"Sie haben immer ausgebessert"

Die Einwohner der italienischen Stadt sind fassungslos, während die Helfer weiter nach Überlebenden suchen. Und auch hierzulande fragen sich viele: Wie sicher sind unsere Brücken?

Genua.

Innerhalb weniger Sekunden kann sich ein ganz normaler Tag in einen Alptraum verwandeln. "Ich war hier um die Ecke im Sportgeschäft einkaufen, ich habe Bälle für meine Kinder geholt", sagt Gianni. Einen Tag nach dem Brückeneinsturz in Genua ist er gestern wieder zur Unglücksstelle gekommen. Viel mehr als die Trümmerberge sehen kann er von hier aus nicht. Die Polizei hat das Gebiet umfangreich abgeriegelt.

Sein Blick fällt daher auf den grün-blauen Lastwagen, der in schwindelerregender Höhe nur wenige Meter vor dem Abgrund anhalten konnte und noch immer auf der Brücke steht. "Der hatte wohl das meiste Glück gestern", sagt Gianni - und muss in diesen traurigen Tagen doch kurz lächeln. Dessen Fahrer der 27-jährige Luigi, erzählt der Zeitung "La Repubblica": "Ich konnte mich retten, weil ein Auto mich überholte und ich verlangsamte meine Geschwindigkeit. Ich sah es mit den anderen abstürzen, habe schlagartig gebremst, den Rückwärtsgang eingelegt. Dann habe ich die Tür geöffnet und bin geflüchtet."

Gianni erzählt, wie er den Laden verließ und zu seinem Auto ging. Dann habe er zur Brücke geschaut. Und nichts mehr gesehen. "Da war einfach nichts mehr. Das ist doch wirklich unglaublich, wie im Film." Mehr als 40 Menschen sind beim Einsturz des Polcevera-Viadukts gestorben, der aus dem Alltag so vieler Genuesen nicht wegzudenken ist.

Er verbindet die Stadt mit dem Meer, dem Hafen - dem Logistikzentrum der Region. "Wir stehen hier wahrlich vor einer Katastrophe", sagt Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli an der Unglücksstelle, wo die Helfer weiter nach Vermissten unter den massiven Betonblöcken suchen. Die Opferzahl könnte weiter steigen. Die Wahrscheinlichkeit, Überlebende zu finden, sinkt mit jeder Minute. .

Federica Bornelli war am Vormittag selbst für das italienische Rote Kreuz an der Unglücksstelle. Sie will Hoffnung machen, doch ihre Erschöpfung und ihr ungutes Gefühl für den weiteren Einsatz kann sie nicht verbergen. "Die Arbeit ist in mentaler und psychischer Hinsicht sehr anstrengend", sagt die junge Frau. Auch wegen der Sicherheitsrisiken ist die Arbeit mühselig, langwierig. Ein einziges Auto zu bergen, habe vier bis fünf Stunden gedauert, erzählt sie. "Unser Job ist es, so zu arbeiten, als wären da noch Überlebende in den Trümmern", ergänzt Feuerwehrmann Emanuele Gissi.

Ein paar Hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt sammeln sich den ganzen Tag über Passanten, unter die sich auch Journalisten mischen. Immer lauter wird über die Ursachen diskutiert. Während in der Nacht die meisten Menschen noch staunend, fassungslos, schweigend und immer wieder kopfschüttelnd zwischen den Trümmern und den abgebrochenen Enden der Brücke umherschauten, haben die Italiener inzwischen ihre Sprache wiedergefunden.

"Es gab immer, immer Bauarbeiten. Immer. Nachts, tagsüber, sie haben immer ausgebessert", sagt eine Frau namens Irina. Die Umstehenden nicken zustimmend. "Immer gab es Arbeiten, es gab immer Arbeiten. Leider ist es trotzdem passiert", sagt der 22 Jahre alte Dario auf einem Parkplatz, von dem aus man den eingestürzten Viadukt sieht. Die Brücke ist aus der Stadt schwer wegzudenken, auch wenn es immer wieder Diskussionen darum gab.

"Bisher wurde so viel Geld in die Reparaturen gesteckt, wie ein kompletter Neubau gekostet hätte", sagt Antonio Brencich, ein Experte der örtlichen Universität. Bereits vor zwei Jahren hat der Fachmann zum Neubau der Morandi-Brücke aufgerufen. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte er gestern allerdings auch: Es ist schwierig zu sagen, was der Grund des Einsturzes war. Diese Brücke wurde bis ins Detail von einem Pool von Experten ersten Ranges überwacht. An Geld hat es nie gemangelt. Es gab ein ständiges Überwachungssystem. Deshalb war das keine vernachlässigte Brücke. Man wusste gut Bescheid über die Alterung der Baumaterialien, gerade deshalb wurde die Brücke gut überwacht. Es gab ständig Instandhaltungsmaßnahmen. Deshalb lässt sich sagen, dass die Brücke nicht oberflächlich behandelt wurde. Sicher, irgendetwas hat nicht funktioniert, doch es ist zu früh, um genau zu sagen, woran es gelegen hat." Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio machte den Betreiber Autostrade per l'Italia für die Tragödie verantwortlich.

Die italienische Regierung rief gestern einen zwölfmonatigen Notstand für die Hafenstadt aus. Er folge damit einer Bitte der örtlichen Behörden, sagte Ministerpräsident Giuseppe Conte. "Wir wollten diesem Treffen einen symbolischen Wert geben", sagte der Premier nach einer Zusammenkunft des Ministerrats. Zudem stelle die Regierung fünf Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung. Conte versprach, einen Kommissar für den Wiederaufbau Genuas einzusetzen. (dpa)


Ex-Fußballprofi stürzte mit Auto in die Tiefe 

Wie durch ein Wunder hat der italienische Ex-Fußballprofi Davide Capello den Brücken-Einsturz von Genua überlebt. Er stürzte am Dienstag beim Zusammenbruch der über 40 Meter hohen Morandi-Brücke mit seinem Auto in die Tiefe. "Ich erinnere mich an die Straße, die nach unten stürzte. Und ich hatte das Glück, dass ich, ich weiß auch nicht wo, gelandet bin", sagte er Reportern im Krankenhaus. Es sei wie eine Szene aus einem apokalyptischen Film gewesen, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Ansa.

Capello spielte beim sardischen Erstligisten Cagliari Calcio, damals noch ein Serie-B-Verein. Mittlerweile arbeitet er für die Feuerwehr. Er selbst habe die Rettungskräfte an der Unglücksstelle informiert und auch seine Familie verständigt. "Es war schockierend", sagte Capello. (dpa)

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