Wanderwitz nach Brücken-Unglück in Genua: Wir haben strenge Vorschriften

Baustaatssekretär hält Brückeneinstürze in Deutschland für sehr unwahrscheinlich

Berlin.

Die Katastrophe von Genua lässt die Sorge wachsen, dass auch hierzulande marode Brücken zur Gefahr werden könnten. Alessandro Peduto hat darüber mit dem Baustaatssekretär im Bundesinnenministerium, Marco Wanderwitz (CDU), gesprochen.

Freie Presse: Fahren Sie nach der Katastrophe von Genua mit einem mulmigen Gefühl über deutsche Autobahnbrücken?

Marco Wanderwitz: Nein. Natürlich bin ich mir im Klaren, dass es immer ein Restrisiko geben wird. Denn bei allem, was der Mensch errichtet, können Fehler passieren. Allerdings habe ich Vertrauen, dass die Politik ihre Aufgabe wahrnimmt, um dieses Restrisiko so gering wie möglich zu halten. Hierzu haben wir in Deutschland strenge Vorschriften, die auch zur Anwendung kommen. Da sind wir gut aufgestellt.

Wie sieht das konkret aus?

Es gibt in regelmäßigen Abständen Wartungen der Brücken und Begutachtungen ihres baulichen Zustands. Sobald an diesem Punkt Zweifel aufkommen, werden die Kontrollabstände verkürzt. Im schlimmsten Fall wird die Nutzung einer Brücke zeitweise eingeschränkt oder gänzlich ausgesetzt. Insofern können wir in Deutschland sehr sicher sein, dass Vorfälle wie in Genua bei uns wesentlich unwahrscheinlicher sind. Altersbedingte bauliche Mängel würden bei uns früher erkannt, notfalls würde die Brücke dann für den Verkehr gesperrt.

Die ostdeutschen Straßen und Brücken wurden in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts erneuert. Sind marode Brücken eher ein Problem im Westen?

Was die Investitionen des Bundes anbelangt, ist der Nachholbedarf in den alten Bundesländern in der Tat deutlich größer, ganz klar. Deshalb fließt inzwischen wieder mehr Geld dorthin als unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Probleme in Sachsen und auch in den anderen ostdeutschen Ländern gibt es hingegen bei der kommunalen Infrastruktur. Im Erzgebirge beispielsweise gibt es in etlichen Ortschaften kleine Bäche und Flüsse, wo Brücken in keinem guten Zustand sind. Das führt zu Beeinträchtigungen, aber eben nicht zu schlimmen Unfällen.

Hat es Deutschland versäumt, rechtzeitig zu investieren?

Ja, es gibt einen Sanierungs- und Investitionsstau. Der geht zum Teil auf Zeiten zurück, als Bund, Länder und Gemeinden finanziell weniger gut dastanden als jetzt und man weitgehend auf Verschleiß gefahren ist, ohne zu modernisieren. Das hat sich inzwischen geändert. Allerdings ist jetzt das Problem, dass es im aktuellen Bauboom nicht mehr ausreichend Baufirmen am Markt gibt. Die Kapazitäten haben sich verringert. Gerade große, weltweit tätige Unternehmen sind oftmals ausgebucht. Dadurch bleiben viele Aufträge lange Zeit unerledigt und die Investitionen verzögern sich. Das betrifft auch die Verkehrsinfrastruktur.

Gibt es Anpassungsbedarf, was EU-weite Sicherheitsstandards bei Fernstraßen anbelangt?

Ja, denn sie sind leider nicht in allen EU-Ländern gleich. Das hat zum Beispiel im Juni 2017 der Großbrand eines Londoner Hochhauses gezeigt. Bei der Sanierung wurden Materialien verwendet, die bei uns nicht genehmigt worden wären. Ich finde, die Sicherheit von Menschen ist wahrlich ein gutes Betätigungsfeld für Europa. Vor allem bei Verkehrswegen, die mit EU-Fördergeld unterstützt werden, sollten gleiche Standards gelten.

Marco Wanderwitz 

Der 42-jährige aus Hohenstein-Ernstthal arbeitet seit März als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Dort ist Wanderwitz für die Fachgebiete Bau und Heimat zuständig. Seit 2002 sitzt er für die sächsische CDU im Bundestag. (ape)

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