Schutztor vor der Hölle

Vor 75 Jahren, am 25. April 1945, trafen sich Diplomaten aus 50 Ländern zur Gründungsversammlung der Vereinten Nationen in San Francisco. Zwei Monate später wurde die "Verfassung der Staatengemeinschaft" unterzeichnet, die 111 Artikel umfassende Charta trat am 24. Oktober 1945 in Kraft.

US-Präsident Harry S. Truman eröffnete vor 75 Jahren das Treffen der Uno (United Nations Organization, inzwischen meist nur UN) mit einem Blick in die Zukunft: "Welch geschichtsträchtiger Tag kann das werden." Das Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich ab, die Menschen wünschten sich nichts sehnlicher als einen dauerhaften Weltfrieden. Die UN-Charta legte Grundregeln des staatlichen Handelns fest, um ein stabiles und sicheres internationales System zu wahren. Basis der Zusammenarbeit war die souveräne Gleichheit aller Mitgliedsstaaten sowie das System einer kollektiven Sicherheit mit friedenssichernden Maßnahmen. Deutschland und Japan als sogenannte Feindstaaten wurden zunächst nicht aufgenommen. Obwohl es diese "Feindschaftsklausel" bis heute gibt, entwickelte sich Deutschland seit dem Beitritt 1973 zum geachteten Mitglied.

Die Idee einer internationalen Organisation zur Sicherung des Friedens bestand bereits seit dem Ersten Weltkrieg. Doch auch die Gründung des Völkerbundes (ohne die USA) konnte den Zweiten Weltkrieg nicht verhindern. US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill erklärten daher im August 1941 ihre gemeinsamen Grundsätze einer internationalen Politik. Diese sogenannte Atlantik-Charta beinhaltete Pläne für eine dauerhafte, friedliche Nachkriegsordnung. Anfang 1942 wurde sie von 26 Staaten - darunter Frankreich, China und die Sowjetunion - unterzeichnet. Bis März 1945 schlossen sich ihr weitere 19 Staaten an.

Nach Gründung der Vereinten Nationen trafen sich Vertreter der Mitgliedsländer erstmals am 10. Januar 1946 in London zu einer Vollversammlung. Der dort getroffene "Londoner Beschluss" legte den Sitz der UN in New York fest. Laut Artikel 1 der Charta gehören die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker, Förderung der internationalen Zusammenarbeit sowie die Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten zu den obersten Zielen der Organisation. Der Kerngedanke heißt "Frieden durch Diplomatie". Der ehemalige Generalsekretär Dag Hammarskjöld sagte 1954: "Die Vereinten Nationen wurden nicht geschaffen, um die Menschheit in den Himmel zu bringen, sondern sie vor der Hölle zu bewahren." Seit 2011 hat die UN 193 Mitgliedsländer.

Fast drei Jahrzehnte lang blieb Deutschen der Zutritt verwehrt. Nachdem sich die Bundesrepublik wie auch die DDR in verschiedenen UN-Sonderorganisationen bewährt hatten, wurden die beiden deutschen Staaten im Zuge ihrer Entspannungspolitik am 18. September 1973 als Vollmitglieder in die UN aufgenommen. Erst die weltpolitischen Umbrüche im Jahr 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands im Oktober 1990 beendeten die 17-jährige Doppelmitgliedschaft. Der "Zwei-plus-Vier-Vertrag" brachte dem vereinten Deutschland die vollständige Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten. Mit der Verpflichtung einer an das Völkerrecht gebundenen Außenpolitik wurde in dem Dokument auch auf die UN-Charta verwiesen.

Deutschland ist nach den USA, Japan und China der viertgrößte Beitragszahler und engagiert sich in zahlreichen UN-geführten Friedensmissionen, an jeder dritten ist Deutschland beteiligt. Die Bundesrepublik trägt mit jährlich etwa 170 Millionen Dollar zum Gesamtbudget der UN in Höhe von rund anderthalb Milliarden Dollar bei.

Zweigstellen des Hauptquartiers befinden sich in Genf, Wien und Nairobi, Sekretariate und Unterorganisationen sind überall auf der Welt verteilt. Dazu gehören unter anderem das Weltkinderhilfswerk (Unicef), der Internationale Währungsfonds (IMF), der Internationale Gerichtshof (ICJ), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO), das Welternährungsprogramm (WFP), die Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) sowie das Flüchtlingshilfswerk UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees).

Auch in Deutschland sind die Vereinten Nationen mit etwa 30 Institutionen vertreten, davon befinden sich allein 18 Büros in Bonn. Auf einem großen Campus gibt es regelmäßig Konferenzen des UN-Klimasekretariats, weitere deutsche Standorte sind Berlin, Nürnberg, Frankfurt, Dresden und München. In Hamburg hat zudem der "Internationale Seegerichtshof" seinen Sitz.

Die Leitung im UN-System obliegt dem Generalsekretär, ernannt wird er auf Vorschlag des Sicherheitsrates für fünf Jahre von der Generalversammlung. Der Portugiese António Guterres ist seit 2017 der neunte Amtsinhaber. Dem Sicherheitsrat gehören dauerhaft fünf Mitglieder an: China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA, die bei allen Entscheidungen ein Vetorecht haben. Hinzu kommen zehn nichtständige Mitglieder, die jeweils nur für zwei Jahre in den Rat gewählt werden. Bis Ende 2020 ist auch Deutschland dabei - und das bereits zum sechsten Mal. Eine seit längerem diskutierte Reform des Sicherheitsrates, um veraltete Strukturen zu verändern, konnte bisher nicht umgesetzt werden. Von einer ausgewogeneren Vertretung aller Kontinente versprechen sich Diplomaten eine größere Akzeptanz der UN.

Um einen Konflikt beizulegen, kann der Sicherheitsrat Sanktionen festsetzen oder Mandate für Friedensmissionen erteilen. Seit ihrer Gründung hat die UN mehr als 75 solcher Einsätze beauftragt. Der Grundgedanke ist dabei stets die "kollektive Sicherheit". Diese Blauhelm-Missionen übernehmen vornehmlich zivile Aufgaben wie die Bereitstellung von Ausrüstung, humanitäre Hilfe oder die Überwachung von Wahlen. Neben Finanzhilfen beteiligt sich Deutschland aktuell mit rund 3500 Bundeswehrsoldaten und 130 Polizisten an multinationalen Friedensmissionen in Afrika, Afghanistan und auf dem Balkan. Zurzeit sind weltweit über 100.000 UN-Kräfte im Einsatz.

Die Einmütigkeit der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges war allerdings bald zu Ende. Die "Vereinten Nationen" wurden in den späten 1940er-Jahren immer mehr zu einem Schauplatz des Kalten Krieges, die Großmächte USA und Sowjetunion blockierten sich im Sicherheitsrat durch Vetos regelmäßig gegenseitig. Legendär war der Auftritt von Kreml-Chef Nikita Chruschtschow im Jahr 1960, als er während der Vollversammlung wutentbrannt mit der Faust - manche behaupten mit seinem Schuh - aufs Rednerpult einschlug. Der Korea-Krieg, die Teilung Deutschlands und die Aufspaltung Chinas in Rotchina und Taiwan konnte die UN nicht verhindern. Auch der Nahost-Konflikt entwickelte sich zum Dauerthema, ohne dass der Krisenherd bislang entschärft werden konnte.

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