Wenn Frauen Männer schlagen

Mehrmals war der Mann im Krankenhaus. Nie traute er sich zu sagen, woher seine Verletzungen kamen. Immer war er "die Treppe heruntergefallen". Der Mann, den seine Frau geschlagen hat, lebt in Sachsen. Drei Männerschutzwohnungen gibt es hier - drei von insgesamt fünf in Deutschland.

Darüber wird oft nicht gesprochen. Die Opfer empfinden Scham. Die Politik zeigt meist Desinteresse. Im vergangenen Jahr hat das "Bundesforum Männer" die Haltung verschiedener Parteien zu Themen des Männerschutzes analysiert, mit dem Ergebnis: "Eigentlich hat nur die AfD sich damit beschäftigt - und die hat das Thema auch nur für ihren Kampf gegen den Feminismus missbraucht", erklärt der Sozialwissenschaftler Hans-Joachim Lenz.

Von Alisa Sonntag

Gibt man bei Google "Männerschutz in Deutschland" ein, glaubt die Suchmaschine, man habe sich vertippt. Sie schlägt Ergebnisse zum Thema "Mutterschutz" vor. Ein ironisches Beispiel, das dennoch zeigt, welche Rolle Männerschutz in Deutschland spielt: eine sehr kleine. Den 353 Frauenhäusern in der Bundesrepublik stehen fünf Männerschutzwohnungen gegenüber.

Betroffene Männer wissen häufig nicht, wohin sie sich wenden können. In vielen Regionen gibt es schlichtweg keinerlei Ansprechpartner. Sachsen ist das einzige Bundesland, das Männerschutz institutionell fördert und damit bundesweiter Vorreiter ist: Hier gibt es in Dresden, Leipzig und Plauen Männerschutzvereine und -wohnungen.

Ein ehemaliges Opfer häuslicher Gewalt in Sachsen hat es sich zur Aufgabe gemacht, anderen Männern den Ausstieg aus gewalttätigen Beziehungen zu erleichtern. Der Mann, nennen wir ihn Herrn Müller, möchte anonym bleiben, aus Angst, seine Ex-Frau könnte etwas von seinem Engagement erfahren - und versuchen, es zu unterbinden.

Indem er seine Geschichte erzählt, macht er sich verwundbar. Müller tut es trotzdem, weil, wie er sagt, "der Männerschutz in meinem Leben immer kompromisslos an erster Stelle stehen wird". Mit seiner Öffentlichkeitsarbeit will er zu einem Umdenken in der Gesellschaft beitragen, dass Männerschutz zur Gleichberechtigung dazugehöre.

Wer das Schicksal des Herrn Müller kennt, versteht, warum das nötig ist: Mehrmals war der Mann im Krankenhaus, teilweise sogar mit gebrochenen Gliedmaßen. Nie traute er sich zu sagen, woher die Verletzungen kamen. Immer war er "die Treppe heruntergefallen". Dass Opfer häuslicher Gewalt sich meist nicht trauen, außerhalb ihrer Beziehung die Wahrheit zu sagen und von ihren gewalttätigen Partnern zu flüchten, hat verschiedene Gründe.

Wer Müllers Geschichte hört, erkennt schnell einen davon: Viele Täter stellen eine Abhängigkeit zwischen dem Opfer und sich her. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass die Opfer immer weniger Kontakt mit ihrer Familie und ihren Freunden haben. Oder, wie im Fall des Herrn Müller: Sie machen die Opfer finanziell von sich abhängig.

Als er seine Ex-Frau kennenlernte, erkannte er zuerst nicht, was für eine Frau "diese Frau" war, wie er sie heute nennt. Sie brachte ihn dazu, sein Gehalt und seine Ersparnisse auf ein Gemeinschaftskonto zu überweisen - "weil es so einfacher war". Doch zu dem Konto hatte nur sie Zugang. Brauchte Müller etwas, musste er fragen.

Einen weiteren Grund, warum es vor allem Männern schwerfällt, sich aus gewaltsamen Beziehungen zu lösen, nennt Hans-Joachim Lenz. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich vor allem mit der Rolle von Männern in der Gesellschaft. Lenz sagt: "Wir leben in einer Kultur, in der männliche Verletzlichkeit nur verdeckt existiert. Sie darf nicht gesehen werden." Aber solange Männlichkeit nur mit Stärke verbunden würde, könne man das Thema "Gewalt gegen Männer" nicht angehen. Es drehe sich deswegen um eine viel tiefere Frage, nämlich um die, wie viel Verletzlichkeit eine Gesellschaft Männern zugestünde.

Müller hat Erfahrungen gemacht, die bestätigen, was Lenz sagt. Häufig reagierten Menschen auf seine Erzählungen alles andere als verständnisvoll. Als er beispielsweise einem großen bundesweiten Onlinemedium seine Geschichte erzählte, fanden sich unter dem Artikel auch viele negative Kommentare. Ein Nutzer schrieb, er sei Polizist aus Nürnberg - und für solche "Weicheier, die sich von ihren Frauen schlagen lassen", habe er kein Verständnis. "Und das sagt ausgerechnet ein Polizist!", kommentiert Müller. Auf die müssten sich schließlich auch männliche Opfer häuslicher Gewalt verlassen können. Reaktionen wie diese, sagt er, machten es Betroffenen schwer, sich aus den gewaltsamen Partnerschaften zu lösen. Der Mann will die Gesellschaft sensibilisieren: "Ich will, dass die Leute sich bewusst werden, dass eine nach außen heile Welt häufig alles andere als heil ist."

Laut Sozialforscher Lenz ist das Problem häuslicher Gewalt an Männern weiter verbreitet, als es teilweise den Anschein hat. Leider gebe es zu häuslicher Gewalt an Männern in Deutschland keine so umfangreichen Studien, wie das bei Frauen der Fall sei. Fundierte Aussagen darüber seien deswegen nicht möglich.

Seine private These sei jedoch, dass die Gewalt an Männern der Gewalt an Frauen in nichts nachstehe. "Das", sagt der Forscher, "bestätigen auch Studien aus anderen europäischen Ländern, in denen sich das Verhältnis zwischen häuslicher Gewalt an Männern und der an Frauen in Richtung Gleichmaß bewegt." Auch laut Polizeistatistik ist der Anteil männlicher Gewaltbetroffener gestiegen. "Die Polizeistatistik ist aber nur begrenzt aussagekräftig, denn sie gibt nur die gemeldeten Fälle wieder", ordnet Lenz das ein.

Dass es zur Gewalt an Männern in Deutschland weniger wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gibt als zur Gewalt an Frauen, dahinter vermutet Lenz politische Gründe. "In den Parteien gibt es für das Thema einfach kein Bewusstsein", glaubt der Forscher. Zur Wahl 2017 habe das "Bundesforum Männer" die Haltung verschiedener Parteien zu Themen des Männerschutzes analysiert, mit dem Ergebnis: "Eigentlich hat nur die AfD sich damit beschäftigt - und die hat das Thema auch nur für ihren Kampf gegen den Feminismus missbraucht."

"Es braucht Personen, die sich des Themas annehmen", sagt auch Petra Köpping, die sächsische Ministerin für Gleichstellung und Integration. Sie glaubt, dass die wichtigste Ursache dafür, dass Sachsen im Verhältnis zum Rest Deutschlands umfangreiche Männerschutzangebote hat, das Engagement der Männerschützer ist. In Sachsen gibt es eine Landesfachstelle für Männerarbeit.

Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt existiert nicht einmal eine Beratungsstelle speziell für Männer. Die einzige Stelle, die dort Männer betreut, ist die Täterberatung. Im thüringischen Gera hatte der private Männerschutzverein "Gleichmaß" bereits 2016 eine Männerschutzwohnung aufgebaut. Obwohl die lokale Politik Unterstützung zugesichert hatte, blieb diese aus. So musste nicht nur die Wohnung geschlossen werden - auch der Verein insgesamt gab seine Arbeit auf.

Anders die Situation in Sachsen: Seit Petra Köpping im Amt ist, hat sich die finanzielle Ausstattung für Schutzhäuser in Sachsen auf eine Million Euro verdoppelt. Erst das hat die Dresdner und die Leipziger Männerschutzwohnung als Pilotprojekte überhaupt möglich gemacht. "Ich bin ja keine Frauenministerin", betont Köpping, "sondern Gleichstellungsministerin." Sie sei für beide Geschlechter da.

Der Sozialwissenschaftler Hans-Joachim Lenz vermutet noch eine andere Ursache hinter den vergleichsweise intensiven Männerschutzbemühungen im Freistaat: "Nach der Wende wurde deutlich, dass in der früheren DDR Gleichstellung nicht so ideologisch aufgeladen war wie in der BRD." Im Westen habe das Paradigma geherrscht, dass Männer in ihrer Macht eingeschränkt und Frauen geschützt werden müssten. Im Osten dagegen habe man Gleichberechtigung meist ganz selbstverständlich und alltäglich gelebt. Das käme den neuen Bundesländern nun zugute. "Wir müssen überall Männern und Frauen die gleiche Schutzbedürftigkeit zugestehen und dürfen sie nicht gegeneinander aufwiegen", so Lenz.

Die Auslastung der Männerschutzwohnungen in Leipzig und Dresden gibt der sächsischen Politik recht. 2017 haben laut Petra Köpping in der Leipziger Männerschutzwohnung sieben Männer und vier Kinder gewohnt, 2018 seien es bisher - in der Mitte des Jahres - schon sieben Männer und drei Kinder gewesen. In Dresden hätten 2017 elf Männer und zehn Kinder gewohnt, 2018 seien es bisher vier Männer mit vier Kindern.

"Für den Schutzbereich", ordnet Köpping die Zahlen ein, "ist das eine sehr hohe Auslastung." Deswegen plane sie auch ab Dezember, wenn der Doppelhaushalt für 2019/2020 beschlossen sei, eine weitere Männerschutzwohnung in Chemnitz. Für Betroffene sei räumliche Nähe wichtig, damit sie nicht ihr gesamtes soziales Umfeld und möglicherweise auch ihre Arbeitsstelle aufgeben müssten.

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