AfD-Spitzenkandidat Jörg Urban: Der rechte Herausforderer

Jörg Urban ist nicht nur Fraktions- und Parteichef der AfD, sondern auch Spitzenkandidat im Wahlkampf. Einer Partei, die vom Regieren träumt, sagt er: Auch in der Opposition kann man sich profilieren.

Eilenburg/Laubusch.

Jörg Urban ist jetzt schon mehr als eine halbe Stunde zu spät. Seit 15 Uhr sollte der Spitzenkandidat auf dem Eilenburger Markt die Passanten von einem Kreuz bei der AfD überzeugen. Straßenwahlkampf eben. Er habe sich bei einem vorherigen Termin mehr Zeit gelassen, sagt das Wahlkampfteam. Dabei wartet zumindest ein Bürger schon darauf, dass es losgeht. Ein Rentner hat sich neben den Stand der AfD gesetzt. Bereits gestern sei er hier gewesen, sagt er, weil er mit dem Termin durcheinandergekommen sei. Dringend möchte er seinen Unmut loswerden. Seinen Ärger darüber, dass sich der Staat in seinen Augen nicht um seine Sorgen kümmert, dafür aber um die der Flüchtlinge. Schließlich fährt Urban vor. Die lokalen Wahlhelfer und der Direktkandidat begrüßen ihn. Der Rentner steht auf, gleich wird er sich mit der AfD ins Gespräch vertiefen. Zu Urban geht er nicht.

Jörg Urban, 55, Diplomingenieur, geboren in Meißen, steht seit vergangenem Jahr an der Spitze der sächsischen AfD. Es gibt nicht wenige in seiner Partei, die sich fragen, wie das eigentlich passiert ist. Urban war in Zeiten der damaligen Landesvorsitzenden Frauke Petry niemand, der durch wortgewaltige Reden auf sich aufmerksam machte. Niemand, der seine Ambitionen offensiv vor sich hertrug. Konkurrenten hatte er immer: Vor seiner Wahl zum Spitzenkandidaten musste Urban erdulden, dass sein Parteifreund Tino Chrupalla mal mehr, mal weniger subtil gegen ihn stichelte und ebenfalls mit Listenplatz eins für die Landtagswahl liebäugelte. Ein Burgfrieden im Frühjahr beendete die Diskussion, die die Partei in zwei Lager gespalten hatte. Ähnlich war es im Februar 2018: Damals galt es eine Zeit lang als offen, ob Urban oder der Bundestagsabgeordnete Siegbert Droese die Partei führen sollte. Der Streit wurde dadurch bereinigt, dass Droese auf "gutes Zureden" von sich aus zurückzog und seitdem Urbans Vize im Landesvorstand ist.

Auf dem Eilenburger Markt hat sich mittlerweile eine kleine Menschentraube vor dem Wahlkampfstand gebildet. Die meisten von ihnen sind AfD-Mitglieder aus dem Kreisverband, die einfach mal vorbeischauen wollten. Ein paar haben Freunde mitgebracht. Man begrüßt sich mit Schulterklopfen. Passanten bleiben kaum stehen, ab und an blickt mal jemand herüber. Urban sucht das Gespräch mit den Mitgliedern. Er geht zu einem jungen Paar, das einen Kinderwagen dabeihat. Das Gespräch kommt ein wenig stockend in Gang. Urban erkundigt sich, ob der Nachwuchs ein Junge oder ein Mädchen ist. Ein Mädchen, lautet die Antwort, auch wenn es wie der Vater aussehe. Die Mutter entschuldigt sich noch halb im Spaß, wenn ihre Tochter mädchentypischere Farben als heute trage, sei es offensichtlicher. Urban pflichtet ihr bei und erzählt von seinen Kindern: "Wir haben die Farbenlehre damals eingehalten." Kurz danach verlässt er die Runde, ein Herr hat eine Frage zur Sozialpolitik der AfD.

Wer Urban begleitet, erlebt im Grunde zwei Politiker, die wenig miteinander zu tun haben. Beim Straßenwahlkampf in Eilenburg oder bei einer Gesprächsrunde in Torgau gibt sich Urban konservativ, fast bieder. Er ist ruhig, bemüht, argumentiert sachlich, unaufgeregt, widmet sich einem Thema ausführlich. Und kann bei Veranstaltungen derart in Details versinken, dass Zuhörer kämpfen müssen, um aufmerksam zu bleiben. Es fällt nicht schwer, sich in diesen Momenten in Erinnerung zu rufen, dass Urban mal Geschäftsführer der Grünen Liga in Sachsen war.

Und dann gibt es den anderen Urban, den sie auch in der Partei kennen. Von dem aber nicht mal Parteifreunde sagen können, ob er authentisch ist. Urban wird dann laut, derber in der Sprache, versucht zu wettern. Es wirkt, als wolle er in solchen Momenten mit weit prominenteren AfD-Politikern wie Björn Höcke und Andreas Kalbitz mithalten. Beide sind exponierte Mitglieder des völkischen AfD-"Flügels". Urban hat dessen Gründungsmanifest zwar unterschrieben, aber ob dies nur ein strategischer Kniff war, ist offen.

Der Bundesverfassungsschutz hat auch Äußerungen von Urban herangezogen, um die Verfassungstreue der AfD kritisch zu prüfen. Das Ergebnis: Der Inlandsgeheimdienst sah bei ihm unter anderem Anzeichen für ein "völkisch-nationalistisches" Gesellschaftsbild, dem eine "strenge Hierarchie nach ethnischen Kriterien" zugrunde liegt. Urban warnt vor dem Islam und hat bei der Aufstellung der Landesliste den Mitgliedern in Markneukirchen erklärt: ""Wir werden Sachsen zum unattraktivsten Platz für Asylbetrüger machen." Auch von "Messer-Marokkanern" hat Urban schon gesprochen. Auf Nachfrage erklärt er seine Beziehung zum "Flügel" so: "Als Parteivorsitzender hier in Sachsen bin ich in der Pflicht, dass ich möglichst alle in der Partei mitnehme. Wir sind eine AfD, wir sind als AfD erfolgreich und nicht als Einzelströmung. Auch in Sachen bin ich jemand, der den 'Flügel' als Teil der Partei betrachtet - so wie jede andere Strömung auch." Jeder müsse für sich seinen eigenen Stil finden. Er sei im Vergleich zu Höcke "wesentlich moderater im Auftritt", versichert Urban. Er habe "das Wirtschaftsliberale im Auge".

Dass Urban mitunter eine andere Wirkung auf Zuhörer, einen anderen Stil hat, zeigt sich an einem Montagabend im Kulturhaus Laubusch in der Lausitz: Unter den großen Leuchtern im sanierten Kulturhaus haben sich rund 100 Zuhörer versammelt, die unter anderem von Urban erfahren wollen, wie es mit der Region und der Braunkohle weitergeht. Der Abend soll sich um Struktur- und Energiethemen drehen, aber irgendwie natürlich auch um das große Ganze. Urban kommt bei seinem Eingangsstatement beispielsweise auch auf die Flüchtlingspolitik zu sprechen, quasi das Thema der AfD. Immer wieder flicht er spitze Formulierungen in seine Ausführungen ein. Dass der sächsische Ministerpräsident beispielsweise 1000 neue Polizisten verspricht, kommentiert er sarkastisch: "Ich könnte genauso gut plakatieren ,1000 Luftballons für Sachsen", das hätte ungefähr dieselbe Wirkung." Urban erhält für solche Aussagen zwar Applaus, aber er ist niemand, der ein Publikum mitreißt. Das müssen andere erledigen, an diesem Abend ist es der brandenburgische Spitzenkandidat Kalbitz.

Kalbitz peitscht die Menge auf. Er qualifiziert die Politik der "Altparteien" ab: "Minderheiten-Zirkus", "Willkommenszirkus", "Gender-Gaga", "Toilette fürs dritte Geschlecht". Der Saal johlt. Endlich ist Leben in den Reihen. Kalbitz spricht die Emotionen so an, wie es Urban nicht gelingt. Wenn Urban von "rot-grünen Fantasien" spricht, die die Lausitz und die Regionen stilllegen wollen, sagt Kalbitz kurz danach: "Verstädterung bedeutet immer auch Entwurzelung. Und das ist ja durchaus gewollt. Denn Entwurzelung ist die Grundlage für Multikulturalismus. Und den wollen wir nicht." Keine Frage, wer den größeren Applaus bekommt.

Kann man sich, falls die AfD die stärkste Kraft werden sollte, Jörg Urban als Ministerpräsidenten vorstellen? Will die AfD überhaupt regieren? Die AfD werde "als stärkste Partei Dialogbereitschaft signalisieren", sagt Urban. "Im Grunde genommen bin ich gesprächsbereit mit jedem Politiker, der bereit ist, unter einer AfD-Verantwortung konservative Politik zu machen." Eine neue Asylpolitik oder ein Ausstieg aus dem Rundfunkstaatsvertrag seien dabei allerdings "unverhandelbar". Ansonsten gelte: "Lieber als ehrliche Haut eine starke Opposition. Das kann auch Spaß machen."


Fünf Fragen an Jörg Urban


Aus dem Wahlprogramm der AfD Sachsen 

Inneres

Die AfD möchte die Zahl der Polizisten in Sachsen auf 15.000 aufstocken. Vor allem im ländlichen Raum und den grenznahen Regionen soll die Präsenz der Beamten ausgebaut werden. Die Partei tritt zudem für Personen- und Güterkontrollen an den sächsischen Außengrenzen ein.

Bildung

Die AfD will das mehrgliedrige Schulsystem in Sachsen erhalten, strebt aber längeres gemeinsames Lernen bis zur achten Klasse an. Bildungsempfehlungen für den Gang aufs Gymnasium sollen wieder verbindlich werden. Die AfD möchte zudem den Notenschlüssel für die Empfehlung von 2,0 auf 1,5 senken. Ziel der schulischen Bildung soll es sein, ein positives Bild von Sachsen und Deutschland zu vermitteln. Das Kultus- und das Wissenschaftsministerium möchte die AfD zusammenlegen.

Asyl

Asylbewerber und Geduldete sollen nach den Vorstellungen der AfD in sogenannten "Transfer-Zentren" - abseits der Ballungsräume - in Sachsen untergebracht werden. Die Anzahl der Abschiebehaftplätze im Freistaat muss nach Ansicht der AfD auf mindestens 350 erhöht werden. Das Vermögen, das Asylbewerber mit sich führen, soll zur Mitfinanzierung ihrer Versorgung genutzt werden.

Familien

Ein Baby-Begrüßungsgeld in Höhe von 5000 Euro soll Eltern unterstützen, die Staatsbürger mit Hauptwohnsitz in Sachsen sind. Es soll in drei Raten ausgezahlt werden, schlägt die AfD vor. Zudem soll das Landeserziehungsgeld erhöht werden. Es müsse mindestens 750 Euro und maximal 1500 Euro pro Monat betragen. Die Bezugsdauer soll erst mit dem dritten Lebensjahr des Kindes enden. (kok)

Bewertung des Artikels: Ø 3.3 Sterne bei 3 Bewertungen
8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    4
    Distelblüte
    21.08.2019

    @Maresch: Ich nehme an, das steht so im "Regierungsprogramm" der AfD?

  • 8
    2
    Maresch
    21.08.2019

    "Ziel der schulischen Bildung soll es sein, ein positives Bild von Sachsen und Deutschland zu vermitteln"?

    Das Hauptziel von Bildung sollte es sein, die Realität zu vermitteln!

  • 7
    8
    Distelblüte
    21.08.2019

    @Tauchsieder: Herr Maaßen ist als Westdeutscher nicht qualifiziert genug, um sich als Kenner der DDR auszugeben.
    Derlei Sprüche werden nur eingesetzt, um unzufriedene Ossis emotional zu manipulieren. Klappt ja auch, wie man liest.

  • 4
    7
    Blackadder
    21.08.2019

    Woher wollen denn die Herren von der AfD (Höcke, Kalbitz) wissen, wie die DDR sich angefühlt hat? Die haben doch nie da gelebt. Rainer Eppelmann (dem ich früher wirklich nichts abgewinnen konnte) sagte heute früh so schön auf MDR aktuell, wer die jetzige Demokratie mit der DDR vergleiche, sei entweder bösartig oder geschichtsvergessen. Und da hat er Recht. Ganz offensichtlich haben viele hier auch in den 30 Jahren eine Menge vergessen oder verdrängt, sonst würden sie nicht solchen Blödsinn erzählen.

  • 8
    6
    Tauchsieder
    21.08.2019

    Wie sagte doch Maaßen: - DDR 2.0 und wer kein Westfernsehen hatte ist dumm gestorben "Lese.....". Früher war es der "Schwarze Kanal" auf TV-DDR I, oder das Parteiorgan "Neues Deutschland". Und heute halt die von ihnen angesprochenen Medien. Wer lange genug in dem einen System gelebt hat wird sich erstaunt die Augen reiben, vieles wird ihm bekannt vorkommen. Man muss nur die Posten bei den ÖR richtig besetzen und schon läuft die Sache wie geschmiert.

  • 17
    9
    Lesemuffel
    20.08.2019

    Die "Wahlwerbesendung" Frontal 21 Anti-AfD ist kein must be. Das ist das Programm, welches Chemnitz schon mal und vorher Limbach-Oberfrohna als "Nazi Hochburgen" diffamiert hatte. Das ist nicht seriöses ÖR, sondern billiger Boulevard zur Teilung der Gesellschaft.

  • 11
    5
    cn3boj00
    20.08.2019

    Nun liebe Distelblüte niemand wird ernsthaft erwarten dass sich AfD-Politiker von den anderen unterscheiden. Dünnbrettbohrer wie - nein ich nenne keine Namen sonst ist das vielleicht noch Beleidigung - wollen doch auch nur an den Tropf.
    Oder irre ich mich? Nicht was die Einschätzung der Politiker betrifft sondern die Erwartung der Menschen?

  • 8
    16
    Distelblüte
    20.08.2019

    Herr Urban wird heute abend Thema in der ZDF-Sendung "Frontal 21" um 21 Uhr sein - wegen erzielter und verschwiegener Gewinne als geschäftsführender Gesellschafter einer GbR mit dem Betrieb einer Photovoltaikanlage.



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