Auf dem "Forststeig" in die Natur

Über 100 Wanderer haben im Elbsandsteingebirge den ersten Fernwanderweg eingeweiht. Die Route führt 100 Kilometer weit über Stock und Stein.

Bad Schandau.

Drei Förster blasen in ihr Waldhorn. Als Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) am Samstagmittag endlich das Tuch von der verhüllten Tafel des "Forst-steigs" lupft, scharren über 100 Wanderer schon lang mit den Vibram-Sohlen ihrer Stiefel. Sie sollen die Einzeletappen des neuen Fernwanderwegs in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz einweihen. Für die rund 100 Kilometer lange Route durch Sachsen und Tschechien veranschlagen Planer vom Sachsenforst im Normalfall sieben Tage mit Etappen zwischen 8,6 und 20 Kilometern. "Aber nicht auf die Kilometer kommt es an, sondern auf die Höhenmeter", verrät der Königsteiner Revierförster Jens Lippmann. Am Einweihungswochenende soll er die Etappengruppe 1 anführen.

Zwischen einzelnen Tagesetappen bieten Hütten oder Biwakplätze fürs eigene Zelt künftig Nachtlager, ähnlich jenen Fernwanderwegen in Skandinavien, an denen sich die "Forststeig"-Planer orientiert haben. Zwar mäandern die Bärenrunde und der Wolfspfad "Susitaival" in Finnland ob der Weite der dortigen Wildnis nicht so sehr durch immer gleiches Gebiet wie der "Forststeig". Sie strecken ihre 80 beziehungsweise 100 Kilometer in die Länge. Doch dafür bietet der Elbsandstein etwas, das in Europa einmalig ist. Wo, wenn man einmal von der Gran Sabana Venezuelas absieht, bieten sich auf einer Wanderroute schon 13 mächtige Tafelberge mit grandiosen Aussichten. Und diese noch dazu über eine Landschaft, in der sich - obschon vorhanden - teilweise keine Spur von Besiedelung erspähen lässt. Bis zum Horizont nur Himmel, Wald und Felsnadeln.

"Dass es so etwas in Deutschland überhaupt gibt, da habe ich gestaunt", berichtet Katharina Fäth über ihre ersten Eindrücke vom Elbsandsteingebirge. Die 37-jährige Sportlerin aus Harsefeld bei Buxtehude in Niedersachsen und ihr Partner Göde Klöppner (44) aus Osnabrück gehörten in den Vormonaten zu den Testwander-Teams. Ausgerüstet mit GPS-Gerät, gingen sie auf die Route. "Das war nach unserer Alpenüberquerung das Anstrengendste, das ich je gemacht habe", verrät Katharina Fäth. Allerdings habe die Anstrengung beim "Forststeig" nicht so sehr aus den Höhenmetern bestanden, von denen in den Alpen mehr zu bewältigen waren, sondern in dem, was zugleich den Reiz ausmache: die Nähe zur Natur.

Denn während sich die Einweihungsetappe 1, auf der Fäth und Klöppner am Samstag mit zwei älteren Bad Schandauer Herren und einem Journalistenpaar mitlaufen, über angelegte Waldwege zieht, sei der Pfad sonst manchmal kaum erkennbar gewesen, verraten die Testwanderer. Katharina Fäth zeigt auf eine steile Böschung durch dichtes Gestrüpp. "So sah der Weg aus. Nur auf dem GPS konnten wir ahnen, wir sind noch richtig." Klöppner ergänzt: "Man kam sich vor wie im Urwald, nur ohne Machete." Ein Ausrüstungsgegenstand sei besonders wichtig, betonen beide: der Wasserfilter. Der siedlungsferne Verlauf des Pfades, den die Planer bewusst wählten, um Trekking-Gäste anzusprechen, bedeutet, dass Trinkwasser nicht immer am Hahn gezapft werden kann, sondern aus Bächen gewonnen werden muss. Trotz oder gerade wegen solch mentaler Herausforderungen sind sich beide Testwanderer einig. "Wir wollen den Forststeig komplett noch mal machen", sagt Göde Klöppner.

Und selbst wenn beide zum Einweihungswochenende unter Förster Lippmanns Führung eine eher zahme Etappe zugelost bekamen - schon auf dieser bieten sich jene traumhaften Panoramen in Waldgrün und Himmelblau. Zumindest wenn man aufs Plateau des 349 Meter hohen Quirls hinaufgestapft ist. Blicke wie diese sind es, die auch jährlich rund 1,7 Millionen Besucher in den Nationalpark Sächsische Schweiz rechts der Elbe locken.

Mit dem linkselbisch und damit außerhalb des eigentlichen Parks gelegenen "Forststeig" hoffen die Planer, die Kernzone ein wenig zu entlasten. Zum Vergleich: Auf die 8987 Quadratkilometer des Yellowstone-Nationalparks in den USA kommen bei jährlich 4,2 Millionen Besuchern rein rechnerisch auf jeden Quadratkilometer 1,2 Besucher pro Tag. Bei den 93,5 Quadratkilometern des Nationalparks Sächsische Schweiz sind es rechnerisch auf jedem Quadratkilometer täglich 50 Gäste. Im deutschen Vergleich kann man somit in der Sächsischen Schweiz noch relativ einsam wandern, im Weltvergleich der Nationalparks indes tummeln sich auf der kleinen Fläche die Besucher aber geradezu.

Auch vor diesem Hintergrund richtete Umweltminister Thomas Schmidt am Samstag deshalb eine Bitte an Nationalparkbesucher wie "Forststeig"-Wanderer gleichermaßen: die Natur zu achten. "Und bringen Sie alles, was Sie mit in den Wald nehmen, auch wieder mit heraus."

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