Aufrecht bis in den Tod

Am 3. Februar vor 75 Jahren wurde der sorbische Priester Alojs Andritzki in Dachau ermordet. Seine Seligsprechung 2011 war für Sachsens Katholiken ein epochales Ereignis. Am Samstag wird des unbeugsamen Mannes in seinem Heimatort gedacht.

Radibor.

Die hundertjährige Maria Grajcarek gehört zu den letzten Zeitzeugen, die den katholischen Märtyrer Alojs Andritzki in ihrer Jugend erlebt haben. Die alte Dame stammt aus Jeßnitz und lebt im Caritasheim St. Ludmila in Crostwitz, in der Oberlausitz zwischen Bautzen und Kamenz. In den 1920er-Jahren verbrachte Frau Grajcarek ihre Schulferien in Radibor, half bei der Kartoffellese und lernte Alojs Andritzki kennen, der die Katholische Oberschule in Bautzen besuchte.

"Wir waren sogar verwandt", erzählt sie mit fester Stimme. "Die Schwester meines Großvaters war die erste Frau des Vaters von Alojs Andritzki. Als sie verstorben war, heiratete Johann Andritzki ein zweites Mal, die Magdalena Ziesch aus Strohschütz, Alojs' Mutter." Der Junge selbst sei sehr sportlich, musikalisch, immer gut gelaunt gewesen, schwärmt Maria Grajcarek. "Er war bei uns außerordentlich beliebt." Das entging auch den Nationalsozialisten nicht, die im Januar 1933 die Macht übernahmen und noch im selben Jahr begannen, Andritzki zu bespitzeln. Der hatte sich als Schüler in Jugendgruppen und in dem sorbischen Gymnasialverband "Włada" engagiert, den er zwei Jahre leitete. In Bautzen, das 1921 vom Papst zum Bischofssitz des Bistums Meißen bestimmt worden war, amtierte seit 1932 Petrus Legge als Bischof, den die sächsische NSDAP als "Volksschädling" diffamierte. Alojs Andritzki studierte Theologie in Paderborn, besuchte das Priesterseminar und wurde 1939 von Bischof Legge im Bautzener Dom zum Priester geweiht. Zwischen Andritzkis Weihe und seine Anstellung an der Dresdener Hofkirche als Kaplan fiel der Kriegsbeginn im September 39.

Der Pfarrer Stephan Delan, lange in Radibor und heute in Ralbitz in der Oberlausitz tätig, hat sich eingehend mit Andritzkis Leben befasst. "Den Nazis passte seine gesamte Einstellung nicht, wie sie sich etwa in seinen Predigten ausdrückte. Sie hatten ihn auf dem Kieker, weil er überzeugender auftrat als sie selbst." Schon 1933 wurden die Namen von Besuchern einer Feier mit Alojs Andritzki von der Polizei notiert.

Andritzkis Überzeugung - das war sein katholischer Glaube. Monika Buck, die Leiterin des Kinderhauses "Alojs Andritzki" in Radibor, ist besonders beeindruckt, dass der Namenspatron "geistige Reife mit einem frohen Christsein" verband. "Ich hatte das Glück, seine Schwester Martha Hantusch gut gekannt zu haben, die 2016 verstorben ist", erzählt Frau Buck. "Sie bestätigte mir, dass Alojs Andritzki selbst in aussichtsloser Situation am Leben und am Glauben festhielt. Er blieb ein leidenschaftlicher Verkünder."

In Dresden war Alojs Andritzki anderthalb Jahre Kaplan, wirkte als Präfekt der Dresdener Kapellknaben und Präses der Dresdener Kolpingfamilie, des katholischen Sozialverbandes. Im Winter 1941 griffen die Nationalsozialisten zu. Alojs Andritzki und andere Kapläne hatten mit Jugendlichen "Oberuferer Weihnachtsspiele" aufgeführt, einen bekannten Zyklus biblischer Szenen. Stephan Delan berichtet: "Nach der Aufführung am 12. Januar in Pirna trafen sich die Beteiligten im Pfarrsaal zum Teetrinken. Dort war die Gestapo, die Geheime Staatspolizei, und schrieb die Namen aller Jugendlichen auf." Als die jungen Leute verängstigt nachfragten, sagte der Kaplan: "Das ist erst der Anfang. Der Kampf geht noch bis aufs Messer."Frau Grajcarek, die Hundertjährige in Crostwitz, verlor damals den Mann, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben ausgemalt hatte. "Wir wollten nach dem Krieg heiraten, dachten, das dauert nicht mehr lange. Dann wurde mein Freund eingezogen, kam verletzt zurück, musste 1945 aber wieder an die Front. Er gehörte zur berittenen Artillerie, die hatten aber keine Pferde mehr. Drei Briefe schickte er mir noch zu. Dann verlor sich seine Spur. Ich habe nie erfahren, wo er begraben liegt."

Alojs Andritzki, der gegen Krieg und Hass die Friedensbotschaft Christi predigte, wurde am 21. Januar 1941 in Dresden verhaftet. Anfang Februar wurde er ins Gefängnis an der George-Bähr-Straße geworfen. Die Anklagebehörde beim Sondergericht am Landgericht Dresden, Münchner Platz 3 (heute Teil der Technischen Universität, Gedenkstätte), warf Andritzki "heimtückische Angriffe auf Staat und Partei" vor. Sein Verteidiger in der Hauptverhandlung am 15. Juli 1941 war der Dresdner Anwalt Hermann Kastner, der nach dem Krieg sächsischer Justizminister wurde und kurzzeitig stellvertretender Ministerpräsident der DDR gewesen ist. Dem westdeutschen wie womöglich auch dem ostdeutschen und sowjetischen Geheimdienst diente Kastner als Informant. 1956 setzte er sich in den Westen ab.

Alojs Andritzki wurde vom Sondergericht zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, die aufgrund der Untersuchungshaft Mitte August als verbüßt zu gelten hatte. Doch er kam nicht frei. Die Gestapo verschleppte ihn ins Konzentrationslager Dachau. Bei der Abfahrt am 2. Oktober 1941 vom Dresdner Hauptbahnhof wurde der Kaplan von einer Jugendlichen aus der Pfarrjugend erkannt.Noch im Zug ins KZ begegnete Andritzki dem Benediktinerpater Maurus Münch aus Trier, der sein Freund und Beichtvater im letzten Lebensabschnitt wurde. Münch überlebte den Dachauer "Priesterblock", er starb 1974. Nach dem Krieg berichtete er, was im Lager vor sich ging. Zwischen 1933 und 1945 waren 200.000 Menschen in Dachau interniert. 41.500 starben an den Haftfolgen oder wurden ermordet. Drei Baracken waren für Geistliche reserviert, die zu 90 Prozent der katholischen Konfession angehörten. Von den 2720 inhaftierten Priestern und Ordensleuten waren 1780 Polen. 868 polnische Priester starben. Von den 447 Deutschen und Österreichern im Priesterblock haben 94 die Haft nicht überlebt. Auch nicht Alojs Andritzki, der einer der jüngsten inhaftierten Geistlichen war.

Münch und Andritzki gelobten sich in den ersten Tagen im KZ, niemals zu klagen, niemals ihre Ehre als Akademiker mit Füßen zu treten und keinen Augenblick ihre priesterliche Berufung zu vergessen, wie auf einer Andritzki gewidmeten Webseite des Cyrill-Methodius-Vereins berichtet wird, einem Zusammenschluss katholischer Sorben. Mithäftlinge berichteten, wie der Kaplan sie aufgemuntert habe, im Handstand durch den Schlafsaal lief und mit Saltos in die dritte Etage seines Stockbettes sprang.

"Es gibt schon Stunden der tiefsten Verlassenheit", schrieb Alojs Andritzki noch aus der Dresdner Untersuchungshaft nach Hause, "aber das muss ja sein, damit umso größer die Liebe und Freude Gottes in mir Raum gewinnen kann." In den Wochen vor seinem 75. Todestag, seit dem ersten Sonntag im Advent, werden von den Katholiken in Radibor vor dem Gottesdienst Andritzkis Haftbriefe gelesen.

"Ich habe das Gefühl, es findet eine neue Auseinandersetzung mit dem seligen Alojs Andritzki statt", sagt Benno Jakubasch, der heutige Pfarrer. Etwa 1600 Menschen, die in 60 Dörfern leben, zählen zur katholischen Gemeinde Radibor. Jeden Sonntag kommen etwa 500 in die Gottesdienste, die in deutscher und sorbischer Sprache gefeiert werden. Anfang der 1990er-Jahre, als es hier kaum Arbeit gab, zogen viele Leute fort. Inzwischen ist die Lage besser und die Gemeinde stabil.In Dachau, wo die Inhaftierten unter Hungersnöten litten, erkrankte Alojs Andritzki 1942 an Typhus. Entkräftet meldete er sich auf der Krankenstation. Anfang Februar 1943 wusste er sich dem Tod nahe und fragte nach dem Lagerkaplan. Was dann geschah, berichtete Hermann Scheipers, einer der letzten Überlebenden des Dachauer Priesterblocks, zur Seligsprechung 2011: "Der Obercapo, der Aufseher vom Krankenrevier war ein österreichischer Pfaffenfresser, wie wir sagten. ,Was, a Pfaffen will er habe, a Spritzn kriegt er!', das war seine Reaktion. Und das war der Tod, der gewaltsame Tod von Alojs Andritzki."

Die Seligsprechung des Alojs Andritzki war die erste Zeremonie dieser Art in Sachsen seit 1523, als Bischof Benno von Meißen heiliggesprochen wurde, der vor tausend Jahren lebte. Sie hat auch das Interesse an Radibor, Andritzkis Heimatgemeinde, verstärkt, wie der Bürgermeister Vinzenz Baberschke bestätigt. Das heutige Gemeindeamt ist Andritzkis Geburtshaus. Im Amtszimmer Baberschkes kam der Märtyrer zur Welt. Ein Gedenkrelief am Haus und ein Bildnis am Eingang zum Zimmer des Bürgermeisters erinnern daran. Zeitzeugnisse findet man hier nicht mehr. "Das Haus wurde renoviert und umgebaut", erklärt Baberschke. "Zu DDR-Zeiten war hier eine Grundschule drin."

Die Verehrung Andritzkis in Radibor setzte nach Kriegsende ein. Gedenkorte wurden eingerichtet. Als 1984 ein Neubau für den katholischen Kindergarten entstand, erhielt das Kinderhaus den Namen Andritzkis. Damaliger Pfarrer in Radibor war Clemens Rehor, der heute als Propst in Chemnitz wirkt.

Am Samstag dieser Woche feiert Bischof Heinrich Timmerevers um 10 Uhr in der Pfarrkirche Radibor einen Gottesdienst zu Ehren Alojs Andritzkis. Danach gibt es ein Begegnungsfest. "Wenn man einen Glauben hat, hat man immer auch ein bisschen Rückhalt", sagt die hundertjährige Maria Grajcarek, die noch regelmäßig im Altersheim die Heilige Messe besucht. "Das stärkt!"

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    mathausmike
    30.01.2018

    Alois Andritz gebührt Hochachtung.
    Möge sein Andenken immer bewahrt werden und man darf nie vergessen, was ,Menschen unter einer menschenfeindlichen Herrschaft,anderen antun können!



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