Kiefer und schlug ihm fünf Zähne aus. Auch Sean Penn soll Galella einen Faustschlag verpasst haben. Aber nicht alle Berühmtheiten hatten ein solch explosives Verhältnis zu dem provokanten Paparazzo. Pop-Art-Künstler Andy Warhol, der ein Fan der Klatschseiten war, verehrte Galellas Arbeit. Elizabeth Taylor - vielleicht, weil sie sich besonders gut getroffen sah - verwendete Galellas Fotos in ihrer Biografie. Zu Galellas Verteidigung muss man zudem sagen, dass er bei all seinen Unverschämtheiten wenigstens einen Sinn für Humor hatte: Nach dem Niederschlag durch Brando näherte sich Galella der Schauspiel-Ikone nur noch mit einem Football-Helm auf dem Kopf.

Obwohl Galella hier gute Nehmerqualitäten zeigte, war eine negative Eigenschaft unübersehbar: Wenn er Berühmtheiten Tag und Nacht unaufhörlich und unerbittlich auflauerte, schien es ihm vollkommen egal, wie die sich dabei fühlten. Ein Recht auf Privatsphäre hatten Promis in Galellas Augen nicht. Heute taucht Galella nur noch gelegentlich bei Presseterminen auf.

In seinen besten Zeiten war er Großverdiener. Die fotografische Ausbeute der geschätzten drei Millionen Fotos, die er im Lauf seiner Karriere schoss, wird heute von der berühmten Fotoagentur Getty Images vertrieben. Galellas Weg zum Reichtum war - so das gängige Narrativ - ein typisch amerikanischer: Geboren in der New Yorker Bronx als Sohn eines italienischen Einwanderers, trat Ron während des Koreakrieges in die Armee ein. Seine Liebe zur Fotografie begann mit Aufnahmen von Entertainern, deren Aufgabe es war, die Truppen bei Laune zu halten. Mit Anfang 20 zog er nach Los Angeles und machte eine Ausbildung zum Fotojournalisten. In seiner Freizeit fotografierte er auf Filmpremieren die eintreffenden Stars und Sternchen.

Doch was macht Galellas Fotos heute, in Zeiten der allgegenwärtigen Handy-Fotografie und der Sofort-Verbreitung durch Social-Media-Kanäle, immer noch zu besonderen Aufnahmen? Galella schaut beim Fotografieren fast nie durch den Sucher. Stattdessen nimmt er vor dem Auslösen Augenkontakt mit seinem Sujet auf: Auge in Auge. Erst dann drückt er auch ab. Betrachtet man seine Fotos vor diesem Hintergrund, kann man in den Augen der Fotografierten oft diesen Moment der totalen Überraschung erkennen, der dann wiederum eine besondere Resonanz beim Betrachter erzeugt. Vielleicht, weil dieser ganz intime Augenblick zu seinem künstlerischen Unterscheidungsmerkmal geworden ist, sind Galellas Fotos auch lange nach seiner aktivsten Zeit in Galerien weltweit zu sehen. Im Museum of Modern Art in New York, im Tate Modern in London und auch in der Helmut-Newton-Stiftung im Museum für Fotografie in Berlin.

Nachdem er dem Paparazzi-Leben fast ganz den Rücken gekehrt hat, gibt er zu, dass das Arbeiten zu seiner Glanzzeit in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren leichter war als heute: fast keine Bodyguards und keine PR-Agenten. Und anfangs gab es damals - laut Galella - nur vier weitere Paparazzi in New York City. Heute sind sie überall, und die Konkurrenz ist riesig. Das sind eindeutige Indizien dafür, wie sehr sich das Paparazzi-Geschäft seither verändert hat.

Spricht man den "Paten der amerikanischen Paparazzi-Kultur", wie ihn das bekannte "Time"-Magazin einst nannte, heute auf die Beschimpfungen an, die er sich jahrzehntelang bei und wegen seiner Arbeit anhören musste, antwortet er: "Sie können mich Parasit und solche Sachen nennen, so lange, wie sie wollen. Mir macht das nichts aus. Aber meine Frau hat es immer gestört. Sie war sehr sensibel."

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