Acht bis zehn Eimer Wasser pro Woche - so retten Sie die Bäume in Ihrem Kiez

Angesichts zunehmender Trockenheit rufen Kommunen, private Initiativen und Umweltschützer dazu auf, die Bäume vor der Haustür zu wässern. Bundesweit testen die Kommunen derzeit knapp 40 Baumarten, die gut mit trockenen und schwierigen Standorten zurecht kommen.

Dreimal in der Woche füllt Uwe Buckendahl seine beiden roten und gelben Gießkannen und macht sich auf den wenige hundert Meter langen Weg zu «seiner» Linde. Der 20 Meter hohe Baum steht ganz in der Nähe von Straßenbahngleisen am Marktplatz in Leipzig Lindenau und sieht gesund aus. Schließlich bekommt der Laubbaum seit einiger Zeit regelmäßig Wasser - dank des 69 Jahre alten Baumgießers Buckendahl. 2019 hörte der ehemalige Schulleiter und Geografielehrer von der Aktion «Gieß den Kiez» der Leipziger Stiftung «Ecken wecken» zur Rettung der Bäume in der Stadt. Seither schleppt er regelmäßig Wasser.

«Man sollte nicht immer nur meckern und fordern, sondern auch selbst Verantwortung übernehmen. Ich will es in meinem Kiez doch schön haben», sagt der 69-Jährige. Sorgfältig umkreist er mit dem Wasserstrahl aus der Gießkanne den Baum und versorgt ihn mit dem Nötigsten. Oft wird er von Fahrgästen angesprochen, die aus der Straßenbahn aussteigen. Dann erzählt er gerne von seinem Hobby, Bäume in seinem Viertel zu retten.

Damit ist Buckendahl nicht allein. Vielerorts rufen angesichts zunehmender Trockenheit Kommunen, private Initiativen und Umweltschützer dazu auf, die Bäume vor der Haustür zu wässern. Laut Naturschutzbund BUND ‎gibt es in mehreren Städten «Gießgruppen» - etwa in Berlin, Köln oder Frankfurt am Main. Hilfe ist aus Expertensicht auch dringend nötig. «Die Trockenheit wirkt sich verheerend auf die Stadtvegetation ‎aus», sagt Christian Hönig, Referent für Baumschutz beim BUND Berlin.

Er empfiehlt, einmal pro Woche acht bis zehn Eimer Wasser pro Baum. «Mit dem ersten Eimer vorsichtig angießen bis sich die ‎Bodenporen öffnen und das Wasser aufnehmen und dann gießen bis ‎die Pflanzgrube gesättigt ist.‎» Junge Bäume könnten auch öfter gegossen werden. Erste Anzeichen, dass die Bäume unter Trockenheit leiden: Sie rollen ihre Blätter ein oder werfen sie ab, Äste werden kahl, die Kronen licht. Gerade Straßenbäume haben wenig Platz für ihre Wurzeln, Wasser kann nur «sehr begrenzt» gespeichert werden, so Hönig. Hinzu komme, dass Grundwasserstände in den Städten meist abgesenkt und niedrig gehalten werden, so dass die Bäume nur schwer an Wasser kommen.

Joachim Bauer hält das Gießen nur bei Jungbäumen für sinnvoll. Bei alten Exemplaren wisse man oft gar nicht, wo überall Wurzeln langführen - und das Wasser erreicht diese dann gar nicht. Bauer leitet in der deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (Galk) die AG zu Stadtbäumen, in der sich die Kommunen regelmäßig zum Thema austauschen. «Trockenheit ist überall ein großes Thema», so Bauer vom Kölner Grünflächenamt.

Man müsse in den Städten auch über andere Bäume nachdenken. Bundesweit testen die Kommunen derzeit knapp 40 Baumarten, die gut mit trockenen und schwierigen Standorten zurecht kommen. Palmen etwa seien zwar für den Sommer denkbar, kämen aber mit Frost im Winter nicht zurecht. Vielversprechend seien Arten wie der einheimische, bisher aber kaum verbreitete Feldahorn, aber auch Exoten wie der japanische Schnurbaum. Lösen sie künftig Kastanien, Linde und Co. ab? Das müsse auch regional bewertet werden, so Bauer. Ein Baum wachse in München anders als in Hamburg.

Zwar hat es zwar in den vergangenen Wochen immer wieder geregnet, ingesamt aber bleibt es in Deutschland dennoch zu trocken: So fielen im Juni im Schnitt etwa 90 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Der Wert lag damit zwar im langjährigen Mittel - regional aber war es weiterhin sehr trocken. So fielen in Teilen Sachsens laut DWD weniger als 15 Liter pro Quadratmeter.

Das macht sich in den Großstädten im Freistaat bemerkbar: In Dresden etwa starben im Vorjahr 480 Straßenbäume - viermal so viele wie im Schnitt der vergangenen Jahre. Betroffen sind vor allem einheimische Baumarten wie Buche, Berg-Ahorn und ‎Eberesche.‎ Die Stadt verbucht seither Anfragen von Bürgern, die helfen wollen, Bäume zu gießen. Unter dem Motto «Dresden gießt» haben Mitglieder der Initiativen Fridays For Future und Parents for Future etwa im Stadtteil Striesen eine Gießgruppe für Stadtbäume ins Leben gerufen - und wollen damit auch andere Dresdner motivieren, zur Gießkanne zu greifen.

Nötig ist das vor allem bei jungen Pflanzen: 2019 wurden rund 6500 Jungbäume durch die Stadt und von Fremdfirmen gewässert. War das früher drei bis viermal im Jahr nötig, mussten die Mitarbeiter im Vorjahr bis zu sechs Mal mit Gießwagen und Schläuchen anrücken. «Teilweise wurde und wird aktuell sogar in zwei Schichten ‎gewässert», heißt es in der Verwaltung.

Die Situation für Straßen- und Parkbäume ‎sei anhaltend dramatisch, erklärt auch eine Sprecherin der Leipziger Stadtreinigung. «Jeder Wassertropfen zählt.» Vor Beginn des Sommers habe man die Bürger deshalb über soziale Netzwerke dazu aufgerufen, die Bäume vor der Haustür zu gießen. In diesem Jahr hat die Stadt bisher 800 Bäume gefällt, 2019 waren es insgesamt rund 2000. Da die Trockenheit auch 2020 ‎anhalte, steige die Zahl toter Bäume, so die Sprecherin.

Mittlerweile hat der der freiwillige Gießer Uwe Buckendahl seine Linde in Leipzig gegossen, zwei weitere 10-Liter-Kanister gefüllt und auf sein Fahrrad gestellt. Damit fährt er zu zwei anderen Bäumen, für die er eine offizielle Patenschaft von der Stadt übernommen hat. «Einen für meine verstorbene Enkelin und der andere für die sechs anderen Enkel», sagt der ehemalige Schulleiter. In den Sommerferien sind einige seiner Enkelkinder dabei, wenn er die Bäume gießt. «So lernen sie auch Verantwortung für die Natur zu übernehmen.»

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