Weshalb man in Berlin einen Bandenkrieg befürchtet

In einem Kugelhagel wurde er schwer verletzt. Kurz darauf starb Nidal R. Der 36-Jährige war polizeibekannt und Clanmitglied.

In der Tür eines Eiswagens in Berlin-Neukölln ist ein Einschussloch zu sehen (unten links, markiert durch die Zahl 1). Dort wurde ein Mann am vergangenen Sonntag durch Schüsse lebensgefährlich verletzt.

Von Peter Gärtner

In Berlin wächst die Sorge vor Bandenkriegen zwischen deutsch-arabischen Großfamilien. Im Bezirk Neukölln - am Rand des Tempelhofer Feldes - wurden am vergangenen Sonntagnachmittag auf den 36-jährigen Nidal R. mehrere Schüsse abgegeben. Der Angriff auf das stadt- und polizeibekannte Clanmitglied kam einer Hinrichtung gleich: Die Tat auf belebter Straße soll sich vor den Augen der Kinder und der Frau des Opfers an einem Eiswagen ereignet haben.

Danach seien laut Polizei mehrere Unbekannte mit einem Auto geflüchtet - bislang soll es noch keine "heiße Spur" zu den Tätern geben. Rettungssanitäter reanimierten den Mann, der dann am späten Abend im Benjamin-Franklin-Klinikum seinen schweren Verletzungen erlag. Vor dem Krankenhaus versammelten sich rund 150 Menschen, mutmaßlich Angehörige und Freunde des Opfers, die um Nidal R. trauerten und zu ihm wollten.

Die Polizei war mit schwerbewaffneten Kräften vor Ort und hatte getwittert: "Bitte kommen Sie nicht zum Krankenhaus, es darf heute Nacht niemand zu ihm." Vor der Notaufnahme kam es gleichwohl zu tumultartigen Szenen. Einige Personen aus der aufgebrachten, wütenden Menge sollen ein RBB-Fernsehteam bedroht haben, weil sie nicht gefilmt werden wollten. Andere blockierten zeitweise die Zufahrt zur Rettungsstelle des Krankenhauses. Erst als die Polizei einen Großeinsatz einleitete, beruhigte sich die Lage.

Der Ermordete ist einer der berüchtigsten Intensivtäter der organisierten Kriminalität in der Hauptstadt. R. kam als Kind 1990 aus dem Libanon nach Berlin. Noch bevor er mit 14 Jahren strafmündig wurde, hatte der Junge schon Dutzende Einträge in der Polizeiakte. Häufig fiel er auch als rücksichtsloser Autoraser auf. Er soll in zahlreiche typische Bandendelikte wie Drogenhandel, Erpressung und Körperverletzung verwickelt gewesen sein und saß mehrfach im Gefängnis. Erst vor wenigen Monaten hatte er eine Haftstrafe verbüßt.

Immer wieder hatte seine Familie Streit mit anderen Clans. Bereits 2010 soll schon einmal auf ihn geschossen worden sein. Kürzlich soll sich R. mit Arafat Abou-Chaker, dem Ex-Partner des Rappers Bushido, verbündet haben und - in diesem Zusammenhang - in eine Auseinandersetzung mit einem anderen "Geschäftsmann" geraten sein. In den letzten Wochen hatten die Berliner Sicherheitsorgane den Verfolgungsdruck auf kriminelle Clanstrukturen deutlich erhöht.

"Wir dulden keine rechtsfreien Räume", erklärte die neue Polizeipräsidentin Barbara Slowik. Es gab mehrere Durchsuchungen, Ermittlungen gegen 16 Clanmitglieder und die Beschlagnahme von Immobilien in großem Stil. Ermittler gehen davon aus, dass der Mord mit den Konflikten innerhalb der deutsch-arabischen Großfamilien zu tun hat, die zuletzt eskaliert sind.

Mehrfach wurden bei den seit längerer Zeit schwelenden Auseinandersetzungen Überfälle registriert. Nach den tödlichen Schüssen vom Sonntag wird befürchtet, dass es zu Racheakten kommen könnte.

0Kommentare Kommentar schreiben