Aufklärungsbedarf zu NS-Raubgut in Museen und Bibliotheken

Zwei Jahrzehnte nach der Washingtoner Erklärung gibt es im Zuge der Provenienzforschung noch viel zu tun - auch beim Thema NS-Raubgut. Dafür braucht es mehr als Geld.

Dresden (dpa/sn) - Die Provenienzforschung zum NS-Raubgut in Sachsens Museen und Bibliotheken ist 20 Jahre nach der Selbstverpflichtung Deutschlands noch lange nicht abgeschlossen. Vor allem in kleineren Häusern gebe es großen Nachholbedarf, sagte der Leiter der Forschungsabteilung bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Gilbert Lupfer. 2020 gebe der Bund zwar mehr Geld dafür, «aber wir müssen noch viel mehr machen».

Mit der Unterzeichnung der sogenannten Washingtoner Erklärung hatte sich Deutschland 1998 zur Herausgabe der von den Nazis beschlagnahmten Kunstgegenständen verpflichtet. Zudem werden Objekte geprüft, die nach 1945 teils unter fragwürdigen Umständen in die Museen gelangten - aus Adelsbesitz, von DDR-Republikflüchtlingen oder Beschlagnahmungen aus anderen Gründen.

Mit einem großen Forschungsprojekt klären die SKD seit 2008 die Herkunft aller Erwerbungen und Zugänge ihrer Museen seit 1933. Lupfer, auch ehrenamtlicher Vorstand am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg, empfahl den sächsischen Häusern das in Brandenburg und Sachsen-Anhalt bereits erprobte Modell «Erstcheck».

«Man nimmt drei bis fünf Museen, ein erfahrener Provenienzforscher schaut die Unterlagen an und prüft, ob das was sein könnte und es sich lohnt, in die Tiefe zu gehen», erklärte er. Das habe sich bewährt. «Das ist der Punkt, wenn etwa ein Möbel aus einem jüdischen Haushalt irgendwie im Heimatmuseum gelandet ist.»

Auch in großen Häusern gebe es noch unerforschte Bestände jenseits der Gemälde wie Grafik, Skulptur oder anderes, sagte Lupfer. Geld für entsprechende Projekte sei da und könne abgerufen werden. «Der Bund macht Tempo.» Oft scheitere ein Antrag aber an den nötigen Eigenmitteln, sagte die Direktorin der Landesstelle für Museumswesen, Katja Margarethe Mieth.

Nach Recherchen von Elisabeth Geldmacher von der Sächsischen Landesbibliothek (SLUB) gibt es bisher zwölf Projekte an Museen, vor allem in städtischer Trägerschaft, sowie sieben an wissenschaftlichen und eines in der Stadtbibliothek Bautzen. In kleineren Städten und den Regionen bestehe Nachholbedarf, dort scheitere es vor allem an der Umsetzung.

«Die Sensibilität für das Thema ist da und das Bewusstsein gewachsen, dass das auch eine Aufgabe ist», sagte Geldmacher. Die sei für die Mitarbeiter angesichts ohnehin schwieriger Ausgangslage aus Zeitgründen aber nicht zu schaffen, es fehle an Geld, Personal und fachlicher Kompetenz. «Überlegenswert wäre eine Koordinierungsstelle, die auch Fachleute zur Verfügung stellt und hilft, den Bedarf erstmal zu sondieren.»

Oft erschwere zudem eine schlechte Quellenlage die Forschung bei den vielen stadt-, kultur-, lokal- und regionalhistorischen Museen, sagte Mieth. «Man muss die Namen jüdischer Familien kennen, die vertrieben worden sind.» Sie plädiert für eine stärkere Zusammenarbeit geschichtsforschender Institutionen mit regionaler Forschung und Museen, um erstmal Ortsgeschichte aufzuarbeiten. «In der Kunstszene waren die Händler bekannt, aber wenn ein jüdischer Haushalt in einem kleinen Ort aufgelöst wurde, ist das kaum dokumentiert.» Da brauche es auch eine höhere Sensibilisierung für die «eigene Geschichte des Zeitalters der Extreme».

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