40 Prozent der unverbrauchten Arzneimittel landen im Klo

Der 25. südsächsische Wassertag hat sich gestern mit einem besonders heiklen Problem befasst: den Spuren- und Mikroschadstoffen im Trink- und Abwasser. Müssen Klärwerke künftig aufrüsten oder lassen sich die Verursacher in die Pflicht nehmen?

Chemnitz.

Wohin mit nicht aufgebrauchten Medikamenten? Eine Frage, die sich viele Bürger stellen und die angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung an Aktualität gewinnt. Derzeit würden 40 Prozent der Restarzneien im Klo landen, sagte gestern Gunda Röstel, kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden GmbH. Sie moderierte auf dem 25. südsächsischen Wassertag in Chemnitz eine Diskussionsrunde über den Umgang mit Spuren- und Mikroschadstoffen im Wasser. Für sie steht fest: Der Anteil solcher Stoffe wird in entwickelten Ländern wie Deutschland weiter zunehmen.

Für den Wissenschaftler Josef Klinger, Geschäftsführer des Technologiezentrums Wasser Karlsruhe des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches, hängen die Spurenstoffe eng mit dem hohen Lebensstandard in Deutschland zusammen. "Wir sind mit 80 Millionen Einwohnern die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. In Deutschland werden 30.000 Chemieprodukte hergestellt." Aktuell seien 45 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen, deren Reifenabrieb erheblich ist. Allein am Flughafen Frankfurt am Main gebe es bis zu 1500 Flugbewegungen pro Tag. "Wir haben es also in Größenordnungen mit Industriechemikalien, Korrosionsschutzmitteln, Pflanzenschutzstoffen, künstlichen Süßungsmitteln, aber auch Biozid- und Pestizidwirkstoffen aus der Landwirtschaft zu tun."

Wasser habe in Deutschland eine gute Qualität, aber es unterliege eben auch diesen negativen Einflüssen. "Die Natur unserer Sehnsucht gibt es nicht mehr", sagte Klinger. "Wir fordern reines Trinkwasser. Dem widerspricht aber unser tägliches Verhalten." Für den Experten aus Karlsruhe ist die Wasserqualität nicht schlechter geworden, sondern es könne heute vielmehr jeder Stoff nachgewiesen und gemessen werden. "Insofern haben wir das bestkontrollierte Lebensmittel."

Die sogenannte Rohwasserdatenbank verweist auf 253 Pflanzenschutzmittel und 26 Metaboliten (Zwischenprodukte in einem meist biochemischen Stoffwechselweg). Das sei ein Ausmaß an Spurenstoffen, das zum Handeln zwinge, sagte Klinger. Denn: "33 Wirkstoffe und 12 Metaboliten stimmen bedenklich." Weit vorn rangierten zum Beispiel Röntgenkontrastmittel, die im Rhein festgestellt wurden, dessen Wasser zum Teil zu Trinkwasser aufbereitet wird. Es gebe Vorsorgewerte, Orientierungswerte, Leitwerte und Maßnahmewerte. "Wir brauchen aber vor allem einheitliche Bewertungsgrundlagen sowie eine Balance zwischen sachlicher und emotionaler Diskussion in diesen oft überhitzt diskutierten Fragen."

Klinger forderte daher, "an die Quellen zu gehen". Das beginne bei den Verpackungsgrößen für Arzneimittel. Auch eine Rücknahmepflicht für Apotheken wird von vielen Seiten gefordert, ebenso die Herstellung umweltverträglicher Medikamente. Nicht umhin komme man laut Klinger um ein Verwendungsverbot für bestimmte Stoffe in der Landwirtschaft. "Eine Zusammenarbeit aller, vom Produzenten bis zum Nutzer, ist notwendig, um den Gehalt an Spurenstoffen im Wasser zu senken. Grundsätzlich werden sie aber immer vorhanden sein." In einigen Gebieten sei daher auch eine vierte Reinigungsstufe in Großkläranlagen zur weiteren Reinigung des behandelten Abwassers unumgänglich.

Wie der Leiter der Abteilung Umweltschutz in der Landesdirektion Sachsen, Frank Drechsel, berichtete, läuft in Sachsen genau dazu ein auf drei Jahre angelegtes Pilotprojekt: an den drei Großkläranlagen Dresden, Chemnitz und Plauen. Unter maßgeblicher Beteiligung der TU Dresden gehe es um die Frage, was wird eingeleitet, ist eine zusätzliche Aufbereitung nötig und was würde das kosten? Aber auch der Umgang mit den Verursachern - vom Hersteller bis zum Bürger - werde beleuchtet.

"Wir suchen nicht nach diesen Stoffen, um uns neue Probleme zu schaffen, sondern wir wollen wissen, was in unserem Trinkwasser enthalten ist", betonte der scheidende Geschäftsführer des Zweckverbandes Fernwasser, Peter Rebohle. Zugleich kritisierte er, dass ein Großteil der Wasserdargebote in Deutschland - Trinkwassertalsperren ausgenommen - nicht unter dem notwendigen Schutz stünde.

Urgestein der Wasserwirtschaft geht in den Ruhestand

Nach 40-jähriger Tätigkeit in Wasserversorgungsunternehmen der Region ist gestern auf dem Wassertag der Chemnitzer Peter Rebohle in den Ruhestand verabschiedet worden. Der gebürtige Thüringer und an der TU Dresden promovierte Wasserwirtschaftler hatte unter anderem den Hut auf für die Neuordnung der kommunalen Wasserwirtschaft in Südwestsachsen nach der Wende. Ab 1994 war er dann als Geschäftsführer der Südsachsen Wasser GmbH tätig und zugleich Betriebsführer des kommunalen Zweckverbandes Fernwasser Südsachsen. Die gesamte Trinkwasserversorgung zwischen Vogtland und Mittelsachsen ist daher untrennbar mit seinem Namen verbunden, wie gestern der Präsident der Landesdirektion Sachsen, Dietrich Göckelmann, betonte.

Zum Verantwortungsbereich Rebohles gehören neun Wasserwerke, in denen Talsperrenwasser zu Trinkwasser aufbereitet und zu 200 Abgabestellen der acht großen regionalen Versorger über Fernleitungen gefördert wird. Die vorerst letzte Großinvestition auf diesem Gebiet - die Erneuerung der Rohrleitung vom Wasserwerk Burkersdorf, elf Kilometer entfernt von der Talsperre Eibenstock bis nach Chemnitz - soll im August abgeschlossen sein. Zu 75 Prozent beziehen die Bürger zwischen Plauen und Freiberg ihr Trinkwasser heute aus Talsperren. Für den 66-jährigen Rebohle ist es nicht zuletzt wegen seiner guten Qualität "das neue Silber des Erzgebirges". Über viele Jahre war der Chemnitzer auch ehrenamtlich in leitender Funktion im Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft tätig. Seine Nachfolge hat die bisherige Prokuristin der Südsachsen Wasser GmbH, Ute Gernke, angetreten. (gt)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 6
    0
    gelöschter Nutzer
    01.06.2016

    Zitat Dirk C. Fleck:
    ?Wir reden über alles mögliche, nur nicht darüber, dass wir seit Jahrzehnten in unser Wohnzimmer (gemeint ist die Erde) urinieren; und nicht etwa unsere Lebensweise hinterfragen, sondern allein über die Saugfähigkeit des Teppichs diskutieren!?
    >>> http://www.alwins-blog.de/?p=17236



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...