Reservate verlieren an Boden

Seit der Jahrtausendwende werden Naturschutzgebiete in einigen Regionen degradiert. Aber manchmal ist das auch hilfreich.

Nicht nur die langsamen Reaktionen zum Begrenzen des Klimawandels treiben vielen Naturwissenschaftlern Sorgenfalten auf die Stirn. Auch beim Schutz der Natur und der auf der Erde lebenden Arten liegt in den Augen sehr vieler Forscher Vieles im Argen. Dabei wurden in den vergangenen drei Jahrzehnten die Reservate an Land und besonders in den tropischen Regionen mit ihrer hohen Artenvielfalt rasch ausgeweitet, stellen Lisa Naughton-Treves von der University of Wisconsin im US-amerikanischen Madison und Margaret Buck Holland von der University of Maryland in Baltimore in der Zeitschrift Science fest. Bereits heute sind 15 Prozent der Landoberfläche der Erde und 7,3Prozent der Meeresflächen geschützt, berichten Rachel Golden Kroner von der George Mason University in Fairfax im US-Bundesstaat Virginia und ihre Kollegen ebenfalls in Science. Gleichzeitig scheinen Arten massenweise und ungebremst weiter auszusterben, während einige Regierungen längst im großen Maßstab damit begonnen haben, den Naturschutz zurückzudrängen, erklären Kroner und ihre Kollegen.

Dabei geht es nicht nur um Reservate, die aufgelöst oder verkleinert werden, sondern auch um Gebiete, deren Schutzstatus herabgesetzt wird. Zwischen 1892 und 2018 haben die Forscher in 73 Ländern insgesamt 3749 solcher Fälle gezählt. Auf insgesamt 519.857 Quadratkilometern und damit auf einem Gebiet von der Fläche Spaniens wurde der Naturschutz in dieser Zeit aufgehoben. Auf weiteren 1.659.972 Quadratkilometern, das entspricht rund 37 Prozent der Fläche der gesamten Europäischen Union, wurden die Bestimmungen gelockert. Allerdings verteilen sich diese Rollbacks keineswegs gleichmäßig auf diese 127 Jahre, sondern konzentrieren sich auf die jüngere Vergangenheit: 78 Prozent geschahen nach dem Jahr 2000, während 64 Prozent sogar in den Zeitraum zwischen 2008 und 2018 fallen. In den letzten Jahren kam der Rollback also so richtig ins Rollen.

In solchen Naturschutzgebieten aber leben oft viel mehr Arten als außerhalb. Obendrein dienen viele dieser Reservate als Rückzugsorte für Arten, die nirgendwo sonst vorkommen. Ein Rollback kann dort daher enorme Schäden verursachen und das Artensterben weiter beschleunigen. Nicht jede Lockerung des Schutzes verschlechtert jedoch den Zustand der Natur oder die Artenvielfalt. So liegen viele Reservate fernab vom Schuss, und in ihrer Umgebung leben überwiegend arme Menschen, deren Familien oft schon seit sehr vielen Generationen dort zuhause sind. Sammeln diese Anwohner zum Beispiel Heilpflanzen in einem Reservat, ohne dabei die jeweilige Art zu übernutzen, oder führen sie Touristen zu den natürlichen Attraktionen eines Gebiets von Elefanten und Löwen in Afrika bis zu den Vögeln und Schmetterlingen im südamerikanischen Regenwald, können sie so Krankheiten heilen und Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen. Solang ein solcher Tourismus wie zum Beispiel im North Luangwa-Nationalpark in Sambia nicht überhandnimmt, stört er die Natur kaum.

Wie solche nachhaltigen Nutzungen funktionieren, erklärt Antje Müllner, die bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) für Südamerika und Südostasien zuständig ist, am Beispiel des Manú-Nationalparks im Amazonasgebiet am Abhang der Anden im Südosten Perus: "Erst nach mehreren Stunden Bootsfahrt auf dem Madre-de-Dios-Fluss erreichen die Besucher die Mündung des Manú-Flusses", schildert die Biologin den Weg in dieses Gebiet. Dort verkauft ein Mini-Shop eines Einheimischen den Touristen Kleinigkeiten von Batterien für elektronische Geräte bis zu Getränken und Knabbereien. Obendrein gibt es eine bei vielen Reisenden heiß ersehnte Toilette, deren Gebühr ebenfalls ein wenig Geld in die Kassen der Einheimischen bringt.

Anschließend fahren die Boote mit den Touristen einige Stunden auf dem Rio Manú bis zur Matsiguenka-Lodge, von der aus die Natur-Reisenden in den nächsten Tagen die Vogelschwärme und die Riesenotter im Schutzgebiet beobachten werden. Insgesamt kommen im Jahr rund 3500 Touristen in den Manú-Nationalpark, der mit gut 17.000 Quadratkilometern deutlich größer als Thüringen ist. "Mehr als die Hälfte von ihnen schläft in der Matsiguenka-Lodge, die zwei Dörfer im Nationalpark betreiben, die sonst kaum andere Einnahmen haben", erklärt Antje Müllner. Einige Menschen in diesen Dörfern verdienen sich als Ranger einige Soles der Landeswährung, die meisten anderen leben wie einst ihre Vorfahren von dem, was der Regenwald und seine Gewässer ihnen bieten.

Ganz anders sieht die Situation bei einer beabsichtigten industriellen Nutzung aus, die in den USA seit dem Jahr 2000 für 99 Prozent aller von der Regierung angeordneten Eingriffe in Schutzgebiete der Anlass waren. Dazu gehören die Suche nach Bodenschätzen von Erzen bis zu Erdöl und Erdgas, aber auch der Bau von Wasserkraftwerken oder Skiliften, sowie das Abholzen von Wäldern und das Fällen wertvoller Bäume. Solche Eingriffe schädigen sehr häufig die Natur und verringern die Zahl der Arten, die in einer Region leben, oft erheblich.

Tragen Rachel Golden Kroner und ihre Kollegen solche Beeinträchtigungen von Naturschutzgebieten in eine Landkarte ein, konzentrieren sie sich auf Regionen wie Australien und Indien sowie den Osten Afrikas und Großbritannien, während der Rest von Europa und Asien, sowie der Norden Afrikas und weite Teile Kanadas kaum betroffen sind. Genauer untersucht haben die US-Forscher dabei die USA und das Amazonas-Gebiet vor allem in Brasilien, die einst als Vorreiter des Naturschutzes galten. Heute dagegen treiben dort vor allem die Präsidenten der USA, Donald Trump, und Brasiliens, Jair Bolsonaro einen Rollback voran, der nicht nur die Natur und Artenvielfalt erheblich schädigt, sondern auch anderen Ländern als schlechtes Beispiel dienen könnte, befürchten beispielsweise die Wissenschaftler.

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