Bildungsagentur: Natürlich sind Kopfnoten auch subjektiv

Am Freitag bekommen rund 400.000 Schüler in Sachsen Zeugnisse - mit Kopfnoten. Die Verhaltenszensuren sind eine Rarität in Deutschland.

Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit sind keine Schulfächer, werden aber trotzdem mit Zensuren von 1 bis 5 bewertet. Deutschlandweit gibt es nur in Sachsen und Brandenburg Kopfnoten. Niedersachsen hat Bewertungsstufen ohne Zensuren. Kopfnoten sorgen oft für Kritik, weil oft nicht nachvollziehbar ist, wie diese zustande kommen. Haben Sympathie oder Antipathie einen Einfluss darauf? Stephanie Wesely hat den Sprecher der Sächsischen Bildungsagentur, Roman Schulz, dazu befragt.

Freie Presse: Herr Schulz, Sachsen hat die Kopfnoten noch fast wie zu DDR-Zeiten beibehalten. Ist das noch zeitgemäß?

Roman Schulz: Ja, denn die Schule hat auch einen Erziehungsauftrag. Schon deshalb ist eine Einschätzung der sozialen Kompetenzen von Schülern nicht nur legitim, sondern auch zwingend notwendig. Und damit auch zeitgemäß, zumal Unternehmen, die die Jugendlichen nach der Schule weiter ausbilden, wissen wollen, wie es um die Persönlichkeit ihrer künftigen Azubis steht. In Sachsen wird das Verhalten aber nicht mehr wie zu DDR-Zeiten bewertet. Es gelten andere Maßstäbe. Nach der Wende gab es viele Diskussionen und auch Kritik an den Kopfnoten. Doch das Kultusministerium, die Lehrer- und Elternverbände haben sich gemeinsam darauf verständigt, die Benotung des Verhaltens beizubehalten. In diesem Sinne hat jetzt auch das sächsische Oberverwaltungsgericht entschieden und die Kopfnoten als verfassungsmäßig bezeichnet.

Was soll mit den Kopfnoten bewirkt werden? Sind sie Lob oder Strafe?

Weder noch. Sie sollen den Schüler nicht rückwirkend verurteilen, sondern eine Hilfestellung und ein Wegweiser sein, damit der Schüler die Möglichkeit hat, sein Verhalten zu ändern. Die Noten können auch mit Tendenzen, also mit Plus oder Minus versehen werden, um Zwischentöne aufzeigen zu können. Zudem sollten die Zensuren immer im Zusammenhang mit der verbalen Einschätzung gesehen werden. Auf dem Abschlusszeugnis stehen dann aber nur noch die Fachnoten, weil dieses Zeugnis ja ein Leben lang vorgezeigt werden muss.

Also können die Kopfnoten doch stigmatisieren?

Nein. Nur im Abschlusszeugnis helfen sie dem Schüler nicht mehr. Er hat nach dem Verlassen der Schule keine Möglichkeit, sein Verhalten so zu ändern, dass er eine bessere Note bekommt.

Wer legt die Kopfnoten fest - der Klassenlehrer?

Ja, aber nicht allein, die Klassenkonferenz ist ebenso zuständig. Dazu gehören neben dem Klassenlehrer alle Fachlehrer, bei dem der Schüler Unterricht hat. Der Klassenlehrer hat aber das Vorschlagsrecht und entscheidet letztendlich.

Sprechen dann zehn Fachlehrer über die Noten von jedem Schüler? Das dauert doch Stunden.

Es wird in der Regel nicht jeder Schüler einzeln besprochen. Der Klassenlehrer unterbreitet Vorschläge, die er zum Beispiel in Listen einträgt und den Fachlehrern übergibt. Diskutiert wird dann nur über strittige Fälle, wo die Fachlehrer mit dem Vorschlag des Klassenlehrers nicht einverstanden sind. Am Ende wird darüber entschieden. Kopfnoten sind also keine willkürliche Entscheidung eines Lehrers.

Aber einheitliche Bewertungsmaßstäbe gibt es für das Verhalten nicht. Wie entsteht die Note?

Es gibt gewisse Grundsätze, die rechtlich festgelegt sind, zum Beispiel, dass Betragen etwas mit Zivilcourage, Rücksichtnahme, Toleranz, Gemeinsinn und Hilfsbereitschaft zu tun hat. Doch was das praktisch bedeutet, regelt jede Schule für sich. So kann die Schulkonferenz der Schule A festlegen, dass man für eine Ordnungsnote 1 höchstens dreimal im Schuljahr Arbeitsmittel vergessen oder zu spät kommen darf. Bei Schule B darf das vielleicht fünfmal passieren.

Ordnung- und Fleißnoten sind noch erklärbar. Die eine betrifft die Arbeitsmittel, die andere die Hausaufgaben. Aber Betragen? Das sieht doch jeder anders?

Natürlich sind Kopfnoten auch subjektiv. Sie spiegeln den persönlichen Eindruck wider, den ich als Lehrer von dem Schüler habe. Hinzu kommen Punktekataloge über die Häufigkeit der vergessenen Arbeitsmittel. Aber nicht nur die Verhaltensnoten, auch Fachzensuren, zum Beispiel in Kunst, Musik oder Sport, sind in gewisser Weise subjektiv, denn sie enthalten immer eine persönliche Sicht. Selbst die Bewertungsmaßstäbe für Mathematik unterscheiden sich von Schule zu Schule. Jede kann für sich festlegen, wie viel Prozent von der Gesamtleistung welcher Note entsprechen. In einer Schule bekommt man noch bei 95 Prozent der Gesamtpunktzahl eine Eins, in der anderen Schule nur bei 100 Prozent. Da ist nichts Ungesetzliches dabei. Zur Regulierung gibt es die Klassenkonferenz, für Fachnoten die Zensuren- und die Versetzungskonferenz.

Klagen eigentlich viele Eltern gegen die Kopfnoten ihrer Kinder?

Das lässt sich so nicht sagen, weil Klagen gegen Kopfnoten nicht gesondert erfasst werden. Bei rund 400.000 Schülern in Sachsen hatten wir im letzten Jahr kaum 100 Klagen gegen das Zeugnis oder den Versetzungsvermerk. Die Eltern sind also größtenteils mit unserer Arbeit zufrieden. Das spricht für die gute Qualität von Schule.

Oder für Resignation, weil sie mit ihrer Klage ohnehin keinen Erfolg zu erwarten haben.

Das glaube ich nicht. Die Eltern sind heute sehr selbstbewusst und engagiert. Das wollen wir auch so, die Schulen sollen als offen und transparent wahrgenommen werden. Das gilt auch in Bezug auf die Kopfnoten. Sie kommen selten wirklich überraschend. Der Schüler hat vorher Einträge oder Mitteilungen an die Eltern bekommen, wenn er häufig zu spät kommt oder Hausaufgaben und Arbeitsmittel immer wieder vergisst. Eine schlechte Kopfnote kommt daher nicht aus heiterem Himmel.

Sind die Kopfnoten nicht eher eine Bewertung der Eltern?

Nein, denn die Eltern sind ja nur ein Erziehungsträger. Aber richtig ist natürlich, dass es die Kinder in der Schule einfacher haben, die zu Hause auch Grundwerte lernen. Die Schule versteht sich als Wertehüter und -vermittler, aber nicht als Reparaturwerkstatt der Gesellschaft. Wir können die Fehler des Elternhauses nicht beheben.

Wenn die Fachnoten auf dem Zeugnis schlecht sind, kann man Nachhilfe organisieren. Wie sollten Eltern auf schlechte Kopfnoten reagieren?

Sie sollten auf jeden Fall immer darauf reagieren, jedoch nicht spontan oder drohend. Wir raten Eltern, sich und ihren Kindern nach Kenntnis der Noten eine Denkpause zu gönnen, in der jeder für sich analysiert. Dann vereinbart man einen Zeitpunkt, an dem man ruhig und konstruktiv darüber spricht. Vielleicht lässt man zunächst das Kind sagen, wie es sich die Benotung erklärt, und was alle ändern können, damit sich die Situation verbessert. Wichtig sind feste Regeln und Zeiten für schulische Dinge. Wann werden Hausaufgaben erledigt? Wie oft und an welchen Wochentagen wird die Schultasche ausgeräumt und gesäubert? Wer kontrolliert wann die Schultasche? Sind Arbeitsplatz und Aufbewahrungsmöglichkeiten ausreichend? Eine nicht so gute Kopfnote kann und soll etwas Konstruktives sein und Positives bewirken.

Können Kopfnoten die Versetzung gefährden?

Nein. Das ist allein durch die Fachnoten möglich.


Roman Schulz 

Er ist Pressesprecher des Landesamtes für Schule und Bildung in Chemnitz. Der 59-jährige Diplomfachlehrer für Deutsch und Geschichte unterrichtete bis 1991 an einer Leipziger Schule und war danach in der Schulaufsicht tätig. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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