Warum Nord-Stream 2 für die "Nordlichter" ein Segen ist

International ist die Erdgasleitung hoch umstritten. Doch Orte an der Ostseeküste profitieren von dem Projekt - wie Lubmin.

Lubmin.

Sanft treiben die Wellen etwas schräg gegen den Strand des Ostseebades Lubmin. Von den betonummantelten Stahlrohren der Erdgas-Pipeline Nord-Stream 2, die hier unter dem Meeresboden liegen, ist nichts zu erkennen. Die Empfangsstation, an der die 1230 Kilometer lange Doppelleitung anlandet, liegt außerhalb der 2000-Einwohner-Gemeinde. "Hin und wieder sieht man Verlegeschiffe, aber zunehmend seltener", erzählt eine Spaziergängerin. In den deutschen Gewässern sind die Arbeiten an dem Doppelstrang so gut wie abgeschlossen. Durch die Pipeline soll bereits zum Jahresende das erste russische Erdgas aus der Barentssee strömen.

Doch das 9,5-Milliarden-Euro-Projekt, das vom russischen Energiekonzern Gazprom geleitet wird, ist in Teilen Europas und in den USA nach wie vor hochumstritten. Nord Stream 2 polarisiert wie kein anderes großes Infrastrukturprojekt in der EU. Die Ukraine fürchtet um ihre einträgliche Rolle als Transitland für den Gastransport nach Westeuropa, Polen und die baltischen Staaten warnen vor einer wachsenden Abhängigkeit von Russland.

US-Präsident Donald Trump hat Nord-Stream 2 mehrfach scharf attackiert: Durch Gaskäufe sei Deutschland "ein Gefangener Russlands". Zugleich macht Washington kein Hehl daraus, deutlich mehr in Amerika gefördertes Erdgas - verflüssigt mit Schiffen transportiert - in Europa absetzen zu wollen.

Jetzt hat Manfred Weber, Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei bei der Europawahl, angekündigt, er würde als Chef der EU-Kommission alle Vorschriften anwenden, "um Nord-Stream 2 zu blockieren". Der CSU-Politiker stellt sich damit gegen die Bundesregierung, die das Projekt unterstützt - und erntete damit sowohl bei der SPD als auch in den eigenen Reihen Widerspruch.

Auch in der vorpommerschen Region schlagen seine Baustopp-Pläne hohe Wellen. "Herr Weber setzt sich mit seiner Äußerung in einen bedenklichen Widerspruch zu rechtsstaatlich garantierten Genehmigungsverfahren", sagt Lubmins Bürgermeister Axel Vogt (CDU). "Die Bauaktivitäten der Nord Stream 2 AG erfolgen auf der Basis erteilter einzel- und zwischenstaatlicher Genehmigungen und Abkommen, auf die sich jeder Investor verlassen kann. Alles andere wäre Rechtsbruch." Lediglich Dänemark prüfe noch. Dabei geht es um einen relativ kurzen Verlege-Abschnitt um die Insel Bornholm. Falls bis zum Sommer keine Genehmigung erteilt wird, ist laut dem Unternehmen eine etwas längere Alternativroute geplant.

Für das strukturschwache Vorpommern ist Nord-Stream 2 ein Segen. Das Industriegebiet Lubminer Heide, in dem das größte DDR-Atomkraftwerk seit 1995 zurückgebaut wird, in dem die Gasleitungen Nord-Stream 1 und 2 auf Land treffen, wo das Offshore-Windstromprojekt "Ostwind 1" in Schwung kommt und die entsprechenden Unterseestromleitungen künftig zu einem Umspannwerk führen sollen, ist bereits heute ein wirtschaftlicher Leuchtturm, der in die gesamte Region strahlt. "Seit Fukushima 2011 sind diese Energieprojekte stärker in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit gerückt", berichtet Lubmins Bürgermeister. "Wir empfangen regelmäßig internationale Politik- und Wirtschaftsdelegationen sowie NGOs in Lubmin."

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hatte vergeblich versucht, die Verlegearbeiten auf dem Meeresboden auf dem Klageweg zu verhindern. Denn die Pipeline führt auch durch Schutzgebiete und Seegraswiesen, die als Kinderstube der Meere gelten. Zu möglichen Folgeschäden kann Leonie Nikrandt, die im Nabu-Büro Greifswald für den Meeresschutz zuständig ist, derzeit nichts sagen. "Für eine umfassende Untersuchung fehlen uns die Mittel", bedauert die Biologin.

Vor Ort halten sich die Proteste gegen Nord-Stream 2 ohnehin arg in Grenzen. Selbst als im vergangenen Jahr Hunderte pinkfarbener, giftiger Fettklumpen, die von Verlegeschiff-Baggern stammten, an die Strände des Greifswalder Boddens gespült wurden, gab es nur einen kurzen Aufschrei. Umweltschützer vermuten als einen Grund, dass hier selbst mit der "Russentechnik" - gemeint ist das frühere Atomkraftwerk - und auch mit der Leitung Nord-Stream 1, die seit 2011/12 in Betrieb ist, keine schlechten Erfahrungen gemacht wurden. Zudem sei Gas eben umweltfreundlicher als Kohle.

Seit Baubeginn jedenfalls profitiert die gesamte Region zwischen Greifswald, Wolgast und der Insel Usedom von dem Großprojekt: durch Unterkünfte und Dienstleistungen für die Arbeitskräfte über die touristische Saison hinaus, Serviceleistungen und Umschlag am Lubminer Industriehafen, Aufträge für Handel und Handwerk. Künftig sollen pro Jahr bis zu 55 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas die neue Pipeline nach Europa passieren. In der Betriebsphase erhält Lubmin jährliche Gewerbesteueranteile bei guter Auslastung des Doppelstrangs von ein bis eineinhalb Millionen Euro pro Jahr, hat Bürgermeister Vogt ausgerechnet. Damit eröffnen sich für die Gemeinde ganz neue Handlungsspielräume.

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4Kommentare
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  • 4
    0
    Nixnuzz
    28.04.2019

    @Zeitungss: Danke. Hatte sowas noch im Hinterkopf. Andersrum gedacht: Wozu braucht der Rest der Republik diese Nordstrom II, wenn Bayern glücklich versorgt ist....(oder diese Hochleistungs-Windstrom-Kabel nur auf dem kürzesten Weg ins bayerische Netz angeschlossen werden..)

  • 5
    0
    Zeitungss
    28.04.2019

    @Nixnuzz: Aus dem europäischen Gasverbund, also größtenteils aus Russland. Ich kann mich noch erinnern an die Feierlichkeiten in Bayern, als das erste russische Gas über Transit Österreich dort entzündet wurde, zu sehen damals im bösen Westfernsehen.

  • 6
    0
    Nixnuzz
    27.04.2019

    Woher bezieht eigentlich Bayern sein Erdgas? Welche Rolle spielt hier CSU-Weber? Vertritt er nach aussen Teile der EU-Erdgas-Fraktion oder primär die seiner Landeseigenen Erdgasindustrie? Welche "Geschäfte" kann er im Auftrage von Söder/Seehofer beeinflussen - zugunsten Bayerns? Alles nach dem amerik. Motto: "Bavaria first!" ?

  • 7
    0
    Lesemuffel
    24.04.2019

    Gut, dass Hr. Weber sich bereits vor der EU-Wahl geoutet hat und die für unsere Energieversorgung wichtige Erdgas Trasse sofort stoppen wird, falls er als Kommissionspräsident gewählt wird. Fazit: Wer sichere, stabile Gasversorgung möchte, kann natürlich Weber bzw. die ihn stützende Gruppierung nicht wählen.



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