Am Tag der Entscheidung in Leipzig

Am 9. Oktober 1989 standen sich in Leipzig 70.000 Demonstranten und mehrere tausend Sicherheitskräfte des DDR-Regimes gegenüber. Die Staatsmacht fuhr Schützenpanzer und Wasserwerfer auf. Mutige Leipziger Bürger veröffentlichten einen Aufruf zur Deeskalation. Auch einzelne Funktionäre der Staatspartei SED positionierten sich für den gesellschaftlichen Dialog und gegen Gewalt. Am Ende dieses entscheidenden Tages stand fest: Die "Friedliche Revolution" war nicht mehr aufzuhalten.

In jenem Leipziger Herbst 1989 habe er immer wieder an den Prager Frühling 1968 gedacht, sagt der Kabarettist und Zeitzeuge Bernd-Lutz Lange. Ein von ihm mitverfasster Aufruf trug in den bedrohlichsten Stunden zur Gewaltfreiheit und in der Folge zum Zusammenbruch des maroden DDR-Regimes bei. Seine Hoffnung auf einen "Dritten Weg", eine gesellschaftliche Alternative, die "der Welt gutgetan hätte", wie er heute noch glaubt, musste er damals begraben. Mit seinem Sohn Sascha, einem Historiker, hat Bernd-Lutz Lange einen ebenso persönlichen wie umfassenden Rückblick auf die entscheidenden Tage der "Friedlichen Revolution" in Leipzig verfasst. Ronny Schilder und Torsten Kohlschein trafen die beiden zum Gespräch.

Freie Presse: Bernd-Lutz Lange, Sie waren als Mitbegründer des Leipziger Kabaretts "academixer" und dann im Duo mit Günter Böhnke schon vor dem Mauerfall ein bekanntes Gesicht. Wie haben Sie die Situation im Jahr 1989, unmittelbar vor dem Zusammenbruch der DDR, empfunden?

Bernd-Lutz Lange: Im Kabarett wurde damals Tacheles geredet. Ende der 1980er Jahre war der Staat spürbar geschwächt, seine Strukturen wurden poröser, es ging immer mehr durch. Mit Günter Böhnke hatte ich mich 1988 selbstständig gemacht, zwei Parteilose, kirchlich gebunden. Die sächsische Mentalität, der Humor, der Dialekt, davon habe ich gelebt. Weggehen kam nie infrage. Mein Heimatgefühl kam immer über Sachsen, nie über die DDR. - Sascha, ihr habt damals, denke ich, nur physisch in der DDR gelebt, eure Gedanken waren woanders...

Sascha Lange: Im Sommer '89 war ich Lehrling an der Schwelle zum zweiten Lehrjahr. Ich habe Tischler für Dekorationsbau am Theater in Leipzig gelernt. In meinem Freundeskreis war Musik sehr wichtig, wir haben Depeche Mode, The Cure, Die Ärzte gehört. Und viel diskutiert. Die Spannung baute sich ja immer weiter auf, von Ereignis zu Ereignis. Es kam zu Erosionsprozessen. Die FDJ, die DDR-Jugendorganisation, reagierte mit "Brot und Spielen". Depeche Mode in Ostberlin im März 1988, das war für uns wie ein erster Mauerfall.

Die Müdigkeit des Staates und die wachsenden Spannungen waren 1989 auch in Leipzig unübersehbar. Im Januar hatte die SED-Führung eine nichtoffizielle Ehrung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verboten. Im Mai fälschte die Staatspartei das Ergebnis der Kommunalwahl, und beim Evangelischen Kirchentag gab es eine Spontandemonstration gegen die Gewalt der kommunistischen Machthaber in China. Im Juni wurde ein Straßenmusikfestival mit Polizeigewalt aufgelöst. Im Nikolaikirchhof fanden sich Woche für Woche Systemkritiker zum stillen Gedenken und zum stummen Protest zusammen. Seit dem 4. September 1989 sprach man von "Montagsdemonstrationen".

Bernd-Lutz Lange: Diese Menschen galten als Todfeinde, damals.

Wie haben Sie über diese Entwicklungen gedacht?

Sascha Lange: Zu Hause hatten wir immer einen freimütigen Meinungsaustausch, dort wurde alles durchgesprochen und diskutiert. Immer mit der Schere im Kopf: Dass du das aber nicht in der Schule erzählst! - Ich glaube, was die Bürgerrechtsgruppen machten, das hielten wir in der Clique eigentlich für aussichtslos. Wir haben den Sinn nicht gesehen. Es lief ja so: Es gab die Friedensgebete, dann ging man auf den Nikolaikirchhof hinaus. Dort stand immer Polizei, es gab Verhaftungen. Anfangs war das alles sehr bescheiden, aber das baute sich mit der Zeit immer mehr auf. Klar war, dass sich etwas ändern musste, das Gefühl wurde immer stärker, und wenn die sich das trauten ... Nach dem letzten Septembermontag kam ein Mitlehrling zu mir und erzählte, dass sie nach dem Friedensgebet über den Ring gelaufen waren. Am 2. Oktober bin ich dann auch zu der Demo gegangen.

Bernd-Lutz Lange: Wie sich das Klima änderte, wie Menschen in der Öffentlichkeit mutiger wurden, zeigte sich zum Beispiel am 1. September 1989 bei einem Forum mit dem Leipziger Stadtarchitekten im Grassimuseum. So viel Widerspruch, so eine heftige Diskussion hatte ich noch nicht erlebt! Einige Tage zuvor hatte Kurt Masur seine Gesprächsreihe "Begegnungen im Gewandhaus" genutzt, um einen Abend dem Thema Straßenmusik zu widmen. Im Juni war die Polizei gegen musizierende Jugendliche rigoros vorgegangen, jetzt setzte der Gewandhauskapellmeister sich für sie ein. Einem SED-Sekretär, mit dem ich über diese Dinge sprach, sagte ich damals: "Ich engagiere mich für alles, was der Entspannung dient, aber für nichts, das eure Macht stabilisiert."

Das war Roland Wötzel, mit Ihnen einer der "Leipziger Sechs", die am 9. Oktober zur Gewaltlosigkeit aufriefen.

Bernd-Lutz Lange: Roland Wötzel war Sekretär für Wissenschaft in der SED-Bezirksleitung, vorher war er für Kultur und damit die Abnahme - also Zensur - unserer Kabarettprogramme zuständig. Wir hatten seit einiger Zeit begonnen, uns über die wachsenden Schwierigkeiten auszutauschen. Ein Genosse und ein Nichtgenosse nahmen sich die Freiheit und führten einen offenen Dialog. Kurt Masur stand mit dem Kultursekretär Kurt Meyer im Gespräch. Ich habe an eine reformierbare DDR geglaubt. 1968 war ich in Prag - Prager Frühling, Alexander Dubcek, die Hoffnung auf einen "Dritten Weg" jenseits von Kapitalismus und Staatssozialismus. Eine alternative Gesellschaftsform hätte der Welt gutgetan.

Hat sich denn angedeutet, dass die Zuspitzung an diesem Montag, dem 9. Oktober 1989, zur Entscheidung führen würde?

Sascha Lange: Es gab Vorzeichen, ja. Zunächst war am Freitag in der "Leipziger Volkszeitung" der Leserbrief eines Kampfgruppenkommandeurs erschienen, in dem ganz unverhohlen mit Gewalt gegen die Demonstranten gedroht wurde. So etwas erschien in der DDR nicht ohne Grund und höhere Beteiligung. Am 7.Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung, kam es auch in Leipzig zu einem Kräftemessen zwischen Oppositionellen und der Polizei, die Schilde und Wasserwerfer hatte. Am Montag waren da die Demonstranten, aber auch Schaulustige, und man hatte das Gefühl: Heute wollen sie es wissen. Als es am 9. Oktober friedlich blieb, war für alle klar: Das war's.

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse des 9. Oktober in Leipzig gebe es bis heute nicht, sagt Sascha Lange. Nach seinen Recherchen hatte die Polizei an jenem Abend mehr als 800 eigene Kräfte zur Verfügung, dazu 1300Polizisten in Bereitschaft sowie 600Mann der Kampfgruppen. Bis zu 1500 Soldaten standen in Alarmbereitschaft. Vier Schützenpanzerwagen (SPW) waren munitioniert worden, neun weitere SPW, je zwei Wasserwerfer und Feuerwehr-Löschfahrzeuge standen bereit. Es gibt Berichte über Maschinengewehr-Nester im Dienstgebäude der Polizei am Dittrichring - ein möglicher Sturm des Gebäudes wäre mit Waffengewalt verhindert worden. Für Verhaftete wurden "Zuführpunkte" definiert: etwa auf dem Gelände der Landwirtschaftsausstellung Agra, zum Teil in leeren Pferdeställen. Ausländischen Journalisten war die Anreise nach Leipzig untersagt worden; wer dennoch kam, wurde an der Stadtgrenze zurückgeschickt.

Wie haben Sie diese entscheidenden Stunden erlebt?

Sascha Lange: Ich ging mit zwei Freunden aus der Südvorstadt hin. Erst nahmen wir die Straßenbahn zum Leuschnerplatz, dann die Reichsstraße hinein, wo wir die W-50-Lkws der Polizei, bewaffnete Polizisten und Hunde sahen, oft in Gesellschaft von Leuten, die auf sie einredeten, sie agitierten. Die Nikolaikirche war voll. Am Karl-Marx-Platz, dem heutigen Augustusplatz, setzten wir uns hin, dort konnte man alles überblicken. Ich erinnere mich noch genau an den Blick zur Post, zur großen Uhr. Wir waren früh da, neben der Oper stand die Polizei, es war still, aber zunehmend füllte sich der Platz mit Menschen. Es wurden immer mehr. Bevor das Friedensgebet zu Ende war, traf ich meinen Vater.

Bernd-Lutz Lange: Mich hatte Roland Wötzel am Mittag angerufen und gefragt, wo wir uns treffen könnten, er kam dann zu mir. Kurt Masur hatte Kurt Meyer angerufen und ihm gesagt, dass er nicht am Abend im Gewandhaus dirigieren würde, wenn draußen Blut flösse. Da entstand die Idee, zusammen etwas zu unternehmen. Jochen Pommert, SED-Sekretär für Agitation und Propaganda, stieß dazu, und der Theologe Peter Zimmermann. So waren wir sechs. Im Gewandhaus habe ich unseren Aufruf getippt, den alle mittrugen. Wir riefen zum Dialog und zum Gewaltverzicht auf. Zimmermann verteilte die Durchschläge in den Kirchen, damit sie bei den Friedensgebeten verlesen werden konnten. Jochen Pommert brachte den Aufruf in den Stadtfunk und ins Programm des Senders Leipzig von Radio DDR. Ohne die hochrangigen SED-Leute wäre das nicht möglich gewesen. Masur, der Prominenteste der Sechs, sprach unsere Worte für die Ausstrahlung aufs Band. Als ich vom Gewandhaus zurück in Richtung Grimmaische Straße ging, traf ich unter den Demonstranten meinen Sohn. Ich sagte ihm, nach der Erfahrung mit den SED-Sekretären und in einer Art von naivem Gottvertrauen, dass es keinen Polizeieinsatz geben werde.

Sascha Lange: Weil ich das hörte, was da noch keiner wusste, war ich natürlich einer der Ersten, denen damit der Heldenstatus aberkannt wurde ... Etwas war passiert. Die einzige Möglichkeit, die Maschinerie zu stoppen, war von oben. Das haben die Leipziger Sechs geschafft. Ein harmonisches Zweckbündnis im Angesicht der Katastrophe. Und dann kamen nicht 20.000, sondern 70.000 Demonstranten. Friedlich. Das war nun nicht mehr aufzuhalten.

Bernd-Lutz Lange: Wichtig ist der Unterschied, dass die Idee zu dem Aufruf aus der SED-Bezirksleitung kam, aber nicht vom 1. Sekretär. Die drei SED-Sekretäre hatten in einer offenen Situation alles riskiert, sich aus Sorge um Menschenleben aus der Parteidisziplin entlassen. Als sie nach unserem Treffen in die Bezirksleitung auf der Karl-Liebknecht-Straße zurückkehrten, wurden sie von Genossen attackiert: "Ihr habt die Partei gespalten und verraten!"

Sascha Lange: Das alles war nicht dank der SED, sondern trotz der SED geschehen.

Gegen 17 Uhr hatten sich in der Nikolaikirche rund 2000 Demonstranten versammelt. Die Polizei vermerkte auch Zulauf zur Thomaskirche, zur Reformierten Kirche und zur Michaeliskirche, in denen ebenfalls Friedensgebete stattfanden. Der evangelische Landesbischof Johannes Hempel eilte von Gotteshaus zu Gotteshaus, um zu den Versammelten zu sprechen. Danach strömten die Menschen hinaus und demonstrierten. "Niemand hatte das organisiert, keiner ein Fronttransparent dabei, nirgendwo ein Lautsprecherwagen, der Leuten sagte, was sie tun sollen", schreibt Sascha Lange. Der ranghöchste SED-Funktionär und amtierende Bezirkssekretär in Leipzig, Helmut Hackenberg, rief bei Egon Krenz vom Politbüro in Berlin an, um zu fragen, was er tun soll. Der ging nicht ans Telefon. Etwa um 18.35 Uhr entschied Hackenberg, nur beraten von Wötzel, Meyer, Pommert, gegen die Demonstranten nicht vorzugehen. Gegen 19.30 Uhr meldete sich Krenz und fragte, wie alles gelaufen sei. "Friedlich", sagte Hackenberg. Von Erich Honecker sind über die drei SED-Sekretäre aus einer Politbürositzung die Worte überliefert: "Nun sitzen die Kapitulanten schon in der Bezirksleitung!"

Die Rolle des Aufrufs der Leipziger Sechs wurde in den ersten Jahren nach dem Umbruch breit gewürdigt, zuletzt aber weniger. Zur städtischen Feier des Jubiläums vor fünf Jahren wurden die drei SED-Sekretäre nicht einmal mehr eingeladen.

Bernd-Lutz Lange: Deshalb bin ich auch nicht hingegangen. Es war ein Fehler, der Oberbürgermeister lud uns dann später auf einen Kaffee ein. Der Aufruf der Leipziger Sechs war in zweierlei Hinsicht für die damaligen Ereignisse von großer Bedeutung: Zum einen zur Beruhigung der Demonstranten, die nicht als konterrevolutionäre Elemente angesprochen wurden, zum ersten Mal nicht, das hat die Lage entspannt. Zum anderen wirkte der Aufruf auch auf die Sicherheitskräfte, und die Haltung der drei SED-Sekretäre beeinflusste den SED-Chef Hackenberg. Und der hatte letztlich die Sache in der Hand.

Sascha Lange: Die Erinnerungskultur der letzten zehn, zwanzig Jahre ist sehr von den Sichtweisen einzelner Beteiligter geprägt, meist aus der Bürgerrechtsbewegung. Das ist zuweilen sehr subjektiv und engmaschig. Hinzu kommt, dass es kaum eine wissenschaftliche Aufarbeitung gibt. Wir halten es für wichtig, nicht nur die subjektiven Geschichten zu erzählen, sondern auch, warum es vierzig Jahre dauerte, bis dieses System zusammenbrach. In Leipzig lebt nur noch ein Drittel Zeitzeugen, seit 1989 sind etwa 400.000 Menschen nachgewachsen oder zugezogen.

Die Leipziger Sechs haben sich für eine erneuerte DDR engagiert. Aber nach der Grenzöffnung am 9. November lief alles auf die Wiedervereinigung zu.

Bernd-Lutz Lange: Es war tragisch: Erst ging es darum, das Neue Forum zuzulassen. Als es zugelassen war, hat es keinen mehr interessiert. Ich hätte mir eine Konföderation gewünscht, ein langsames Zusammenwachsen. Dass etwas geblieben wäre: eine geistige Leistung, eine neue Verfassung, eine neue Hymne. So war es keine Wiedervereinigung auf Augenhöhe.

Sascha Lange: Die politischen Akteure hatten gewechselt. Nach Helmut Kohls Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung wuchs die Ungeduld von Woche zu Woche. Bis Januar bin ich zu den Demos gegangen, dann wurde es gefährlich. Immer mehr Nazis, auch aus dem Westen. Wir zogen uns in unsere subkulturellen Basen zurück - was wäre politisch noch zu erreichen gewesen?

Bernd-Lutz Lange: Trotzdem, ich bin ein Gewinner der Revolution. Ich konnte meine Bücher schreiben, meine Programme machen, für mich war es ein Vorteil und ein Gewinn. Ich wünsche mir nur, dass nie vergessen wird, wie das damals war. Dass die Menschen sich erinnern, auch noch in hundert Jahren.

Sascha Lange: Zu den großen Jubiläen gehe ich immer auf den Ring. Das heutige Leipziger "Lichterfest" finde ich aufgebauscht, für Touristen. Aber ich blicke gerne noch mal zur Uhr an der Post, so wie damals. Das lasse ich mir nicht nehmen.

Zum Special: Herbst 89 Leipzig

Buchtipp

Bernd-Lutz Lange, Sascha Lange: David gegen Goliath, Erinnerungen an die Friedliche Revolution, Aufbau Verlag Berlin, 221 Seiten kosten 18 Euro.

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 3 Bewertungen
1Kommentare
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  • 3
    0
    Freigeist14
    09.10.2019

    Danke für diesen hervorragenden Beitrag mit der Familie Lange. Was die beiden äußern kann ich vollständig unterschreiben . Ein jeder möge für sich bewerten ,wie eine Persönlichkeit wie Bernd-Lutz Lange die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft behalten hat und kritisch geblieben ist oder wie ein Joachim Gauck die "Freiheit" beschwört , für Vergebung keine Worte findet und die Gesellschaft der Gegenwart als alternativlos predigt .



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