Pöbelnde Demonstranten stören Einheitsfeier

Gespaltenes Dresden am Tag der Einheit: Während tausende Demonstranten einem Pegida-Aufruf folgen, ruft die Staatsspitze zu Respekt und Weltoffenheit auf. Bundestagspräsident Lammert hält eine Ruck-Rede gegen Unzufriedenheit und Schwarzmalerei.

Dresden (dpa) - Pöbelnde Demonstranten haben die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit in Dresden gestört. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprachtrotzdem von einem Tag der Freude und Dankbarkeit und rief zu gegenseitigem Respekt auf.

Bundestagspräsident Norbert Lammert warb beim Festakt in der Semperoper für ein weltoffenes, vielfältiges und optimistisches Deutschland. «Wir leben in Verhältnissen, um die uns fast die ganz Welt beneidet», sagte er.

Die Kanzlerin, Bundespräsident Joachim Gauck und andere Gäste wurden vor dem Festakt von mehreren hundert Demonstranten beschimpft und angepöbelt, darunter vor allem Anhänger des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses. Sie riefen «Volksverräter», «Haut ab» und «Merkel muss weg». Auch Trillerpfeifen ertönten. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) brach in Tränen aus, als sie durch die aufgebrachte Menge ging.

Nach dem Festakt nahmen 4000 bis 5000 Menschen an einem Pegida-Aufmarsch quer durch die Stadt teil. Zu Zusammenstößen mit Gegendemonstranten kam es dabei nicht. 2600 Polizisten waren im Einsatz.

Merkel ging in einer kurzen Stellungnahme am Rande des Festaktes nicht direkt auf die Störer ein, rief aber zur Dialogbereitschaft auf. 26 Jahre nach der Wiedervereinigung gebe es neue Probleme, sagte sie. «Und ich persönlich wünsche mir, dass wir diese Probleme gemeinsam, in gegenseitigem Respekt, in der Akzeptanz sehr unterschiedlicher politischer Meinungen lösen und dass wir auch gute Lösungen finden.»

Nach einem ökumenischen Gottesdienst in der Dresdner Frauenkirche fand die zentrale Feier in der Semperoper statt. Die Festrede hielt Bundestagspräsident Lammert, der von den Deutschen vor allem mehr Selbstbewusstsein, Optimismus und Zufriedenheit mit dem Erreichten verlangte. «Das Paradies auf Erden ist hier nicht. Aber viele Menschen, die es verzweifelt suchen, vermuten es nirgendwo häufiger als in Deutschland», sagte der CDU-Politiker mit Blick auf die hunderttausenden Flüchtlinge im Land.

Lammert monierte, dass die Deutschen das Bild ihres eigenen Landes viel zu negativ zeichneten. «Wir können und dürfen durchaus etwas mehr Selbstbewusstsein und Optimismus zeigen», sagte er. Deutschland könne sich «durchaus eine kleine Dosis Zufriedenheit» erlauben, wenn nicht sogar ein Glücksgefühl. Das heutige Deutschland sei sicher nicht perfekt, aber in besserer Verfassung als je zuvor.

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) warnte in seiner Rede vor den Gefahren des Populismus. «Beschämt erleben wir, dass Worte die Lunte legen können für Hass und Gewalt», sagte der Bundesratspräsident. «Das ist menschenverachtend und zutiefst unpatriotisch. Dem stellen wir uns alle entgegen.»

Bereits am Sonntag sorgten ein Brandanschlag auf drei Polizeifahrzeuge sowie Pöbeleien gegen Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) für Aufregung. Vor einer Woche hatten Unbekannte Sprengstoffanschläge auf eine Moschee und das Kongresszentrum verübt, wo am Montagnachmittag der Empfang des Bundespräsidenten stattfand. Merkel traf am Montag am Rande der Feierlichkeiten die Familie des Imams der Moschee.

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2Kommentare
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  • 1
    0
    Interessierte
    06.10.2016

    Ich kann mich auch noch an ´vor 27 Jahren` erinnern , damals , als die pöpelnde Masse ( von vorrangig in der DDR nicht erwünschten , diskreditierten und somit unzufriedenen Christen und mit aufgefangenen , jungen , musikliebenden , beeinflussten , mitgenommenen und somit jubelnden Atheisten und dazu noch mit einigen eingeladenen , lautstarken Gästen aus dem Westen ) auf den Straßen demonstrierten und riefen : "Honecker muß weg!"

    Und das wurde damals von westlicher Seite her bejubelt und gefeiert und letztendlich wurde von den zwei Machern dann noch ein Glas drauf getrunken ?

    Nur ist der damals gegangen , freiwillig zurück getreten !
    Aber ein Frau Merkel scheint das gar nicht zu interessieren , die steht über der Sache und macht ihren Stiefel weiter wie gewohnt !

    Wobei ich sagen muß , dass sie für diese Situation recht bedacht reagiert hat und wohl doch noch das Gefühl und die Seele der Ostdeutschen nicht ganz vergessen hat ...

  • 6
    1
    gelöschter Nutzer
    04.10.2016

    Tja, vor 27 Jahren mit dem Blick aus dem Westen in den Osten fand man derartige Aufstände völlig legitim und längst überfällig. Genauso bejubelt man in Ländern mit unbeliebten Politikern (sprich: mit dem Westen keiner nützlichen Politik) Volksaufstände und Demonstrationen.
    Wenn es ans eigene Leder geht, dann sieht die Sache ganz plötzlich anders aus; nicht begreifen wollend, dass sich die politisch-mediale Kaste und deren Politik schon längst vom Volk entfernt hat. Jetzt findet man das plötzlich überhaupt nicht mehr in Ordnung.
    Und so werden aus Protestierenden je nach Sichtweise entweder Aktivisten und Demonstranten oder eben nur Pöbler.
    solange die (eigenen) Politiker und die (inländischen System-)Medien diese Menschen als Pöbler bezeichnet, machen die alles richtig.



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