Siegeszug eines Würfels

Vor 40 Jahren war plötzlich ein kleiner, bunter Würfel in aller Hände: Rubik's Cube - der Zauberwürfel! Das Logikspiel trieb seine Benutzer mitunter zur Verzweiflung - auch in der DDR.

Ein dreidimensionales Logikspiel wurde vor 40 Jahren zum Verkaufsschlager- ein in Kästchen unterteilter und in sich drehbarer Würfel, der seitenweise nach Farben sortiert werden musste. Erfinder des launigen Zeitvertreibs war der Ungar Ernö Rubik, ein Architektur-Professor aus Budapest. Deshalb auch der Name des Spiels: Rubik's Cube, Rubik's Würfel, auch Zauberwürfel genannt. Er eroberte zu Zeiten des Kalten Krieges Ost wie West: Rubik's Cube ist eines der meistverkauften Spielzeuge der Welt. Bis heute gingen schätzungsweise 350 Millionen Stück über die Ladentheken.

Bereits 1974 hatte Rubik das knapp 57 Millimeter große Drehpuzzle entwickelt, um das räumliche Denkvermögen seiner Studenten zu trainieren. "Niemand hätte gedacht, dass der Cube so beliebt wird. Er ist ein verbindendes Element, das geografische Grenzen genauso übersprungen hat wie Sprachbarrieren. Jeder kann ihn verstehen", freut sich der heute 75-Jährige.

Sein erster Entwurf bestand aus kleinen Holzblöcken, die untereinander mit elastischen Bändern verbunden waren. Da sie jedoch leicht rissen, experimentierte er auch mit Magneten und einem Schienen-System. Doch auch diese Materialien waren ungeeignet. Schließlich kam er auf die Idee mit einem Mittelstück aus Kunststoff, um das Kanten- und Eckstücke verschoben werden konnten. Besonders lange experimentierte Rubik an dem inneren Mechanismus mit abgerundeten Formen und der exakten Balance zwischen fest und locker.

Der dreidimensionale Würfel besteht aus insgesamt 26 einzelnen Steinen, sechs in der Mitte, zwölf an den Kanten und acht an den Ecken. Jede der sechs verschiedenfarbigen Seiten mit neun Steinen zeigt in der Grundstellung eine einheitliche Farbe. Nach zufälligem Verdrehen des Würfels besteht die Lösung des Puzzles darin, wieder sechs einfarbige Seitenflächen herzustellen. Was auf den ersten Blick als einfach erscheint, entpuppt sich als äußerst kompliziert, denn für die Position der Steine gibt es mehr als 43 Trillionen mögliche Kombinationen.

Schon bald erfreute sich der Würfel auch außerhalb der Universität großer Beliebtheit. 1975 meldete Rubik sein "mechanisches Puzzle" in Budapest zum Patent an, das ihm im Oktober 1976 gewährt wurde. Anfang 1977 kamen erste Rubik-Würfel in den Handel - vorerst jedoch nur in Ungarn. Die Zahl begeisterter Anhänger im Land wuchs schnell, überall in Schulen, Straßenbahnen und Cafés waren Zauberwürfel-Spieler zu sehen. Ungarische Patente durften damals nicht ohne weiteres in den Westen verkauft werden. Dennoch wurde Ende 1979 der britischen Firma "Pentangle" ein Exemplar zugesandt, die eine Lizenz für Großbritannien erwarb. An einen großen wirtschaftlichen Erfolg glaubte kaum jemand.

Anfang 1980 wurde Rubik's Cube auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vorgestellt, kurz darauf auch in London, Paris und New York. Interessenten waren von dem Würfel zwar beeindruckt, er schien jedoch zu abstrakt, kompliziert und intellektuell - und daher wenig massentauglich. Zudem fürchteten mögliche Produzenten, dass seine Herstellung schwierig und teuer werden würde.

Dennoch reisten Vertreter der amerikanischen "Ideal Toy Corporation" nach Budapest und erwarben von der ungarischen Regierung nach fünftägigen Verhandlungen die weltweiten Vertriebsrechte. "Sie rechneten mit einer Million verkaufter Cubes im ersten Jahr. Das war eine optimistische Einschätzung - und ein Riesenfehler zugleich. Denn tatsächlich verkauften sie weltweit im ersten Jahr 30 Millionen", erklärt Rubik. Im Herbst 1981 berichtete auch das DDR-Fernsehen über den Boom. Ungarn-Korrespondent Bernd Niestroj sprach im Wissenschaftsmagazin "Aha" von einer neuen "Massenkrankheit", die von den beliebten, bunten Würfeln ausgelöst worden sei. Aber auch in der DDR selbst erfreute sich der Würfel bald großer Beliebtheit, obwohl es ihn offiziell in den Geschäften nicht zu kaufen gab.

"Ich habe Anfang der 1980er-Jahre in Berlin studiert", erzählt Marion Reimann, Mitarbeiterin beim Deutschen Spielemuseum in Chemnitz, "über Kommilitonen aus Ungarn konnten wir Zauberwürfel bestellen, nach den Semesterferien haben die dann Unmengen davon mitgebracht und sie für 15 DDR-Mark pro Stück verkauft." Bei Studentenfeten gingen sie von Hand zu Hand. Doch die Würfel waren nicht nur unter jungen Akademikern beliebt, nach nicht allzu langer Zeit war beinahe in jedem DDR-Haushalt ein Rubik-Würfel vorhanden. So grassierte auch im Osten Deutschlands bald das "Würfelfieber", die quadratischen Geduldsspiele erfreuten Kinder, Jugendliche und Erwachsene, vor allem Wissbegierige tüftelten ausgiebig daran herum. "Unter den Nutzern gab es verschiedene Gruppen, die ewigen Spieler, die Verzweifelten und natürlich die, denen eine Lösung gelang. Manch neuer Spieler, der einen gelösten Würfel verdrehen und neu lösen wollte, wurde schon mal mit einem ,Fass ihn bloß nicht mehr an, der ist in Ordnung' barsch zur Raison gerufen", erinnert sich Reimann.

Das Problem der Spielzeugindustrie im westlichen Teil der Welt in den ersten zweieinhalb Jahren war nicht, das mechanische Geduldsspiel zu verkaufen, sondern es geliefert zu bekommen. Die Nachfrage stieg in kürzester Zeit rasant von einer Million auf zwei und dann immer weiter. 1981 explodierte sie exponentiell und "Ideal Toy" konnte nicht genug Würfel herstellen. Billige Nachahmungen aus Fernost überschwemmten den Markt.

Im Gegensatz zu anderen Erfindern aus dem damaligen Ostblock wie dem Russen Alexei Paschitnow, der für die Entwicklung des Videospiels "Tetris" jahrelang keinen Rubel gesehen hatte, soll Rubik im Spielebereich der erste Dollar-Millionär hinter dem Eisernen Vorhang geworden sein. Dazu meinte er einmal schmunzelnd: "Von dem Geld habe ich mir lediglich einen Golf I gekauft." 1983 machte er sich selbstständig und entwarf Möbel und Spiele, zurzeit arbeitet er als Professor hauptsächlich an der Entwicklung von Videospielen sowie auf dem Gebiet der Architektur. Die später von ihm erdachten mathematischen Brettspiele und mechanischen Geduldsspiele wie Rubik's Magic oder Rubik's Tangle konnten allerdings nie an den Erfolg des Würfels anknüpfen.

Vor allem Jugendliche litten damals unter dem berüchtigten "Rubik-Arm", nachdem sie stunden- und tagelang gespielt hatten. Verzweifelte Spieler suchten mitunter wochenlang nach einer Lösung. In Zeiten vor dem Internet präsentierte das bundesdeutsche Magazin "Der Spiegel" im Januar 1981 einem breiten Publikum einen Lösungsweg per "Layer-by-Layer"-Methode, bei der drei Ebenen des Würfels nacheinander geordnet werden.

Bereits 1981 fand der Zauberwürfel seinen Weg ins New Yorker Museum of Modern Art. 1982 nahm das Wörterbuch "Oxford English Dictionary" den Begriff "Rubik's Cube" auf. Da war der Höhepunkt des Hypes um den Würfel bereits erreicht und der Markt brach ein - wie die "New York Times" vermutete wegen der aufkommenden Videospiele.

Schon seit vielen Jahren gibt es um den Zauberwürfel verschiedene Wettbewerbe. Die erste Weltmeisterschaft zum Lösen des Würfels fand bereits 1981 in München statt. Beim sogenannten Speedcubing werden von der World Cube Association (WCA) Landes-, Kontinental- und Weltmeisterschaften ausgetragen. Der aktuelle Weltrekord liegt bei sagenhaften 3,47 Sekunden und wurde 2018 von dem Chinesen Yusheng Du aufgestellt. Den Rekord für eine Lösung mit nur einer Hand hält seit letztem Oktober mit 6,82 Sekunden der Amerikaner Max Park. Beim "Blindfold Cubing" mit verbundenen Augen prägen sich die Teilnehmer zuvor die verdrehte Würfelstellung ein, die Bestmarke liegt hier zurzeit bei 15,5 Sekunden, aufgestellt im vergangenen Jahr von Max Hilliard aus den USA. Die meisten Spieler nutzen dafür verschiedene Algorithmen.

Seit Anfang der 1980er-Jahre sind führende Mathematiker weltweit auf der Jagd nach etwas, das sie etwas hochtrabend "God's Number" nennen. Diese "Gotteszahl" gibt die maximal benötigte Anzahl von Zügen an, mit der ein Zauberwürfel aus jeder beliebigen Stellung in seine Ausgangslage zurückgedreht werden kann. Im Juli 2010 bewies der amerikanische Informatiker Tomas Rokicki mit drei Kollegen und gewaltigem Rechenaufwand eines Computers, dass bei richtiger Strategie nie mehr als 20 Züge notwendig sind.

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