"Ziemlich nah dran": Menschen in Limburg nach Crash betroffen

Ein Syrer hat den Zusammenstoß eines Lastwagens mit mehreren Autos offenbar vorsätzlich herbeigeführt.

Limburg.

Ungebremst steuert der 32-Jährige den gestohlenen Lastwagen in Autos, die an einer Kreuzung im hessischen Limburg stehen. Dann steigt er - noch ganz benommen - aus dem Führerhaus. Dass er im Chaos nach dem Crash nicht fliehen kann, ist einer Gruppe junger Polizeianwärter zu verdanken, die im benachbarten Diez gerade ihre Ausbildung absolvieren.

Die Bundespolizisten - elf Männer und eine Frau - haben an diesem Montagnachmittag frei, sie sind in Zivil unterwegs. Drei von ihnen halten den Syrer fest. Er versucht vergeblich, sich ihnen zu entwinden. Dann informieren die Polizeianwärter die hessischen Kollegen und helfen den Verletzten.

Am Tag nach den dramatischen Ereignissen von Limburg zeugt nur noch ein rot-weißes Absperrband im Mülleimer davon, was hier an der Kreuzung geschehen ist. Der Verkehr rollt am Dienstagmorgen wie immer über die vielbefahrene Hauptstraße. Doch die Betroffenheit bleibt. "Man denkt immer, so etwas passiert weit weg. Diesmal war es ziemlich nah an uns dran", sagt ein 59 Jahre alter Geschäftsmann über den Vorfall.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler soll der syrische Flüchtling den Fahrer des Firmenlastwagens mit Gewalt aus dem Führerhaus gezogen und sich dann selbst hinters Steuer gesetzt haben. Der "Frankfurter Neuen Presse" sagte der Lkw-Fahrer, als er vor einer roten Ampel wartete, habe der Unbekannte die Fahrertür des Lasters aufgerissen und ihn mit weit geöffneten Augen angestarrt. "Was willst du von mir?", habe er den Mann gefragt. "Aber er hat kein Wort geredet. Ich habe ihn noch mal gefragt. Dann hat er mich aus dem Lkw gezerrt." Der Syrer setzte sich selbst ans Steuer - und nach nur wenigen Metern Fahrt rammte er acht Autos.

Der Crash ging glimpflicher aus als zunächst angenommen: Die Polizei sprach anfangs von 17 Verletzten, darunter der Lkw-Fahrer, korrigierte die Zahl schließlich auf insgesamt neun. Alle wurden nur leicht verletzt. Allerdings sollen auch die drei Polizeimeisteranwärter, die den Tatverdächtigen festnahmen, dabei leichte Verletzungen erlitten haben.

Zum Glück sei nicht mehr passiert, sagt ein 66-jähriger Limburger. "Ich bin selbst jahrelang Lastwagen gefahren. Ich weiß, welche Wucht die haben." Er vermutet, dass der Mann hinterm Steuer vielleicht nicht wusste, wie man einen Lastwagen fährt. Und er fragt sich ebenso wie die Ermittler, was hinter dem Vorfall steckt.

Polizei und Staatsanwaltschaft halten sich am Dienstag mit der Veröffentlichung von Details noch zurück - und mit einer Einschätzung, ob es sich womöglich um einen Terrorakt handeln könnte. Es werde in alle Richtungen ermittelt, teilt die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main mit. Insbesondere zum Tatmotiv könnten derzeit aber noch keine Angaben gemacht werden.

"Wenn das kein Vorsatz war", meint der 59-jährige Geschäftsmann in seinem Laden in der Limburger Altstadt. Ein "einfacher Unfall" könne das doch nicht gewesen sein, wenn man zuvor einen Lkw kapere. Der 66-Jährige dagegen meint: "Solange man nicht genau weiß, was passiert ist, ob es einen terroristischen Hintergrund gibt oder nicht, kann man eigentlich nichts dazu sagen."

Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) formuliert in seinem Dankesschreiben an die jungen Bundespolizisten vorsichtig: "Nach allem, was wir derzeit wissen, müssen wir wohl davon ausgehen, dass der Tatverdächtige dies vorsätzlich getan hat."

Auch wenn die Ermittlungen zu den Hintergründen noch laufen - der Fall weckt Erinnerungen an Vorfälle wie das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016. Der tunesische Islamist Anis Amri steuerte damals einen gekaperten Lastwagen auf den Platz an der Gedächtniskirche - zwölf Menschen starben bei dem Attentat, viele weitere wurden verletzt.

Man denkt aber auch an die Amokfahrt von Münster: Im April 2018 tötete Jens R. mit einem Kleinbus vier Menschen in der Altstadt, verletzte mehr als 20 Personen teilweise lebensgefährlich - und erschoss sich anschließend.

Wie der Tatverdächtige von Limburg, so war auch Amri zuvor als Kleinkrimineller aufgefallen. Doch anders als der Mann, der jetzt in Hessen befragt wird, hatte der Tunesier intensive Kontakte zu radikalen Islamisten im In- und Ausland. Der 32-jährige Syrer ist für den Verfassungsschutz und die Staatsschutz-Abteilung der Polizei dagegen ein unbeschriebenes Blatt.

In der Nacht zum Dienstag durchsuchte die Polizei die Wohnung des Verdächtigen im südhessischen Langen - rund 80 Kilometer von Limburg entfernt. An der Aktion war laut Polizeipräsidium Südosthessen ein Spezialeinsatzkommando beteiligt. Eine weitere Wohnung eines Familienangehörigen wurde im Kreis Limburg-Weilburg durchsucht. Es seien unter anderem Mobiltelefone und USB-Sticks sichergestellt worden. Bei dem Familienangehörigen soll es sich Ermittlerkreisen zufolge um den Cousin des 32-Jährigen handeln. Der tatverdächtige Syrer hat sich nach derzeitigem Stand vor der Tat bei ihm aufgehalten; der Cousin sei am Montag ebenfalls in Tatortnähe gewesen.

Der Bürgermeister von Limburg, Marius Hahn (SPD), hofft unterdessen auf eine schnelle, vollständige Aufklärung des Vorfalls. "Man spürt eine Verunsicherung in der Bevölkerung", sagt er. Hundertprozentige Sicherheit gebe es nie. "Gegen Einzeltäter ist niemand gefeit." (dpa/fp)

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